The Samurai Of Prog

On We Sail

„Prog“ ist seit einer Weile vollkommen unerwarteterweise „cool“, „hip“ und „chic“ – whatever that is – geworden. Oder, sagen wir mal, das, was heute so als Prog einsortiert wird – und oftmals eigentlich nur Pink Floyd-beeinflußter Indiepop ist. Man kann die Prog-Hipster aber nach wie vor wunderbar schockieren und schreiend zum Weglaufen bringen. Man muss nur ein mit heiligem Ernst, Piano- und Drumsoli sowie höchst uncoolem Analogsynthiegefiepe gefülltes Emerson, Lake & Palmer-Album hervorkramen. Oder die verfrickelten, zwischen Jazzgedudel, Hardrockriffs und Folkmelodien pendelnden, sich wenig ernst nehmenden Siebziger-Scheiben von Jethro Tull. Oder, soll’s denn was Neues sein, The Samurai Of Prog, die ziemlich genau zwischen den Erwähnten stehen.

In der guten Stunde von „On We Sail“ gibt’s denn auch ausschließlich garantiert zeitgeistfreie Mucke. Das muss tendenziell ja aber nichts Schlechtes sein. Trotz allem Gefrickel lassen sich die Songs der amerikanisch-finnischen Freundschaft nämlich recht angenehm hören, was hauptsächlich den eingängigen Gesangslinien zu verdanken ist. Aber auch die Instrumentals ‚Ascension‘ und ‚The Perfect Black‘ können überzeugen, bei denen Sänger Steve Unruh wie bei einigen anderen Stücken auch an Flöte und Violine briliert. Das macht er eigentlich sogar überzeugender als seinen Hauptjob, denn ausgerechnet sein Gesang wirkt teilweise ein wenig unspektakulär. Ein charismatischerer Sänger wie, sagen wir mal, Greg Lake oder John Wetton hätte hier nochmal ein gutes Stück mehr herausholen können. Andererseits fällt Steves Gesang auch nicht negativ auf, im Gegensatz zu ‚Theodora‘, bei der Ex-Glass Hammer-Stimme Michelle Young mit ihrem die Geschmäcker spaltenden „Übersingen“ ein wenig, nun ja, an den Nerven sägt. Besagter Song lädt – als Einziger – aus exakt diesem Grund spätestens ab dem dritten Durchgang zum Skippen ein, trotz eines exzellenten (aber zu kurzen) Gitarrensolos, bei dem Ruben Alvarez eine noch bessere Mike Oldfield-Kopie als Rob Reed abgibt. Mit dem zehnminütigen Abschlustrack ‚Tigers‘ gibt es dann eine Art musikalische Fortsetzung von Emerson, Lake & Palmers ‚Pirates‘, ohne tatsächlich das Original zu kopieren, wird hier viel vom Flair des letzten großen ELP-Longtracks erzeugt.

Ein gutes, sympathisch altmodisches Album, das aber, wie die bisherigen Samurai-Scheiben auch, das gewisse Quentchen an Genie vermissen läßt, das aus einem Tribut an die gute alte Zeit ein nostalgisches Meisterwerk werden lässt. Wer aber ehedem die Nase von Hipster-Prog voll hat, könnte seine Kohle schlechter investieren als in „On We Sail“. Zu beziehen bei Just For Kicks.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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