Mystery

Second Home

Ich gebe zu, der Name Mystery war mir bislang nur geläufig als „die andere Band“ von Benoit David, der nach Jon Andersons Rauswurf bei Yes gesungen hatte. Ernsthaft beschäftigt hatte ich mich bislang aber noch nicht mit der Band. Somit konnte ich mich also komplett unvoreingenommen mit der vorliegenden Live-DVD beschäftigen – auch schön, wenn man eine seit 30 Jahren existierende Band einfach mal so entdecken kann!

Und, ohne Frage, das Entdecken scheint sich bei Mystery zu lohnen. Musikalisch findet man bei den Kanadiern Spuren von Saga, Ever-Ära-IQ und den frühen Dream Theater, wenn auch weniger heavy und vertrackt als bei letzteren. Heißt unterm Strich, melodische, ausladend arrangierte Songs mit gelegentlichem Symphonic-Prog-Schlag, frei von Disharmonien und derbem Gebrate. Trotz virtuoser Soli steht meist der Gesang im Mittelpunkt – und das auch vollkommen zurecht. Denn Frontmann Jean Pagaeu gewinnt nicht nur jeden Michael Sadler-Lookalike-Wettbewerb (auch in Sachen Gestik!), sondern punktet auch mit schlicht großartigem Gesang, der mich sehr an gleich zwei meiner Lieblingssänger erinnert: Max Bacon, der unter anderem bei Bronz, GTR, Mike Oldfield und Nightwing tätig war und Ex-Styx-Stimme Dennis DeYoung. Noch dazu kann er – wie die ganze Band – mit sympathischem Bühnengebaren noch einen Extrapunkt abräumen. Ebenso überzeugend die Gitarrenarbeit von Bandboss Michel St.Père, der stilistisch irgendwo zwischen Steve Rothery, Steve Hackett und einem von allem Shredding-Nonsens erlösten John Petrucci liegt. Der Rest der Band spielt zwar ebenfalls perfekt auf den Punkt, nimmt sich aber zugunsten ihrer beiden ‚Stars‘ zurück.

Auch das Songmaterial von „Second Home“ – das natürlich im Boerderij in Zoetermeer, NL aufgenommen wurde, der ‚zweiten Heimat‘ für eine ganze Menge Progger – kann ohne Ausnahme überzeugen. Vor allem der Longtrack ‚Another Day‘ hat es mir angetan, der in den rockigen Momenten ein wenig an Kansas und in den getragenen Parts an die David Gilmour-Ära von Pink Floyd erinnert. Überhaupt ist das Material durchweg höchst eingängig, die Gesangslinien würden mit straighterer musikalischer Begleitung auch jeder AOR- und Melodic Rock-Combo gut zu Gesicht stehen. Man nehme nur das zweite Zwanzig Minuten-Epos der Scheibe, ‚Through Different Eyes‘, das eher wie eine Suite aufgebaut ist, die aus durchaus standalone-tauglichen Einzelsongs besteht, aber dennoch wunderbar ineinanderfließt und als Ganzes nochmals einen Extrakick bekommt. Zum Abschluss gibt’s dann mit ‚The Preacher’s Fall‘ noch einen echten Dreieinhalb-Minuten-Rocker mit sattem Boogie-Fundament, der richtig in die Beine geht. So sieht ein perfektes, spannendes Liveset aus!

Von Bildqualität und Kameraführung darf man freilich hier nicht High-End-Niveau erwarten, aber hier gibt’s auch keine großen Effekte, die Musiker sind bei ihren Soli immer im Bild, der Schnitt ist bei den rockigen Sachen schneller, bei den atmosphärischen Passagen schön entspannt und die Atmosphäre und der Spaß, den die Band eindeutig auf der Bühne hatte, kommt auch im Wohnzimmer gut zur Geltung. Soundtechnisch muß man sich leider mit Dolby Digital Stereo zufrieden geben, ein sauberer Stereo-Mix ist mir allerdings ehedem weit lieber als ein ungekonnter „kann-ja-nicht-so-schwer-sein-ich-mach-das“-Surround-Sound.

Wer, wie ich, die Band noch nicht auf dem Schirm hatte, sollte sich „Second Home“ auf jeden Fall einmal auf den Merkzettel schreiben. Zu beziehen über den Webshop der Underground-Prog-Spezialisten Just For Kicks!

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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