NEW MODEL ARMY – Innehalten, nicht mehr schreien

„From Here“ klingt wie ein Gruß. Den senden uns New Model Army dieses Mal aus Norwegen. Dorthin ist die Band im März dieses Jahres aufgebrochen, um ihr mittlerweile 14. Studioalbum aufzunehmen, das eben jenen Titel trägt. Neun Tage lang hat man getüftelt, eingespielt, arrangiert und dabei die raue, noch schneebedeckte Landschaft auf sich wirken lassen.

„Lee und Jamie hatten darauf bestanden, dass wir die neuen Songs nicht bis zur Perfektion proben sollten, bevor wir losfuhren“, erzählt uns Bandleader Justin Sullivan im Interview. „Sie wollten die Magie des Ortes auf die Musik wirken lassen. Und das hat funktioniert.“

Dass besagte Herren Lee und Jamie Ahnung von Musik und ihren Einflüssen haben, wissen New Model Army, seit sie mit diesem Produzentenduo ihr Mini-Album „Between Wine And Blood“ (2014) sowie das nachfolgende „Winter“ (2016) aufgenommen haben; beides in dessen Studio in Leeds. „Jetzt wollten wir wieder mit ihnen arbeiten, den sie haben eine fantastische Einstellung dazu, Alben zu produzieren“, so Sullivan weiter. „Aber dieses Mal wollten sie, dass das Ganze ein Abenteuer wird. Das wollten wir auch. Also kamen sie auf dieses Studio (das Ocean Sound Recordings Studio, A.d.R.), das vielleicht das beste Studio der Welt ist. Das gibt es erst seit etwa acht Jahren und es wurde aufgebaut von einem Norweger, einem Musiker, der offenbar viel Geld hat. Er wollte das ultimative Aufnahmestudio bauen. Das hat er gemacht.“

Nicht nur dessen technische Ausstattung hat die Band und ihre Produzenten außerordentlich inspiriert, sondern eben auch die Umgebung der Insel Giske. Sullivan spricht für seine vier Bandkollegen: „Wir Fünf führen sehr verschiedene Leben, haben verschiedene Einstellungen und auch Musikgeschmäcker. Was wir aber alle gemeinsam haben, ist die Liebe zu dieser Art von Landschaft: kühl, rau, offen, leer. Schnee, Berge, Wasser, Felsen.“ Sie hätten sich dort nicht nur ausgesprochen wohl gefühlt, sondern in der Einsamkeit und Kälte etwas Melancholisches und Romantisches gefunden, so der Sänger weiter. Genau das würde zu New Model Army passen, dazu, wie sie Musik wahrnehmen und fühlen.

Die Spuren, die das auf „From Here“ hinterlassen hat, sind in den melodischen Parts zu suchen. „Es ist tatsächlich ein Gitarren-Album“, betont Sullivan und erinnert im Unterschied dazu an das Percussion-geprägte „Between Dog And Wolf“ aus dem Jahr 2013. „Jetzt haben wir versucht, die Gitarren vom Bass und von den Drums loszulösen. Es sind zumeist akustische oder unverzerrte E-Gitarren zu hören. Bass und Schlagzeug haben immer noch einen erdigen, rockigen Sound. Aber was darüber gespielt wird, ist sehr groß und weit und romantisch. Oder nicht? Für mich jedenfalls schon.“

Offensichtlicher noch ist wohl der Einfluss, den die Landschaft von Giske auf die Thematik und Songtexte des Albums hatte. Es fällt auf, dass die Dinge – persönlicher oder gesellschaftlicher Art – mit einem Weitblick betrachtet werden, mit einer wertenden Distanz. „Ich habe da diese Theorie“, bestätigt Sullivan, „dass der Blick nach außen den gleichen Maßstab hat, wie der nach innen. Wenn du auf der Spitze eines Berges stehst, am Meer, in der Wüste oder in einer großen weiten Landschaft, kannst du in die Ferne sehen. Du siehst, was nah und was weit entfernt ist. Und dann schaust du in dich hinein. Die Dinge erscheinen klarer in einer solchen Umgebung; du erkennst, was wichtig ist und was nicht. Sie bekommen eine Perspektive.“

Mit einer solchen größeren Perspektive betrachtet der Songwriter auf „From Here“ nun auch das aktuelle Geschehen um ihn und uns herum. Es wird klar, dass er den Brexit ablehnt, entsetzt ist von der Leichtfertigkeit, wie Menschen mit ihren Freiheiten und der Demokratie umgehen, oder den Klimawandel für eine dramatische Bedrohung hält – ohne dies aber direkt auszusprechen. Eher finden sich Metaphern und allgemeiner formulierte Erkenntnisse in den Songtexten. „Als wir anfingen zu schreiben, war viel los in der Welt und alle haben sich gegenseitig angeschrien. Und obwohl wir das wahrnehmen und eine starke Meinung dazu haben, wollten wir einfach nicht mehr schreien. Wir wollten einen Schritt zurück machen.“

Vielleicht sind es auch schon Anzeichen von einer gewissen Altersmilde, die den neuen Songs einen ruhigeren Ton – allerdings nur in der Konnotation, nicht in ihrer Instrumentalisierung – verliehen haben. Immerhin feiern New Model Army im nächsten Jahr ihr 40-jähriges Jubiläum. Auf jeden Fall ist es dieses Innehalten, das Überblicken der Dinge und Akzeptieren ihrer Vergänglichkeit, was „From Here“ von den Vorgängeralben unterscheidet. „I could be disappearing like I was never there“, singt Sullivan in „Setting Sun“ und meint das ernst: „Ja, der Kreislauf des Lebens. Die Momente kommen und gehen, es ist die absolute Unbeständigkeit des Lebens. Ich habe mich damit abgefunden.“

Und begegnet ihr auch mal mit einem diabolischen Lachen. Selbiges beendet den Song „Watch And Learn“ – eine zufällige Aufnahme, erklärt der Sänger, die aus einem Missverständnis heraus entstanden ist. Und für ein so nettes Feature befunden wurde, dass sie auf dem Album verblieben ist. Provokant wirkt es, und Sullivan bekennt sich dann doch wieder zu dem, wofür so viele Fans seine Band lieben: New Model Army haben auch immer diese Kampfeslust: ein bisschen Abwehr und Optimismus, für das Gute kämpfen und so weiter. Aber dann ist da auch diese kalte Angst vor der ganzen Scheiße, die diese Erde umgibt. Als wir vor 40 Jahren als Band anfingen, begann der Westen, vor allem die Briten und Amerikaner mit dieser katastrophalen Art und Weise, unsere Gesellschaft zu formen, wo Geld und natürliche Ressourcen von der öffentlichen in private Hände wechseln. 40 Jahre und es ist ein absolutes Desaster.“

Und trotzdem kommt er auf die Romantik zurück: „Gleichzeitig pflegen wir aber diese Liebe zu Landschaften, zum Leben, zu rauen Orten. Und Vertrauen in den Lauf der Dinge. Das wird alles noch da sein, lange nachdem wir alle gestorben sind. Es geht immer weiter und weiter und weiter. Dieser Geist des Lebens, wenn man so will, hat uns immer interessiert. Es ist auch eine ganz wichtige Aufgabe von Musik, diesen Geist zu kommunizieren.“

„From Here“ wird diesem Anspruch absolut gerecht. Sehr wahrscheinlich sind wir alle gut beraten, mit New Model Army gemeinsam innezuhalten, diesen Schritt zurück zu machen und der abschließenden Textzeile des Albums Folge zu leisten: Geht nach Hause, schaut in den Spiegel – und lacht!

 

Fotos: Mark Islam

www.newmodelarmy.org

www.oktoberpromotion.com

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