RUNESCARRED – Von Wikingern, Horrorfilmen und pazifistischen Texanern

Man kennt das. Man steckt alle Energie in seine Band, schuftet sich den Arsch ab in unzähligen, unbezahlten Stunden im Proberaum, am Computer, am Telefon. Einfach, weil man von seiner Sache überzeugt ist. Aber irgendwie reicht es trotzdem nicht. Man steckt fest, hat unterschiedliche Vorstellungen davon, wie es weitergehen soll. Unzufriedenheit macht sich breit. Weitermachen oder nicht? Dieser Frage musste sich Ven Scott, der Sänger der texanischen Thrasher Runescarred stellen, auch stellen. Das Ergebnis ist ein hervorragend-ungewöhnliches Thrash-Metal-Album. Und dieses Interview...

Runescarred entstand aus dem Zusammenschluss von Musikern der Bands Dead Earth Politics und Southern Front. Was waren die Gründe für das Ende von Dead Earth Politics und was hat es mit der recht neuen „Nachfolgeband“ Runescarred auf sich?

Dead Earth Politics waren einfach am Ende, wir kamen nicht mehr weiter. Die Sache hatte sich totgelaufen. Ich hatte mich um das Bandmanagement gekümmert und die Marke aufgebaut. An einem gewissen Punkt muss man dann zurückblicken und sich fragen, ob es weitergeht und wie oder nicht. Dazu kamen noch die üblichen Meinungsverschiedenheiten, die es aber in jeder Band gibt.

Runescarred ist genau das, was wir danach tun wollten. Meiner persönlichen Meinung nach ist es sogar deutlich mehr als das! Ich kann in den Songs meinem inneren Nerd nachgehen, mit Dungeons & Dragons und Magie und solchem Kram, ohne mich gleichzeitig in eine bestimmte Genre-Schublade einsortieren lassen zu müssen. Großartig!

„Runescarred“ (deutsch = von Runen vernarbt) klingt irgendwie nach Wikinger-Mythologie. Gibt es eine bestimmte Überlegung hinter dem Bandnamen? Und was hältst du von „Viking Metal“?

Wenn Leute das Wort „Rune“ hören, gehen die Gedanken beinahe unwillkürlich Richtung Wikinger-Mythologie. Aber wie Studien belegen, gab es Runen in beinahe jeder weltgeschichtlichen Periode, von den Chinesen über die Kelten bis zu anderen. Selbst einfache Piktogramme sind ja eigentlich Runen. Also, um auf deine Frage zurückzukommen: Wir hatten keine bestimmte Kultur im Kopf, als wir den Bandnamen festlegten.

Die Idee dahinter kommt eher daher, daß wir unsere individuellen Geschichte in Runen erzählen. Die Runen sind die Narben, die wir von Fehlern und falschen Entscheidungen in der Vergangenheit davon getragen haben. Aber diese Dinge formen einen ja auch und bringen einen weiter. Man kann aus den Narben ja sogar Stärke ziehen, selbst von denen, die wir uns selbst zugefügt haben. Wichtig ist uns auch, die Narben zu zeigen, sich ihrer nicht zu schämen, sondern sie mit Stolz zu tragen. Sie haben einen zu der Person gemacht, die man ist und zu der man sich weiter entwickelt.

Und Viking-Metal ist geil! 🙂

Eure Presseinformation beschreibt euch als „Progressive Metal Band“. Der durchschnittliche Metalhead würde also Musik im Stil von Dream Theater oder Queensryche erwarten. Aber so klingt ihr ja absolut nicht. Wie beschreibst du denn eure Musik, was unterscheidet euch von anderen Bands?

Ja, ich kann verstehen, daß der Begriff genau diese Assoziationen auslöst. So sind wir aber tatsächlich nicht. Die beste Art unsere Band zu beschreiben, besteht aus drei Wörtern: Progressive Power Thrash. Wenn du jedes dieser Worte für sich nimmst, dann passen wir nicht zum entsprechenden Genre. Aber wenn du alle drei Begriffe zusammen nimmst und dir „The Distant Infinite“ anhörst, leuchten sie absolut ein und passen perfekt!

Und ich würde sagen, genau das unterscheidet uns von anderen Bands. Die Fähigkeit, alle unsere Einflüsse und Vorlieben nahtlos in ein Stück Metal-Kunst zusammenzufügen!

Ihr habt ja bereits mit eurer ersten EP „We Are“ in den großen Metal-Magazinen in den USA recht Wellen geschlagen. Auf welche Errungenschaft in eurer kurzen Bandgeschichte seit ihr besonders stolz oder zufrieden und warum?

Wir stecken mittendrin in unserem Stolz! Wir sind hier, schwimmen gegen den Strom, machen unser Ding. Wir haben tausende von Fans und ich führe dieses Interview mit dir. Und das, obwohl es uns erst seit zwei Jahren gibt. Und ich bin sicher, es wird noch viel besser!

Erzähl doch ein wenig über die erwähnte Debüt-EP „We Are“.

Wenn ich ehrlich bin, war es uns sehr wichtig nach dem Ende von Dead Earth Politics so schnell wie möglich etwas zu veröffentlichen. Nicht nur, damit die Leute uns nicht vergessen, sondern auch um einen Vorgeschmack zu geben, was da Leckeres auf sie zukommt!

Jetzt habt ihr Jungs ja erst vor wenigen Wochen euer Studioalbum-Debüt „The Distant Infinite“ herausgebracht. Was erscheint euch selbst daran denn besonders wichtig? Hattet ihr eine Grundidee, die ihr verfolgt habt?

Ich finde, daß das Album anders ist als die meisten Metal-Alben, auch wenn das nicht so geplant war. Ich bin sehr stolz darauf, daß das Album einen Spannungsbogen hat. Es beginnt wütend und rachedurstig. Richtig angepisst darüber, was in der Welt so abgeht! Dann wird es aber reflektierend und besorgt. Der Höhepunkt tritt allen denen in den Arsch, die uns die Kraft rauben. Wir holen sie uns zurück! Zusammenfassend würde ich also sagen, daß es eine Art „emotionales Konzeptalbum“ ist.

Das Cover-Artwork von „The Distant Infinite“ steckt voller Symbolik. Kannst du unseren Lesern etwas darüber verraten. Mit welchem Künstler habt ihr zusammengearbeitet, gibt es eine Grundidee oder einen Eindruck, den ihr auslösen wolltet? Und wie wichtig ist euch ein professionelles, ansprechendes Artwork ganz grundsätzlich?

Ein professionelles Artwork ist uns sehr wichtig. Ich glaube zwar nicht daran, ein Buch nur nach seinem Umschlag zu bewerten. Aber wie du sagst, es soll ja ansprechend sein, eine gute Präsentation. Ein schlampiges Albumcover löst bestimmte Assoziationen in deinem Kopf aus, wie die Band dahinter so ist. Wenn du was präsentierst, was aussieht, als ob es ein Sechsjähriger gemacht hätte, hast du dich schon selbst Abseits geschossen. Dann ist es auch egal, ob du wie Rush oder Dream Theater klingst.

Was die Symbolik betrifft: Darüber haben wir in der Band wirklich sehr viel gesprochen. Die einzelnen Elemente gehen zurück auf einzelne Songs bzw. deren Grundideen, aber auch bestimmte Dinge, die unsere persönliche Meinung verkörpern. Aber letztlich war die Idee doch, etwas Universelles, Umfassendes hinzukriegen. So dass es bei jedem, der sich das Cover ansieht und auch die Musik hört, etwas anderes auslöst.

Was ist ein Vorteil und was ein Nachteil, als Band aus Texas zu kommen?

Der größte Vorteil ist auf jeden Fall, daß Texas der tollste Staat in den USA ist. Der größte Nachteil ist die Größe von Texas. Die Leute fragen uns, warum wir nicht außerhalb von Texas touren. Ohne Scheiß! Wenn wir aus New England kämen, könnten wir mit weniger Kilometern in doppelt so vielen Städten in fünf Bundesstaaten spielen! Das sähe auf unserem Tourplakat auch viel besser aus. Fünf Konzerte in fünf verschiedenen Staaten anstatt zehn Konzerte in Texas.

(Anmerkung der Redaktion: Texas ist der flächen- und bevölkerungsmäßig zweitgrößte US-Bundesstaat und knapp doppelt so groß wie Deutschland.)

Erzählt uns etwas, was die Welt da draußen noch nicht über Texas weiß oder etwas, das schlicht nicht stimmt!

Wir reiten nicht alle dauernd auf Pferden und wir haben nicht alle Knarren! Und das nicht, weil wir nicht gerne alle welche hätten. Wir haben sie einfach noch nicht alle.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß man euch Jungs bald mal auf europäischen Bühnen sehen können wird? Und habt ihr einen europäischen Vertrieb für eure Musik und Merchandise?

Ich glaube fest daran, daß wir nach Europa kommen. Ich hoffe es zumindest, Runescarred fühlen sich für mich nach etwas Globalem an. Klar, ich bin natürlich befangen, aber ich hätte voll Bock, unsere Fans in Übersee zu treffen. Unseren Kram kann man leider bei Euch noch nirgendwo kaufen. Wenn ihr eine Idee habt, gebt uns Bescheid!

Welche Frage wolltest du einem Journalisten schon immer mal beantworten, aber es hat nie einer gefragt?

Oh, du möchtest etwas über meine Horrorfilme wissen? Ich hab ’ne Idee: Schau dir doch einfach die Facebook-Seite meiner Filmproduktionsfirma an.

Die letzten Worte gehören ganz dir!

Liebt einfach das, was euch Freude macht. Es gibt so viel elitären Scheiß auf diesem Planeten. Diese Band ist nicht „Metal“ genug, jene Person nervt oder jener Künstler ist schrecklich. Einfach nur, weil irgendjemand das sagt! Liebt EURE Musik. Liebt EURE Filme. Und wenn euch irgendwer erzählen will, daß das, was euer Herz erfreut, ein Schwachsinn ist: Diese Person braucht ihr nicht mehr in eurem Leben. Und falls du selbst solche Gülle verzapfst: Hör auf damit!

Runescarred sind :

Ven Scott – Gesang
Tim Driscoll – Gitarre
Payton Holekamp – Schlagzeug
Josh Robins – Bass
Skunk Manhattan – Gitarre

Bandhomepage
Runescarred bei Facebook
Runescarred bei Youtube
Runescarred bei Twitter
Runescarred bei Instagram

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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