OUT IN THE GREEN FESTIVAL – Ohne Metallica, dafür mit Traumwetter!

Das Out in the Green bringt die Rockgitarren nach 20 Jahren zurück auf die Allmend ins schweizerische Frauenfeld. 1998 spielten zuletzt die Rolling Stones und Iggy Pop. Danach war erst mal Schluss. 2007 erhielt das stillgelegte Out in the Green den heute bekannten Namen Openair Frauenfeld und wurde zum grössten Hiphop Festival Europas. Anstelle der Pommesgabel-Headbangern übernahmen die Hip-Hopper und Breakdancer die Allmend. Dieses Jahr findet beides statt. Das Out in the Green nutzt die Infrastruktur des Openairs Frauenfeld, welches eine Woche später stattfindet.

Das Gelände öffnet seine Tore um 12.00 Uhr Mittags und bereits eine beachtliche Menge an Leuten wandert zum Eingang. Direkt am Eingang eine schockierende Meldung: Metallica müssen ihren Auftritt aufgrund einer Corona-Infektion im Umfeld absagen. Auf die Schnelle konnte kein Ersatz gefunden werden. Die Slots werden etwas gedehnt, die Bühnenumbaupausen etwas verlängert und Five Finger Death Punch darf den Headliner-Slot bedienen. Die bittere Pille bereits zu Beginn geschluckt, mindert die Freude nicht, endlich wieder auf beachtlichem Gelände die Fressmeilen und verschiedenen Bars abzuklappern. Die Bühne ist einer Skyline nachempfunden. Die Hauptbühne wird flankiert von mehreren unterschiedlich großen Leinwänden. Es finden sich viele Schattenplätze in den Zelten oder mit Segeltüchern überspannte Sitzgelegenheiten.

Die Bühne wird um 14.30 Uhr durch Chaoseum eröffnet – Lokalmatadore mit bereits beachtlichem Erfolg, die ihr aktuelles Album „Second Life“ (2020) im Gepäck haben und im Oktober 2022 ihre Tour  durch Europa und Amerika mit Fleshgod Apocalypse starten. Ein breites, knallrotes Joker-Grinsen ins Gesicht geschminkt und mit langen Bicolor-Dreads gekrönt, heizt der Sänger CK Smile ab der ersten Sekunde dem Publikum ein. Das rhythmische Growling lässt die Crowd trotz feuchten 27 Grad synchron jumpen. Ein gelungener Auftakt, der einen fast vergessen lässt, dass der Headliner heute fehlen wird. Es hat sich bereits eine ziemliche Menge vor der Bühne versammelt und feiert die Schweizer Metalcore-Newcomer, die oft mit Korn verglichen werden. So androgyn und fein der Sänger auftritt mit seinem Outfit halb Minirock halb Leggigs, so hart quält er seine Stimme. Growling mischt sich mit melodischem Gesang, in den auch immer wieder das Publikum mit einbezogen wird. Auf Englisch begrüßt er die Crowd. Das obligate „it is fucking good to be back after two years“ wird nachgeschoben.

Um 15.40 geht’s weiter auf der Bühne mit Fever 333. Alle tragen lange Klamotten und dicke Jacken. Man wünscht ihnen eine Klimaanlage auf die Bühne. Ein Crossover aus Funk-Beats, Soul, Metal, Hardcore und vor allem Rapcore präsentiert dieses Projekt, welches seine Konzerte Demonstrationen nennt. Der Gründer von Fever 333, Jason Butler, ist Aktivist, lebt Straight Edge und performt gegen Rassismus und Sexismus. Dem Publikum gefällt’s, trotz der Hitze wird abgetanzt und die Jungs aus Los Angeles werden gebührend gefeiert für ihre Wortbattles.

Eluveitie startet um 16.50 Uhr wie gewohnt mit Feuerwerk. Die neun Personen starke Truppe legt hart vor. Mit einem herzlichen „Grüezi und schöne Nommitag Frauefeld“ begrüsst die Band aus dem schweizerischen Winterthur im heimischen Lande ihre Crowd. Die „zwöi vefiggte Johr“ sind obligat auch hier erwähnt. Es ist eine wahre musikalische Freude, all die verschiedenen Instrumente auf der Bühne zu sehen und zu hören. Die Band ist welterprobt. Die Crowd ist noch etwas verhalten. Der Musikmix im Lineup deutet darauf hin, dass sich das Publikum erst etwas an Celtic-Metal gewöhnen muss. Wie Frontmann Chris von sich und Eluveitie sagt: Mittlerweile sind sie Heiden, die Musik machen, nicht mehr Musiker, die Pagan spielen. Die ersten Crowdsurfer steigen auf. Spätestens als Michalina die Leier anstimmt, Chris tief und feurig einsetzt und die Flammen aufsteigen, ist das Publikum dabei. Während der Show sind die Leinwände die meiste Zeit durch Filter verzerrt. Die Effekte sind eindrücklich, machen es aber dem Publikum weiter hinten allenfalls etwas schwieriger, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen.

Nun wird Sabaton um 18.45 erwartet. Je nach Wetterdienst ist Regen kurz im Anmarsch oder auch nicht. Noch ist strahlend blauer Himmel und somit perfektes Open-Air-Wetter. Wie es sich für ein Schweizer Festival gehört, gönnt man sich somit zwischendurch Raclette – mit doppelt Käse versteht sich. Bier wird kein lokales ausgeschenkt, sondern Heineken. Dieses fliesst bei dem heissen Wetter in Strömen. Die Stimmung ist gut und gelöst. Hier und da hört man ein Raunen wie schade es sei, dass Metallica nicht spielt. Gesättigt und mit frischem Bier versorgt sucht man sich nun einen guten Platz vor der Bühne, auf der bereits Panzer und Flammenwerfer stehen.

Sabaton hat ein neues Album im Gepäck. Erneut Geschichten über den 1. Weltkrieg. Die Tour trägt den pathetischen Namen „The Tour to End All Tours“ und das Album „The War to End All Wars“. Sollten das etwa leise Töne einer Abschiedstournee sein? Das Intro besteht aus einem Medley des neuen Albums. Das zweite Lied „Stormtroopers“ stammt ebenfalls vom neuen Album, welches den Blitzkrieg thematisiert. Das Publikum singt inbrünstig mit. Die Menge fordert lautstark „noch ein Bier“, welches von Frontmann Joakim geext wird. Die Crowd dankt mit lautem Jubel. Mit „The Last Stand“ ehrt Sabaton die Schweizer Garde. Für „Higher“ muss ein weiteres Bier geext werden. Der Verdacht liegt nahe, dass im Becher nur Limo war. Die Schweden lassen das Publikum abstimmen, ob der nächste Song in Schwedisch oder Englisch performt werden soll. Natürlich will man Schwedisch hören. Wiederholt fordert das Publikum noch ein Bier. Zum Trost spielt Joakim an der Gitarre einen Teil aus „Master of Puppets“ von Metallica. Das Publikum singt begeistert mit. Natürlich fehlen auch die üblichen Zugaben wie „Primo Victoria“ nicht.

Um 21.00 Uhr startet ziemlich früh der Headliner Five Finger Death Punch. Die Schreiberin verpasst den Anfang, weil die Essensschlangen und vor allem die Getränkeschlangen ungewöhnlich lang sind – obwohl es augenscheinlich genug Stände hat. Zu Recht hat 5FDP den Slot von Metallica erhalten. Sie rocken die Bühne und schwingen ihre Dreads. Besonders beeindruckt der Bart aus Dreads des Gitarristen Chris Kael. Sänger Ivan Moody steht ganz in Rot auf der Bühne. Er will alle Angst wegwaschen. Scheint zu klappen. Die Bühne brennt. Die wunderbar tiefe und volle Stimme von Ivan füllt die ganze Allmend. Die Lautstärke ist wie in der Schweiz gewohnt sehr niedrig. Gut für die Ohren, schlecht für all die Nebengeräusche, die man somit mitkriegt. Direkt an der Reling hat sich ein junger Viking die blutrote Hand dramatisch ins Gesicht gemalt. Es werden die bekannten Hits wie „House of the Rising Sun“, „Wrong Side of Heaven“ und „Bad Company“ gespielt. Der Circle Pit ist beachtlich angewachsen, deshalb bleibt die Schreiberin der Crowd etwas fern. Five Finger Death Punch ist der Liebling des Publikums. Die meisten Bandshirts, die man auf der Allmend sieht, sind der Band zuzuordnen.

Noch während des Konzerts verlassen die Ersten das Gelände. Da es keine Übernachtungsmöglichkeiten gibt, sind viele mit Auto und ÖPNV in die Provinz angereist und der Nachhauseweg ist lang.  Das Gelände schließt um 01.00 Uhr, Gerüchten zufolge wurde bis um 03.00 Uhr die Allmend noch von Partyhungrigen gesäumt. Das Out in the Green hat die Feuertaufe bestanden. Leider haben 11.000 Fans ihre Tickets zurückgegeben. Die Wiederholung des Out in the Green steht somit unter keinem guten Stern. Auch das Militär, welchem das Gelände gehört, hat ein Wort mitzureden. Von den erwarteten 36.000 Zuschauern sind 25.000 angereist und ein großer Teil davon hat sich einen Teil des Tickets rückvergüten lassen. Das Defizit dürfte also beachtlich sein für die Veranstalter.

Text und Fotos: Doro Fernandez Fernandez

Foto Credit Header: Travis Shinn

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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