Green Lung

Woodland Rites

  • Artist: Green Lung
  • Album: Woodland Rites
  • Label:
  • Release: 2019-03-20
  • Medium:
  • Bewertung:2

So, wie es Ende der 1980er eine Flut an AC/DC-Soundalikes gab und Mitte der 1990er Gott und die Welt The Beatles kopierten, gibt es mittlerweile eine unüberschaubare Menge an Bands, die sich ihren kompletten Modus Operandi von Black Sabbath abgeschaut haben. So kann man auch nicht umhin, den Elefanten im Raum anzusprechen: auch Green Lung klingen ziemlich exakt wie Black Sabbath. Der Gitarrensound klingt nach Iommi, die Riffs auch, der Sänger nach Ozzy, und textlich gibt’s die Sabbath-übliche Mixtur aus Pseudookkultem, Drogen und Onkel Geezers Märchenstunde.

Immerhin orientieren sich die Londoner ausnahmsweise nicht an der Frühphase der Band, sondern eher an der „Sabbath Bloody Sabbath“/“Sabotage“-Phase, also nicht der erdigen, nach wie vor Cream-lastigen Kiffer-, sondern der abgehobeneren Koks-Phase der Band. Das liegt einerseits an der Hammond-Orgel, die ein schön psychedelisches Flair in die Musik einbringt, zum Anderen an den bisweilen überraschend verspielten Gitarren, die nahelegen, dass Gitarrist Scott Black auch „Queen II“ mehr als einmal gehört hat – man höre nur die mehrstimmigen Brian-May-Gedächtnis-Gitarren in, ähem, ‚May Queen‘ – kaum anzunehmen, dass der Songtitel Zufall ist. Ja, für ein Album, das sich zum Ziel gesetzt hat, ein akustisches Äquivalent zu nihilistischen Folk-Horror-Streifen wie „In den Krallen des Hexenjägers“ und „The Wicker Man“ zu werden, geht es auf „Woodland Rites“ in der Tat erstaunlich launig und lebhaft, ja, dank der oft poppigen Melodien bisweilen regelrecht glamourös zu. Da fühlt man sich eher an die ausschweifenden, LSD-getränkten Hipster-Parties von „Dracula jagt Minimädchen“ erinnert als an blutigem Ernst verhaftete heidnische Rituale, da helfen auch die betont klischeehaften Lyrics nichts. Statt nach unappetitlichen Ziegen- und Menschenopfern klingt das Ganze eher nach jungen Menschen aus gutem Hause, die mit dem Deibelsgedöns ordentlich auf dicke Hose machen, um die Damen – pardon, angehenden Hexen – zu beeindrucken. Nix mit Sumbel und Blót, sondern „ey, zieh‘ mal hier dran“ und „willste mit nach oben gehen?“.

Ob die wenig düster tönende Atmosphäre des Ganzen nun Absicht oder unfreiwillige Inkompetenz ist, sie steht Green Lung in jedem Fall gut zu Gesicht. Ähnlich wie beispielsweise Ghost oder deren Vorbilder, die frühen Blue Öyster Cult, steigert das Augenzwinkern nämlich den Unterhaltungswert der Songs enorm und hilft Green Lung, trotz starker Sabbath-Lastigkeit die meisten Fallstricke des Retro-Doom zu vermeiden. Nicht viele Doomer schaffen respektive wagen es, in einem ihrer Songs das Gitarrenlick von Kiss‘ ‚Shout It Out Loud‘ zu verstecken (‚Into The Wild‘). Wer’s also auf-Teufel-komm‘-raus „authentisch“ evil haben will, sollte „Woodland Rites“ eher großräumig vermeiden, „there’s nothing for you here!“. Wer aber Bock auf 42 Minuten verflucht eingängigen und trotz schleppender Tempi ordentlich rockenden „Party-Doom“ hat, wird hiermit jede Menge Spass haben.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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