Steven Wilson – Der Synergetiker

Er brachte die Alben der alten Legenden auf Vordermann, schrieb mit Porcupine Tree an der Musikgeschichte mit und führte den Prog zurück in die Charts. Nach dem musikalischen Kurzgeschichtenband 'The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)' veröffentlicht Steven Wilson mit 'Hand.Cannot.Erase' jetzt so etwas wie seinen Debütroman – aufbauend auf einer wahren Geschichte. Wir sprachen mit ihm in Köln über Perspektivenwechsel, versteckte Talente und die Einsamkeit des 21. Jahrhunderts.

Steven, du konntest – gemessen an den Verkaufszahlen – mit ‚The Raven That Refused To Sing‘ den größten Erfolg deiner Karriere verbuchen, hast nach langer Zeit den Progressive Rock wieder in die Gipfelregionen der Charts geführt. Inwieweit hat sich diese Erfahrung auf die Arbeit am neuen Album ausgewirkt?

Ich bin alt und erfahren genug, um zu wissen, dass man keinen Schatten nachjagen kann. Vor allem kannst du niemals im Voraus schon wissen, was gefragt oder erfolgreich sein wird. ‚The Raven‘ ist das klassische Beispiel für ein Album, von dem ich dachte, es würde zu den am wenigsten kommerziellen, unzugänglichsten Sachen zählen, die ich jemals herausgebracht habe. Und doch haben es die Leute geliebt, ist es das erfolgreichste Album meiner Karriere geworden. Wenn ich daraus etwas gelernt habe, dann ist es wohl, einfach das zu tun, was ich selbst will, anstatt mir Gedanken darüber zu machen, wie die Musik wohl ankommen mag und ob sie im Radio gespielt würde. Bei der Arbeit am neuen Album habe ich das auch so gehalten.
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Würdest du dennoch zustimmen, wenn es heißt, ‚Hands.Cannot.Erase‘ sei kommerzieller ausgefallen? Du hattest ja angekündigt, es würde eine poppigere Angelegenheit werden als gewohnt.

Philosophisch, musikalisch und stilistisch gibt es da eine Kontinuität, im Ganzen gesehen aber unterscheidet sich ‚Hand.Cannot.Erase‘ von seinem Vorgänger. Es gibt zwei Stücke auf der Platte, die poppiger sind als der Rest. Ein Großteil des Albums ist immer noch episch, ambitioniert und kompromisslos. Der Unterschied besteht darin, dass es auf ‚The Raven‘ keinerlei Stücke gab, die ein Radiosender gespielt hätte. Im Gegensatz zur neuen Platte: Da gibt es ein paar, die sogar im Radio laufen könnten.

Wenn ‚The Raven That Refused To Sing‘ eine Sammlung von Kurzgeschichten war, was ist dann ‚Hand.Cannot.Erase‘?

Am ehesten ein Roman. Während ‚The Raven‘ eine Serie von Kurzgeschichten war, die thematisch miteinander verknüpft waren, ist das neue Album eine einzige, zusammenhängende, filmische Geschichte, die ja eigentlich ein gesamtes Leben umspannt. Das Leben einer ganz bestimmten Frau – von ihrer Geburt bis zu ihrem Verschwinden in ihren Dreißigern. Auch das macht es zu einem schwierigeren Stück Musik, denn es muss vom Anfang bis zum Ende und am Stück erlebt werden, so wie du auch ein Buch lesen oder einen Film schauen würdest.

„Buch“ ist ein gutes Stichwort. In einem der Vorab-Trailer erzählst du ja, Lesen und Musikhören gingen für dich traditionsgemäß Hand in Hand. Gibt es da Musik-Buch-Assoziationen, die sich bei dir fest verankert haben?

Bezogen auf meine Musik gibt es einige Sachen, die ich gelesen habe, als ich zum Teil sehr jung war. Die immer Teil meiner DNA sein werden. Genauso verhält es sich mit Platten, die ich damals gehört habe. Oder die meine Eltern gehört haben.

Hast du ein Beispiel auf Lager?

Es gibt da ein Buch von James Joyce namens ‚Dubliners‘. Es ist ein Buch voller Kurzgeschichten über Menschen, die im frühen 20. Jahrhundert in Dublin leben. Was alle diese Geschichten miteinander verbindet, ist der Gedanke der Lähmung. Keine wortwörtliche Lähmung, sondern etwa die emotionale. Der Gedanke, dass Menschen sich festfahren, steckenbleiben können an einem Punkt ihres Lebens, sei es eine unglückliche Beziehung, ein Job oder eine Stadt, die sie hassen. Das Buch dreht sich um all jene Charaktere, die auf diese Weise von den Umständen gelähmt sind und nicht ausbrechen können. Wenn du dir meine textliche Arbeit ansiehst, bemerkst du eine gewisse Verbindung. Da bildet ‚Hand.Cannot.Erase‘, das ja von dieser einen Frau handelt, keine Ausnahme.
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Um die Geschichte dieser Frau in deiner Musik zum Leben zu erwecken, hast du dich bemüht, die weibliche Perspektive einzunehmen. Hat dich das als Mann nicht vor eine Herausforderung gestellt?

Das war keine leichte Angelegenheit, obwohl ich ja schon lange Stücke aus autobiographischem Blickwinkel heraus schreibe, und zwar auch dann, wenn es sich um fiktive Charaktere handelt. Natürlich spielt auch viel Autobiographisches von mir selbst da rein, denn du kannst nicht erwarten, einen Song über Einsamkeit, Bedauern oder Depression zu schreiben, solange du diese Dinge nicht selbst einmal erlebt hast. Der Perspektivenwechsel ist immer eine Herausforderung, aber die eigenen Erfahrungen machen es ein wenig leichter. Diesmal war es etwas anders, weil ich als weiblicher Charakter überzeugend sein wollte. Da gibt es ja diese Redensart von wegen Männer kämen vom Mars und Frauen von der Venus, Männer verstünden Frauen nicht und umgekehrt. Die Zukunft wird zeigen, wie gut es mir gelungen ist, den Blickwinkel zu wechseln. Ich bin jedenfalls gespannt auf Feedback gerade von Hörerinnen.

Hat dieser Versuch auch auf die musikalische Herangehensweise übergegriffen? Mit Ninet Tayeb hattest du ja immerhin auch eine Gastsängerin im Studio.

Oh, gute Frage – ich weiß nicht so recht. Weißt du, über Musik zu sprechen, ist generell schwierig. Die Antworten auf die Frage nach dem Warum sind schwer zu artikulieren. Während ich einige Songs schrieb, hatte ich oft schon weiblichen Gesang im Kopf. Ich bin sicher, dass sich das in irgendeiner Weise auf die Musik ausgewirkt hat – und dass die Story an sich die Musik in Teilen gesteuert hat.

Inwiefern nimmt der Albumtitel, ‚Hand.Cannot.Erase‘, Bezug auf die Geschichte?

Für mich persönlich gibt es da eine sehr enge Verbindung, aber die möchte ich nicht erklären.
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Weil du den Hörern nicht deine Eigeninterpretation aufdrücken möchtest?

Weil Betitelungen eigentlich ein Jammer sind. Denn wenn du einen Song betitelst, gibst du den Leuten fast komplett vor, worum es in dem Song gehen soll. Dabei gehört doch die persönliche Wahrnehmung zu den schönsten Dingen beim Songwriting. Es geht darum, was der Einzelne in den Stücken sieht. Manchmal kommen Leute zu mir und deuten meine Stücke, erzählen mir ganz begeistert von ihrer Interpretation, und ich muss antworten: Nein, das wollte ich damit gar nicht ausdrücken. Aber gültig ist es ja trotzdem. Insofern ist alles, was ich dir jetzt sagen kann, Folgendes: Die Geschichte handelt von einer Frau, die sich entschieden hat, zu verschwinden. Die sich entschieden hat, sich aus der modernen Welt auszuradieren, weil sie sich nicht zugehörig fühlt.

Glaubst du, für Joyce Vincent, auf deren Fall ja deine Geschichte basiert, war es auch eine bewusste Entscheidung?

Ich denke schon. Schau dir ihr Leben an: Sie hatte viele, die ihre Freunde sein wollten, viele Verehrer, die mit ihr zusammen sein wollten, und doch hat sie diese Wahl getroffen.

Ist es denn überhaupt möglich, einfach so zu verschwinden – in einer von sozialen Netzwerken beherrschten Welt, in der ständig jeder mit jedem und alles mit allem über das Internet verbunden ist?
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Ich glaube, das macht es komischerweise noch einfacher, sich in die Isolation zurückzuziehen. Für mich ist das eines der maßgeblichen Phänomene des 21. Jahrhunderts. Der Gedanke, im Herzen einer Metropole zu leben, umgeben von Menschen, die über das Internet miteinander und mit tausenden anderen in Verbindung stehen, und dennoch mutterseelenallein zu sein. Social Networking bedeutet, du kannst den Anschein wahren, hunderte von Freunden zu haben, während eigentlich keiner dieser Menschen überhaupt wirklich dein Freund ist. Du kennst niemanden von diesen Leuten wirklich, hattest mit kaum welchen von ihnen zwischenmenschlichen Kontakt. Solche Fälle werden sich vermutlich häufen, da die Menschen sich zunehmend fremder in ihrer Umgebung fühlen, sich irgendwie aus der modernen Welt zurückziehen möchten. Joyce Vincent ist ein gutes Beispiel.

Wer heute sein Facebook-Profil löscht, der setzt sich einem Sturm von Unverständnis, vielleicht sogar der Besorgnis aus.

Ja. Sein Facebook-Profil zu löschen, gehört zu den größten Gesten, die du heutzutage vollbringen kannst – und zu den schockierendsten. Es ist, als würden Schockwellen in Richtung all deiner Freunde und Familienmitglieder ausgesendet. Weil es so außergewöhnlich erscheint, nicht auf Facebook unterwegs zu sein. Einige werden dir vorwerfen, du würdest dich abkapseln. Ich denke, das Gegenteil ist der Fall: Jemand, der sich entscheidet, seinen Account zu löschen, wird das tun, um sich seinen echten, richtigen Freunden zu widmen, sie in der realen Welt zu treffen, mit ihnen auszugehen. Ich selbst habe zwar so eine offizielle Business-Seite, aber ein privates Profil habe ich nicht, und zwar ganz bewusst. Ich will nicht, dass mein Leben öffentlicher wird, als es ohnehin schon ist.

Andererseits kann es ja auch ganz hilfreich sein, wenn man Kontakt zu den Menschen aufrecht erhalten möchte, die weit entfernt leben. Vielleicht würden ohne Social Media so einige Beziehungen einschlafen.
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Facebook hilft genau dort. Andererseits eröffnet es den Menschen, die dich nicht kennen, Einsicht in dein Leben. Warum nicht einfach anrufen? Eine Email schreiben? Video-Chat, FaceTime? Du musst keine Facebook-Seite haben, die die ganze Welt sich angucken kann. Warum sollten von überall auf diesem Planeten Fremde dich unter die Lupe nehmen können? Es hat womöglich mit dem Selbstwertgefühl und Narzissmus zu tun, wenn man das Bedürfnis hat, sich öffentlich zur Schau zu stellen. Facebook befriedigt exakt dieses Bedürfnis. Als Musiker verstehe ich das alles und kann es auch an mir selbst beobachten. Ich muss meine Musik verbreiten, mein Ego sagt mir: Ich brauche Resonanz. Ein wahrhafter Künstler aber würde Kunst schaffen und sie ganz für sich behalten. Manchmal ist auch mir danach zumute.

[seite4]Für ‚Hand.Cannot.Erase‘ hast du nicht nur mit den Live-Musikern von deiner letzten Tour, sondern noch mit ein paar anderen Leuten zusammengarbeitet. Es sind weibliche Stimmen zu hören, ein Knabenchor singt, du selbst natürlich auch …

– und die Stimme einer professionellen Synchronsprecherin, die den Part der Erzählerin übernimmt!

Genau. Nach welchen Kriterien hast du die betreffenden Passagen ausgewählt, die du aus der Hand gegeben hast?
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Was den Knabenchor angeht, habe ich speziell für diesen geschrieben. Für die Erzählerin im Stück ‚Perfect Life‘ übrigens auch. Bei Ninet, der weiblichen Gesangsstimme, war ich mir nicht sicher, wo ich mit ihr hin sollte. Tatsächlich hat sie weitaus mehr Passagen aufgenommen, als auf dem Album zu hören sind. Ich habe Versionen aufgenommen, in denen sie komplett allein singt, und ich habe solche aufgenommen, in denen ich komplett allein singe. Auf dem Album hat sich das dann teils vermischt und teils verteilt. Die Entscheidungen waren Gefühlssache und rein musikalischer Natur.

Soweit ich das richtig verstanden habe, wird es eine Ausführung des Albums geben, die die Geschichte um einiges an Papier ergänzt – gefakte Zeitungsausschnitte, Dokumente und dergleichen. Was versprichst du dir davon?

In allem Visuellen steckt das Potential, ein Hörerlebnis zu erweitern. Ich bin mit Schallplatten und ihren großen Hüllen aufgewachsen, auf denen man Texte und Bilder zur Musik finden konnte. Bücher zu lesen und Musik zu hören hat sehr viel gemeinsam, und auch in der Musik werden Geschichten erzählt. Die Special Edition wird besonders schön sein und das, was ich ein Artefakt nennen würde. Eine Lebensgeschichte dokumentiert in Tagebucheinträgen, Illustrationen und offizielle Dokumente wie Zeitungsausschnitte, Geburtsurkunden, Briefe, Postkarten, Polaroidfotografien, ein Skizzenbuch. Viele dieser Elemente werden lose sein, wie in einem Sammelalbum. So habe ich es von noch keinem Musikprojekt umgesetzt gesehen. Das Material wird sehr eng mit den Songtexten und auch der Musik selbst zusammenhängen; ich habe mich sehr angestrengt, um diese Synergie herzustellen.

Du hast dich in all den Jahren deiner Karriere viele Male als herausragender Musiker und Visionär bewiesen, hattest einen gigantischen kreativen Output und kannst auf eine Diskographie nahezu biblischen Ausmaßes zurückblicken. Beweisen musst du niemandem mehr was – aber vielleicht gibt es da ja noch das eine oder andere Talent, von dem die Welt bislang noch nichts weiß ..?

Außer Musik kann ich gar nichts – ich bin ein hoffnungsloser Fall. Wobei … wenn du gut darin bist, dich kreativ auszudrücken, zumindest auf eine Art, dann bist du in einem anderen Medium höchstwahrscheinlich auch relativ gut. Ich kann mir vorstellen, mich in Film oder Literatur einzubringen. Vielleicht werde ich das eines Tages auch tun. Ich denke, ich bin ein ziemlich guter Schreiber. Immerhin habe ich die Kurzgeschichten für mein letztes Album geschrieben und die Geschichte der Figur des neuen Albums. Dafür bin ich wahrscheinlich der schlechteste Sportler der ganzen Welt. Und ich kann nicht zeichnen – und wenn es um mein Leben ginge. Ich sollte mal eine Weihnachtspostkarte für einen guten Zweck designen, da habe ich dann einfach ein paar Sachen ausgeschnitten und eine Collage gebastelt.[/seite4] [seite5]Hast du nach mehr als eintausend Alben, an denen du mitgewirkt hast, noch unerfüllte kreative Träume? Etwas, das du noch gern erreichen oder zumindest versuchen würdest?

Da gibt es zwei Dinge. Einmal gibt es eine schier endlose Reihe an Menschen, vor denen ich künstlerisch Respekt habe und mit denen ich gern noch zusammenarbeiten würde. Mit Kate Bush zum Beispiel, das wäre mein Traum.
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Ruf sie an.

Hab ich schon versucht; es ist gar nicht so einfach, zu ihr durchzukommen. Zum anderen gibt es da – obwohl ich ja eigentlich schon genug Verschiedenes gemacht habe – Musikstile, die ich noch auskundschaften müsste. Ich möchte etwas Orchestraleres probieren. Ich habe jetzt zwar auch für Streicher und Chöre geschrieben, würde aber gern noch weiter gehen und die Idee noch ernsthafter, auf noch klassischere Weise verfolgen. Und da wäre noch meine Liebe zur elektronischen Musik. Auch wenn es ein paar elektronische Elemente in meiner Musik gibt – siehe Bass Communion -, habe ich noch nie ein rein elektronisches Album aufgenommen und würde das eines Tages gern vertiefen. Aphex Twin ist einer meiner Helden in dem Bereich.

Gibt es eine Art von Musik, zu der du keinen Zugang findest?

Okay, das ist jetzt der Punkt, an dem ich wie ein alter Mann klinge: Ich verstehe moderne Popmusik nicht. Ich liebe alte, große Popmusik – ABBA, die Carpenters oder die Bee Gees. Oder Bands wie Tears For Fears. Moderner Pop klingt, als würde irgendwer einen Computer füttern und der Computer macht dann Musik daraus. Die Stimme klingt künstlich, alles andere klingt wie von einer Speisekarte ausgewählt. Ich würde sogar so weit gehen und anzweifeln, dass das überhaupt noch Musik ist. Wohl eher pures Product Placement. Irgendein Plattenlabel-Mensch denkt sich etwas aus, um es zu Geld zu machen. steven_wilson_8.jpg

Wir nähern uns dem Ende unserer Gesprächszeit – deine Gelegenheit, eine Frage zu beantworten, die du immer schon beantworten wolltest, die dir aber noch niemand gestellt hat.

Ich würde gerne Kate Bush die Frage beantworten, ob ich mit ihr arbeiten wolle.

Interview: Valentin Erning
Fotos: Nadine Segschneider

– ‚Hand.Cannot.Erase.‘ erscheint am 27.02. via Kscope / Edel.
(Vor)bestellbar online bei Saturn. Mehr Synergie gibt’s im Blog zum Album unter handcannoterase.com.[/seite5]

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