Deceivers

Was haben Arch Enemy und Die Toten Hosen gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts, liegen doch sowohl musikalisch als auch textlich Welten zwischen ihnen. Beim näheren Hinsehen fällt allerdings auf, dass beide in ihren jeweiligen Szenen zugleich verachtet und geachtet werden. Verachtet, weil sie angeblich zu poppig, zu mainstreamig oder zu erfolgreich sind. Geachtet, weil sie wichtige musikalische Vorreiter sind und durch ihre Ausrichtung wunderbar als Einstieg in ihre jeweiligen Genres dienen können und so „Nachwuchs“ akquirieren. Genau aus diesen Gründen darf wieder wunderbar über die neue Platte „Deceivers“ von Arch Enemy (Century Media) gestritten werden.

Direkt mit dem Opener „Handshake with Hell“ wissen Arch Enemy zu überraschen. Musikalisch greift das Riffing sehr stark die New Wave of British Heavy Metal auf, während Sängerin Alissa White-Gluz zu den schnellen Gitarren ihre Growls abfeuert. Doch dann folgt die Überraschung: Sie wechselt in den Clean-Gesang, dem erstaunlicherweise relativ viel Raum gewährt wird. Dieses Stilelement – es ist überhaupt erst das zweite Mal, dass sie es auf einem Arch-Enemy-Album verwendet – bringt Arch Enemy in neue Sphären. Den Klargesang so prominent zu Beginn von „Deceivers“ zu setzen dürfte wohl die Diskussionen um bewusste musikalische Eingängigkeit wieder entfachen.

Direkt danach gehen die Schweden in die Vollen. „Deceivers, Deeceivers“ ist ein Melodic-Death-Metal-Kracher aller erster Güte und mit seiner Geschwindigkeit, Urgewalt und seinem wahren Neckbreaker-Riffing. Es ist wohl einer der besten Songs, die Arch Enemy jemals geschrieben haben.

Auch die anschließenden Lieder auf „Deceivers“ lassen keine Fragen offen: Seien es der High-Speed-Track „The Watcher“, das zwar langsame, aber heftige und groovige „In the Eye of the Storm“ oder die etwas komplexer komponierten „Sunset Over the Empire“ und „House of Mirrors“. Sie alle bieten abwechslungsreichen Melodic-Death-Metal auf höchstem Niveau. Das Gitarrenspiel von Michael Amott und Jeff Loomis sitzt perfekt und Alissa White-Gluz ist als Frontfrau in Höchstform und (wie immer) über jede Kritik erhaben.

Hinten raus geht „Deceivers“ etwas die Luft aus. Der kitschig-pathetische Refrain in „One Last Time“ ist diesen kleinen Ticken drüber, der etwas über dem Ertragbaren ist. Von einem „Tage wie diese“ der Toten Hosen ist es aber doch noch weit genug entfernt. Hinzu kommt mit „Exiled from Earth“ ein abschließender Song, der einfach ein bisschen wie langweilige Standardkost von Arch Enemy wirkt.

Abgesehen von diesen kleinen Abstrichen gelingt Arch Enemy mit „Deceivers eine richtig gute Platte mit größtenteils ganz starken Songs, die den Melodic-Death-Metal der beiden Vorgängeralben fortsetzen. Wer mit dieser Musikrichtung jedoch nichts anfangen kann und in ihr den Untergang des Abendlandes bzw. Death Metals sieht, wird mit dem Longplayer des Quintetts nicht glücklich.

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Dominik

Groß geworden mit Punkrock und Power-Metal, weiterentwickelt mit Alternative und Thrash-Metal, erwachsen geworden mit ein bisschen Progressive-Metal. Und dennoch bleiben die All-Time-Favorites klassisch: Bad Religion, Die Toten Hosen, Machine Head, Iron Maiden, Blind Guardian, Faith No More.... und aus unerfindlichen Gründen mit einer heimlichen Zuneigung zu J.B.O. 

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