Whitesnake

1987 – 30th Anniversary Deluxe Edition 2-CD

  • Artist: Whitesnake
  • Album: 1987 – 30th Anniversary Deluxe Edition 2-CD
  • Label: Parlophone / Warner
  • Release: 2017-10-06
  • Medium:
  • Bewertung:0

Und noch eine… Das Whitesnake-Album „1987“ (in den USA als „Whitesnake“ oder in Japan als „Serpens Albus“ veröffentlicht) befindet sich mittlerweile zum vierten Mal in meinem Besitz. In vier unterschiedlichen Versionen. Da ist die originale, europäische LP-Version, die orginale CD-Fassung (mit zwei nicht auf der LP enthaltenen Bonustracks – so war das früher, Kinder!), die remasterte 20th Anniversary Version mit der Bonus-DVD – ja, und nun die 30th Anniversary Edition mit einer Bonus-Live-CD. Daß schon bald eine Vier-CD-Super-Deluxe-mit-noch-einer-anderen-DVD erscheint, ist selbstverständlich. Aber, bleiben wir bei der hier vorliegenden 2-CD-Version.

Was soll man über „1987“ noch groß sagen? Einer DER Klassiker der Achtziger, markierte es für Whitesnake einen kompletten Neubeginn, ja, effektiv war „1987“ das Debütalbum einer neuen Band. Nachdem die Band jahrelang mit den Ex-Deep Purple-Mitgliedern David Coverdale, Ian Paice und Jon Lord (und Deep Purple-Produzent Martin Birch) den Sound der Mk. III- und IV-Besetzungen fortgeführt hatte, waren bereits 1984 einige deutliche Umbesetzungen erfolgt. Paice und Lord hatten Deep Purple reformiert, und so klangen auch die 1984 und 1985 absolvierten, in Vier-Mann-Besetzung mit NWOBHM-Gitarrenheld John Sykes, Cozy Powell und Langzeitbasser Neil Murray kaum mehr nach dem bislang typischen Gemisch aus Blues, Hardrock und Soul. So wurde das „1987“-Album komplett von Sykes und Coverdale geschrieben und mit Murray und ex-Journey– und Frank Zappa-Drummer Aynsley Dunbar eingespielt. John Sykes brachte mit seinen puren Metal-Riffs eine höchst umstrittene Komponente ein, die mit Coverdales sich nun ausschließlich in Foreigner-/Bon Jovi-artigen AOR-Gefilden bewegenden Gesangslinien zu einer bis dato nicht gehörten – und höchst erfolgreichen – Mischung führte. Die komplette, heutige Melodic Metal-Bewegung wäre ohne „1987“ definitiv nicht denkbar – auch wenn kaum mehr eine Band das Niveau der Scheibe erreicht hat. Hier gab’s sowohl gnadenlos nach vorne feuernden Hardrock wie ‚Bad Boys‘ und ‚Children Of The Night‘, pure AOR- und Popsongs wie ‚Is This Love‘ und die Neuaufnahme von ‚Here I Go Again‘ und zum Abrunden den metallisierten Led-Zeppelin-Sound der epischen ‚Still Of The Night‘ und ‚Crying In The Rain‘ (das fünf Jahre zuvor noch eine reine Bluesnummer gewesen war). John Sykes hatte den fettesten Gitarrensound, den man bis dato gehört hatte, und Coverdale bewies sich einmal als einer der besten Sänger des Genres.

Und so kommen wir zu CD 2, einem hier „Snakeskin Boots“ betitelten Livemitschnitt. Und auf dem spielt – außer Coverdale – weder ein originales Whitesnake-Mitglied noch einer der auf „1987“ spielenden Musiker. In der endlos langen Produktionszeit von „1987“ überwarf sich Coverdale mit der kompletten Band, so daß zur Veröffentlichung effektiv überhaupt keine Band namens Whitesnake mehr existierte. Also stellte sich Coverdale eine musikalisch potente und natürlich auch MTV-tauglich gutaussehende Band zusammen. Von Dio holte er sich Vivian Campbell, von den niederländischen Hardrockern Vandenberg den Namensgeber und Boss Adrian Vandenberg, von Quiet Riot kam Bassist Rudy Sarzo und von Ozzy Osbourne der Schlagzeuger Tommy Aldridge. Die Theorie, daß „1987“ eigentlich nichts mehr mit den Whitesnake der Jahre 1978-1982 zu tun hatte, wird auch durch „Snakeskin Boots“ nochmals untermauert: das Material stammt nämlich mit Ausnahme des Bobby Bland-Covers ‚Ain’t No Love In The Heart Of The City‘, welches Whitesnake auf ihrer ersten EP aufgenommen hatten, ausschließlich von „1987“ und seinem Vorgänger „Slide It In“. Fans dürften die Aufnahmen bereits von den Bootleg-LPs „Live In Tokyo“ und „Japanese Tits“ bekannt sein – wobei das dem zweiten Album seinen Titel gebende, in ‚Tits‘ umbenannte Cover von ZZ Tops Klassiker ‚Tush‘ vermutlich aus rechtlichen Gründen hier fehlt. Der Sound ist für eine Soundboard-Aufnahme echt ordentlich, auch wenn die Gitarren ein wenig leise geraten sind. Die Performance hingegen ist durchaus streitbar – Coverdale hatte damals schon unüberhörbar erste Probleme mit seiner Stimme, die sich in den Folgejahren noch verschlimmern sollten, und auch die Rhythmusgruppe wird ihrem guten Ruf nicht gerecht. Rudy Sarzos recht einfallsloses Bassspiel – inklusive einiger höchst unpassender Slap-Parts! – enttäuscht ebenso wie die teils außerordentlich nervigen Temposchwankungen von Tommy Aldridge. Wunderbar zu hören in ‚Guilty Of Love‘: los geht’s ein wenig langsamer als im Studio, dann zieht Aldridge tierisch an, nur um in der zweiten Hälfte des Songs nach einer Jam schließlich wieder zum Rande des Einschlafens langsamer zu werden. Über die miese, völlig gefühlsfreie Zersägung des erwähnten ‚Ain’t No Love In The Heart Of The City‘ decken wir auch lieber den Mantel des Schweigens. Dafür gehen die straighteren Sachen wie ‚Give Me All Your Love‘, ‚Still Of The Night‘ und ‚Bad Boys‘ ordentlich auf die Mütze, so daß die CD mit einigen Abstrichen dennoch Spaß macht.

Braucht man die vorliegende Doppel-CD also? Nun, wenn man „1987“ noch nicht besitzt, natürlich. Denn „1987“ ist eben einer der Klassiker des Achtziger-Hardrock und gehört eigentlich in jede Sammlung. Im Gegensatz zur 1-CD-Fassung und der – offen gesagt ärgerlichen – Zwanzig-Jahre-Edition wurde hier mit den 73 Minuten Livemucke nämlich wirklich lohnenswertes Bonusmaterial spendiert, die auch einen erneuten Kauf durchaus rechtfertigt – so man denn mit der amerikanisierten Hardrock-Version von Whitesnake kann. Auch die optische Aufmachung ist diesmal wirklich schön, im Digi wurde beispielsweise die Covers der zeitgenössischen Singles abgedruckt, und im Booklet findet man Linernotes, Fotos – aber leider keine Texte. Schade auch, daß wieder nicht die ursprüngliche LP-Songreihenfolge berücksichtigt wurde – der ultrafette Beginn mit der Neuversion von ‚Crying In The Rain‘ ist nämlich auf Dauer einfach unschlagbar. Dennoch, eine sinnvolle und gutgemachte Neuauflage. Passt so!

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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