Becoming Real

Pure Apparition

Manche Fehler begeht man nur einmal – und dann nie wieder. Meistens, weil man nicht noch ein weiteres mal so hart abgestraft werden möchte. Die Rede ist nicht von angebranntem Essen, eingelaufenen Kleidern; es geht um etwas weitaus Schlimmeres: Datenverlust! Toby Ridler alias Becoming Real hat es sich zum Teil selbst zuzuschreiben: Der Backup-Muffel musste für seine Nachlässigkeit bezahlen, als 2013 die Festplatte den Geist aufgab und sein praktisch fertiges Debütalbum unwiderbringlich mit in den EDV-Äther riss. Tage, Wochen, Monate der Arbeit waren dahin, und so groß auch der Ärger gewesen sein mag, so fest wird der Musiker jetzt die Wichtigkeit von Sicherungskopien verinnerlicht haben.

[Exkurs: Auch Rezensenten sind gut beraten, häufig zu speichern, so sie denn den Computer der Schreibmaschine vorziehen. Genau an dieser Stelle etwa könnte man das tun – der Kondolenz halber. Möchte man Toby düpieren, tut man es nicht und kommt ungeschoren davon. Meistens.]

Mit ‚Pure Apparition‘ erscheint als notgedrungener Kompromiss der Stellvertreter des rechtmäßigen Debüts. Ein Album, das es als solches nie hätte geben sollen und zu dessen Geschichte nicht viel mehr bekannt (gegeben worden?) ist als dieses eine ärgerliche digitale Drecksmalheur. Wir wissen nicht, inwiefern es sich von dem unterscheidet, das viel früher an seiner Stelle hätte stehen sollen. Was wir aber wissen, ist: Toby Ridler hat gut daran getan, nicht hinzuschmeißen – und ist seinem Projektnamen darin vermutlich auch einen Schritt näher gekommen.

R’n’B-iger Ambient-House-Techno ist das, mindestens aber überwundener Dubstep, was ‚Pure Apparition‘ leistet, in seinem Zentrum ein brummendes, mit Glockenspiel bedachtes Umspannwerk namens ‚Comets Pull‘. Oft ein wenig zu manierlich bedient es die Bedürfnisse, aber auch die Erwartungen des Hörers. Hier und da hätte es ein wenig die Eckzähne blecken können; die zerfetzten Vocal-Samples und die staksigen Licks von ‚D.A.R.E‘ jedenfalls kratzen so angenehm auf, dass man sie in den folgenden Variationen oft schmerzlich vermisst. Denn über weite Strecken hat man sich hier mit zwar annehmlicher, allerdings nur bedingt vereinnahmender akustischer Aquaristik zu begnügen – einer sanft verrührten Alleinherrschaft von Bleeps und Blops, die aus einem weichen Strang aus miteinander verschmelzenden Synthie-Fasern hervorblubbern. Trips nach ‚Tokyo‘ und ins Tibet der tausend Synth-Frösche (‚Tibetan Moves‘) sind nur scheinbare Ausbrüche aus den pulsierenden Feldern rhythmischer Monokultur, die Becoming Real liebevoll hegt und pflegt, auf dass eines Tages größeres daraus erwachse.

Im Opener ‚Bleach‘ klingt es noch, als würde auf ein Käfiggitter eingeschlagen. Doch die Lust am Ausbruch macht schnell der Lust an kontrolliertem, schattigem Ambient Platz – nicht ohne die leise Ahnung aber, dass da in Zukunft mehr gehen könnte. Den Genredurchschnitt steckt Becoming Real jedenfalls schon in den engen Grenzen dieses höflich zurückhaltenden Debüts andeutungsweise in die Tasche.

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