John Garcia – Solo aber nicht allein

Betrachtet man aus heutiger Perspektive die Evolution des Desert-/Stoner Rock als eine Art Stammbaum, dann findet sich unweigerlich der große Name Kyuss an dessen Basis. Als erster großer Stein dieser westamerikanischen Staublawine haben diese damit etwas losgetreten, das zunächst überhaupt erst die Definition eines ganzes Genres ausmachte und damit eine unglaublich breit gefächerte Einflussnahme ausübt. All die Bands aufzuzählen, die im weitesten Sinne Kyuss entstammen, sei es auf Grund des Mitwirkens eines der ehemaligen Mitglieder oder einfach der Inspiration wegen, würde den Rahmen sprengen. Noch heute sind die Stoner-Rocker der ersten Stunde aktiv. Um einige Beispiele zu nennen: Josh Homme füllt mit Queens of the Stone Age jedes Stadion der Welt, Brant Björk spielte bei Fu Manchu, hat bereits sieben Soloalben veröffentlicht und ist darüber hinaus als Produzent tätig, Nick Oliveri hat nach seinem Rauswurf bei QOTSA so ziemlich alles durchgemacht und erscheint heute öffentlich ebenfalls als Solointerpret, sowie mit seinen Bands Mondo Generator und The Dwarves und dann ist da noch John Garcia, die Stimme der Wüste, der nach seinen Projekten mit Slo Burn, Unida, Hermano und zuletzt Vista Chino nun ebenfalls sein erstes Soloalbum veröffentlicht hat. Letzteren treffen wir im Vorfeld seines Konzerts im Rostocker M.A.U. Club zu einem Plausch in seinem Tourbus.

‚I don’t know if you know anything about my career, but I’ve been in a thousand fuckin‘ bands.‘

– Eine Aussage, die John Garcia selbst recht treffend charakterisiert. Natürlich weiß ich als Interviewender Bescheid über das, was der jeweilige Künstler macht/gemacht hat. In diesem Falle ist es allerdings etwas besonderes, da man als Integrierter der Stoner-Szene um die großen Namen von damals einfach nicht herum kommt.john_garcia_interview.JPG “ Sie sind so etwas wie Helden, Erfinder und auch Väter. Mittlerweile 44 Jahre alt ist Garcia auch Vater im biologischen Sinne, Familienmensch durch und durch. Mit dem langen Touren hat er kein Problem – das kennt er nun schon seit Jahrzehnten. Und doch vibriert alle paar Minuten sein Handy und der Laptop steht zum Skypen nach der Show, anstelle des Besäufnisses, bereit. Die Zeiten haben sich geändert, der damals junge, spritzige Rockstar, der mit Kyuss aus dem Stand heraus ein völlig neues Genre erschuf, lässt es etwas langsamer angehen, böse Zungen werfen ihm sogar Ideenlosigkeit, mangelnde Innovation und Altbackenheit vor. Er selbst sagt dazu:

‚Ich spiele nicht nach Regeln, es ist mir egal wenn es Journalisten gibt, die sagen ich würde mich selbst ausschlachten, wieder und wieder das gleiche bringen. Ich meine über soetwas denke ich gar nicht nach, es geht mir nur darum, produktiv zu sein. Jedesmal wenn du ein neues Projekt hast, in ein neues Studio kommst, mit unterschiedlichen Leuten arbeitest, es ist immer eine völlig andersartige Energie. Das sage ich oft, jetzt bei meinem Soloalbum ist es genauso. Und wenn mir jemand ein Regelbuch für Sänger hinlegt, in dem steht, dass du für immer in der einen Band bleiben musst, dann schmeiß ich es weg. Ich bin einfach ich und ich schäme mich nicht dafür. Was ich tue, tue ich mit Leidenschaft. Und wenn ein Reporter ankommt und behauptet, ich würde mich nur noch verkaufen, wie eine Hure, dann sage ich okay, das ist eine interessante Perspektive, ich verstehe das, meine Musik ist nicht für jedermann und wenn das deine Meinung ist, respektiere ich das. Aber achte auf deine Wortwahl in meiner Gegenwart, sonst brech ich das Interview ab und schmeiß dich raus aus meinem Bus. Das ist einfach nur eine Frage des Respekts.‘

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Klare Ansage. Aber wir verstehen uns gut und die Stimmung entspannt sich wieder. Schlechte Erfahrungen habe er bisher auf der Tour nicht gemacht, erzählt John Garcia.

‚Das ist eine brandneue Erfahrung für mich und es ist auch ein bisschen einschüchternd, ich hoffe dass das alles gut funktioniert. Ich teste gerade so ein bisschen, ob das klappt unter dem Solonamen zu touren. Ich genieße es sehr, aber es ist auch etwas beängstigend. Beängstigend in dem Sinne, dass ich mich selbst managen muss. Ich habe keinen Manager, also ich habe Tour- und Bookingagents, tolle Leute und natürlich ein klasse Team von unserem Label, das ist erstmal alles was ich brauche. Es wäre natürlich schön, wenn es soweit kommt, dass ich einen Manager brauche aber jetzt schaue ich mich erstmal ein bisschen um. So weit so gut.‘

Der alte Hase fühlt sich noch einmal ins kalte Wasser geworfen. Dabei blickt John Garcia aber optimistisch in die Zukunft, wie er uns später noch erläutern wird. Allerdings kann bei all dem Tatendrang die Vergangenheit eines Musikers diesen Schlags nicht außer Betracht gelassen werden. Zwar wollen wir bewusst vermeiden, ewiglich auf den alten Geschichten herumzureiten, Namen anderer ehemaliger Kyuss-Mitglieder nehmen wir nicht in den Mund. Garcia ist niemand, der sich für seine Vergangenheit schämt oder irgendetwas bereut, aber hier sitzt er nun als Solokünstler vor uns und wird so auch später auf der Bühne stehen. Die Frage, ob er glaube als John Garcia, der Musiker oder doch stärker als der ehemalige Frontmann von Kyuss wahrgenommen zu werden, beantwortet er sehr realistisch:

‚Ich werde immer als Sänger von Kyuss bekannt sein. Aber ich versuche auch, mir selbst einen Namen zu machen. Das mache ich einfach durchs Spielen. Das halbe Set von heute Abend ist von meiner neuen Platte. Sowas hab ich noch nie vorher gemacht, ich hab noch nie Kyuss, Slo Burn und meinen Solokram an einem Abend gespielt, klar es gab auch nie die Möglichkeit dazu.John_garcia_live_1.JPG “ Also ist das für mich eine neue Erfahrung, eine Chance, die ich gern ergreife. Die Leute mögen sagen okay, das ist der Sänger von Kyuss mit ‚Green Machine‘ und so aber den spielen wir heute Abend gar nicht. Wir spielen Songs wie ‚Tiny Sissle‘, den haben Kyuss oder Garcia Plays Kyuss oder Kyuss Lives! oder Vista Chino selbst so gut wie nie gespielt. ‚Demon Cleaner‘ machen wir manchmal und ‚Glorial Louis‘, einen Song, den kaum jemand kennt. Wir spielen Kyuss Songs, die Kyuss selbst nie gespielt hat. Klar und wir hauen ein paar Slo Burn Dinger raus, die wir seit 1997 nicht mehr gespielt haben.‘



In der Tat sollte die Mischung später auf der Bühne eine bunte sein. Dabei ist der Name des Interpreten des jeweiligen Songs auch eher zweitrangig. Druckvoll nach vorn gehen sie alle und entgegen seiner Behauptung kickt Mister Garcia als letzte Zugabe natürlich doch noch ‚Green Machine‘ in die Menge. Zweifelsohne sind die Kyuss-Songs auch für den Unwissenden anhand der prompten Lautstärkeerhöhung des Publikums eindeutig zu identifizieren, beim Anklingen von Songs wie ‚El Rodeo‘ geht jedesmal wieder ein gehöriger Motivationsschub durch die Menge. Für das Publikum sind diese Songs eine Art monumentale Erfahrung. Sie sind die klassische Literatur des Stonerrocks, Anfang und Ursprung und dennoch nicht eingestaubt und überspielt. Zumindest nicht live. Denn das, was John Garcia, aber auch seine Mitmusiker auf der Bühne leisten, ist großartig. Kraft und Präzision halten sich die Waage, das Quartett ist perfekt aufeinander abgestimmt und hält den Erwartungen des Zuhörers stand. Der Sound bessert sich stetig über die Dauer des Konzertes, sicherlich keine leichte Aufgabe für die Tontechniker den Gesamtklang bei je zwei Verstärkern pro Saiteninstrument und den speziellen Gegebenheiten dieses Clubs zu regulieren.
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‚Wisst ihr, das erste was ihr nachher bei der Show sehen werdet, bin nicht ich. Es sind nur die Jungs, ich will, dass sie rausgehen und den Leuten zeigen, mit wem sie es hier jetzt zu tun haben, dass sie nicht einfach irgendwelche… du weißt schon was ich meine. Also kommen sie auf die Bühne und spielen einen instrumentalen Song, dann komme ich dazu und wir starten mit ner kleinen Runde Kyuss, dann ein bisschen von meiner neuen Platte und so weiter. Wir machen es zu einer kleinen Reise. Das schöne ist, dass die Jungs auch alles Familienmenschen aus der Wüste sind. Tolle Musiker, okay bis auf Arran (Gitarre) sind wir alle Papas, das ist echt cool so. Wir sind alle recht nah beeinander in der Wüste und wir können dort proben, wir müssen niemanden von irgendwo her einfliegen oder sowas. Für das Album war es ein bisschen schwieriger, da sind so viele verschiedene Leute mit dran beteiligt, das hat echt lange gedauert und es musste viel organisiert und durchgeplant werden, das war echt stressig, aber auf die gute Art und Weise.‘

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In der Tat ist es bei der Fülle an Gastmusikern verständlich, dass sich die Veröffentlichung des ersten Soloalbums von John Garcia etwas hinausgezögert hat. Allerdings sind uns bereits im Jahr 2008 Gerüchte über ein baldiges Release zu Ohren gekommen.

‚Ich wollte eigentlich schon seit 1989 ein Soloalbum aufnehmen. Ich hab immer davon geträumt so eins zu haben. Ich hätte es einfach früher tun sollen, mich drauf konzentrieren und es einfach machen. Das ist eine unglaubliche Freiheit, die man bei sowas hat. Es ist jetzt auch wirklich ein Befreiungsschlag für mich. Ich liebe Vista Chino und Hermano und Unida, manche von den Bands die noch existieren, aber ich wollte das unbedingt durchziehen, das wurde über die Jahre schon zu einer Art Fluch für mich. Es hätte eigentlich ‚Garcia vs. Garcia‘ heißen sollen, das wurde zu einem Witz von mir über mich selbst. Da hab ich dann irgendwann gesagt okay, ‚Garcia vs. Garcia‘ wird niemals veröffentlicht werden, also warf ich diesen Namen über Bord und ging einfach straight zu John Garcia über.‘



Eine wirklich große Überraschung gibt es auf dem Soloalbum von John Garcia. Im letzten Track ‚Her Bullets Energy‘ wird die Gitarre nämlich von niemand geringerem gezupft als von Robby Krieger von The Doors. Gezupft statt geschrammelt, im wahrsten Sinne, denn dabei handelt es sich nicht um fette, verzerrte Rock-Riffs, sondern um spanisch, lateinamerikanisch angehauchte Flamenco-Gitarre. Die Reibeisenstimme Garcias passt hervorragend auf diese Spur und gibt dem ganzen eine frische und angenehme Atmosphäre. Für uns, sowie für viele weitere Stimmen aus der Presse das Highlight des Albums. Ein Song, der zeigt, dass John noch immer forscht und experimentiert.

‚Das freut mich, Leute. Nicht jeder sieht das so wie ihr, aber das ist auch okay, wenn ich nur für solchen Lobgesang hier wäre, hätte ich das Business schon lange aufgegeben. Ich hab hier nicht versucht, das verdammte Rock’n Roll- Rad neu zu erfinden, ich hab einfach nur versucht, ein Album zu machen, das für mich persönlich ist, das Songs enthält, zu denen ich eine persönliche Bindung habe, Songs die mich aus welchem Gemütszustand auch immer zu dem Zeitpunkt herausgeholt haben. Das ist der Grund aus dem ich Musik höre und Musik mache, sie bringt mich irgendwo hin, es ist eine Abreise.‘

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Bei dem Gesprächsthema Robby Krieger entzündet sich ein Leuchten in den Augen von John Garcia. Dann erzählt er uns das, was wir hören wollen:

‚Wisst ihr, ich bin gerade mittendrin, mit Robby Krieger Songs zu schreiben. Er hat mir kürzlich noch zwei Songs geschickt, seine eigenen! Kein Rock, Spanischer Flamenco! Ich liebe es. Ich liebe die Herausforderung, es ist ein bisschen wie mit dem Song ‚Born Too Slow‘ von Crystal Method, an dem ich mitgewirkt habe. Als die mich gefragt haben, ob ich auf ihrer Aufnahme singen möchte hab ich erst mal gesagt wowowow, wollt ihr wirklich mich? Wisst ihr was ich mache? Ich mache keinen Techno, keine Dance-Music. Und die sagten: ‚wir wissen genau, was du machst und wir wollen dich auf dieser Aufnahme.‘ Gut, dann hab ich diesen Titel gesungen und dieser Song wurde zur besten Dance-Single bei den amerikanischen music dance awards gekürt. Das ist die einzige Auszeichnung, die ich je bekommen habe! Für die beste Dance-Single! Etwas, mit dem ich eigentlich überhaupt nichts zu tun habe. Das zeigt einfach, dass du nie wissen kannst, was kommt. Experimente, Herausforderungen, das ist wirklich wichtig. Ich mag es, wenn ein Song mich packt und mich einschüchtert, indem er sagt: ‚du wirst es niemals schaffen, nen Text oder ne Gesangsmelodie über mich zu legen, egal wie sehr du dich anstrengst!‘ Ich liebe es, wenn Songs das tun. Ich sage dann: ‚Leck mich, ich versuchs einfach!‘. Manchmal gewinnen sie, aber manchmal gewinne ich auch.‘

Wir sind wieder etwas abgeschweift, auf den Punkt mit Robby Krieger wollen wir unbedingt noch einmal zurück kommen. Wir fragen ganz konkret nach der nächsten geplanten Platte. Welcher Name wird darauf stehen, was wird drin sein?

‚Es wird eine Rock-Platte. Ich würde es fantastisch finden, ein Album mit Robby Krieger aufzunehmen. Ich hab mich so in seine Spielweise und seine Art, Songs zu schreiben verliebt, ich will das einfach für mich selbst horten, es nicht mehr gehen lassen, mich und Robby. Ich weiß nicht, ob das klappt. Aber es wäre verdammt cool.‘

Das wäre es, ohne Frage. Garcia gewährt uns sogar einen kleinen Einblick in die Aufnahmen des Doors-Gitarristen, diese lassen wirklich auf einiges hoffen. Wir sind völlig überrumpelt von dieser Ehre und wissen nicht recht, was wir noch sagen sollen.

‚Wisst ihr, ich bin überhaupt nicht vertraut mit diesem spanischen Flamenco. Frag mich wieviele Aufnahmen oder CDs in diese Richtung ich besitze, ich könnte dir nicht eine sagen. Es ist eine Schande. Aber ich finde es wunderschön, ich weiß, dass ich es mag. Es ist auch immernoch dieser deutliche Doors-Touch zu erkennen, das ist einfach klasse.‘

In der Tat, es hat stilistisch etwas von ‚Spanish Caravan‘.

‚Er hat mir den Song im Studio vorgespielt, ich bin völlig ausgerastet.‘

Das sind wir auch. Die Aussicht auf eine Platte von Garcia und Krieger hat uns in ihren Bann gezogen und veranlasst uns sogar dazu, während des Konzerts gedanklich filigrane, lateinamerikanische Gitarrenspuren zu dem Gehörten hinzuzufügen. Vielleicht naht da doch tatsächlich die zweite große Neuerfindung des John Garcia. Wir bedanken uns für den Abend und wünschen gutes Gelingen auf diesem Weg.

Setlist:

Caterpiller March
One Inch Man
Rolling Stoned
My Mind
Demon Cleaner
5000 Miles
The BLVD
Tangy Zizzle
Gloria Lewis
Flower
El Rodeo
Argleban
Pilot The Dune
Saddleback
800
July
All These Walls (Aka Catus Jumper)
Super Scoopa And The Mighty Scoop
White Water
Green Machine

Fotos: Felix Erbach (bis auf Nr. 6)
Interview und Übersetzung: Melvin Bach & Felix Erbach

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