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Night Of The Prog Festival 2017 – Progressives Wetter zum ersten Tag


Eben dieses Öffnen der Pforten war für uns im letzten Jahr Anlass für eine kleine Kritik, denn zwischen dem Einlass und dem Aufspiel der ersten Band lagen nur dreißig Minuten – in Anbetracht der langen Schlangen und (natürlich auch notwendigen) Sicherheitskontrollen eine zu kurze Zeit, so dass viele der Besucher noch nicht auf dem Gelände waren, als die erste Band zu spielen begann. Wir waren gespannt, ob dies 2017 besser gelöst sein würde. Zumindest gab’s schon mal im Vorfeld eine Info per E-Mail für alle Ticketkäufer, und die Kasse öffnet bereits um 11 Uhr die Pforten. Dennoch bleiben Warteschlangen am neu gestalteten Einlass nicht aus, der zudem baulich auch noch nicht ganz fertig zu sein scheint. Aber was soll’s, wir bleiben entspannt, die Sonne scheint (mit ein paar aufkommenden Wolken), und irgendwann sind wir dann ja doch drinnen.

publikum.jpg „Wer es dann endlich in das Amphitheater geschafft hat, den erwarten ein spektakulärer Anblick, eine wunderbare Aussicht und natürlich das Versprechen auf drei Tage Prog vom Feinsten. Die schon erwähnte Atmosphäre mit dem spektakulären Blick hinab in das zerklüftete Rheintal ist schließlich nicht der einzige Lockruf für die Fans. Wie immer bietet der Veranstalter WIV Entertainment eine gelungene musikalische Mischung aus großen Namen und talentierten Newcomern. Die Ehre, das nunmehr schon zwölfte Night Of The Prog Festival zu eröffnen, geht 2017 an Second Relation aus Österreich. Das Quintett um den Sänger und Bassisten Bastian Berchtold hat sich auf seiner Facebook-Seite schon seit geraumer Zeit gewaltig auf den heutigen Tag gefreut und steht begeistert pünktlich um 14.00 Uhr auf der Bühne.

Seit zehn Jahren machen die Jungs schon gemeinsam Musik und haben drei Alben veröffentlicht, sind also keine Newcomer mehr, auch wenn die große Bühne vielleicht ein wenig überfordert. Etwas mehr Bewegung hätte dem ansonsten soliden Auftritt gut getan. Aus Großbritannien stammen Maschine um den Gitarristen und Sänger Luke Machin. Die Briten haben nicht nur das neue Album „Naturalis“ im Gepäck, sondern natürlich auch älteres Material. Marie-Eve De Gaultier an den Keyboards zaubert immer wieder neue Sounds und Melodienbögen aus ihrem Instrument. Die Briten überzeugen das Prog-Publikum mit einer packenden Show und ernten den mehr als verdienten Applaus dafür.

second_relation.jpg „Weiter geht es mit einer Band aus Italien, die sich dem progressiven Metal verschrieben hat und die bisher härtesten Klänge des heutigen Tages abliefert. Soul Secret aus dem italienischen Neapel präsentieren ihr neues Album „Babel“ als Live-Premiere auf dem Festival. Sänger Lino Di Pietrantonio hat mit seiner tollen Stimmme und der typisch italienischen charmanten Art das Publikum sofort im Griff.

Blind Ego ist ein Nebenprojekt des RPWL Gitarristen Kalle Wallner. Wallner hat bislang unter diesem Namen drei Alben veröffentlicht und letztes Jahr mit seiner Hauptband für gute Stimmung hier am Rhein gesorgt. Entsprechend gut ist auch die Laune des Publikums, als Blind Ego am späten Nachmittag die Bühne betreten. Leider verdichten sich während des Auftritts die Wolken am Himmel immer mehr und entladen sich dann leider in einem anhaltenden kräftigen Regenguss. Manch einer sucht Deckung, aber die meisten Fans harren tapfer im Regen aus und genießen den gelungenen Blind Ego Auftritt. Zum nächsten Act hat der Regen dann auch schon wieder nachgelassen und hört irgendwann ganz auf.

blind_ego.jpgCrippled Black Phoenix bieten psychedelischen Artrock aus England und spielen nach 2013 am heutigen Abend zum zweiten Mal auf dem Prog-Festival. Schnell werden Erinnerungen an Pink Floyd wach, als das dynamische Oktett seinen düster angehauchten Grooverock erschallen lässt. „We’re from England, we’re used to this weather“, stellt der Frontmann fest. Und wie gesagt, irgendwann endet der Regen, und der schwarze Phoenix erhabt sich mit kräftigen Schwingen in den Abendhimmel. Die kaum endenden Fan-Choräle aus dem inzwischen sehr gut gefüllten Amphitheater zeigen, dass auch das Publikum begeistert ist. Der einzige Schwachpunkt des Auftritts ist – das muss man so sagen – Sängerin Belinda Kordic, deren teils zu dünne Stimme leider nicht besonders gut zum ansonsten wuchtigen und packenden Auftritt der Engländer passt.

cbp.jpg „Beim Einsetzen der Dunkelheit wird es dann Zeit für Mike Portnoy und sein „Shattered Fortress“ Projekt, das eigentlich gar kein Projekt ist, sondern lediglich als spezielles Event geplant wurde, um Portnoys „12 Step Suite“ live aufführen zu können. Der Schlagzeuger hat diese 12-teilige Suite über den (seinen) Alkohol-Entzug zu Dream Theater Zeiten geschrieben und auf insgesamt fünf verschiedenen Alben der Prog-Metaller nach und nach veröffentlicht, beginnend mit Six Degrees Of Inner Turbulence bis hin zu Black Clouds And Silver Linings, dem letzten DT-Album vor Portnoys Ausstieg. Der Ausnahme-Drummer hat immer bedauert, das insgesamt rund 60 Minuten lange Werk nie in voller Länge mit Dream Theater habe aufführen können. Jetzt spielt er die Suite mit einer eigens hierfür zusammengestellten Band exklusiv auf einigen wenigen Live-Events, unter anderem eben hier beim Night Of The Prog Festival. Portnoy selbst hat zuvor verlauten lassen, dass er bei diesem Auftritt altes DT-Merch verkaufen und sogar seine alte Kleidung aus seiner Zeit mit der Band tragen würde.

Mike_Portnoy1.jpg „Entsprechen groß ist natürlich die Euphorie im Publikum. Mike Portnoy hat schon mit der Neal Morse Band und mit Transatlantic die Freilichtbühne der Loreley und dieses Festival besucht, und er ist sichtbar glücklich, heute wieder hier spielen zu dürfen, zumal es die eizige Show in Deutschland ist. Zur Unterstützung hat sich Portnoy für die Gitarren Eric Gilette von der Neal Morse Band und Richard Henshall und Charlie Griffith von der ganz wunderbaren britischen Prog-Band Haken mit ins Boot geholt. Die weiteren Haken Musiker Conner Green am Bass und Diego Tejeida an den Keyboards vervollständigen das Line-Up, während die Gesangsparts neben Portnoy von Ross Jennings (ebenfalls Haken)dargeboten werden. Ein illustres Line-Up also, und man darf höchst gespannt sein, wie sich die Haken-Musiker beim komplexen Dream Theater Material schlagen werden. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Band liefert eine absolut beeindruckende Performance, das Getriebe ist perfekt geschmiert. Da kommt kein „Haken covert Dream Theater„-Feeling auf, denn Portnoy, Gilette und Haken machen das DT-Material von der ersten Note an zu ihrem Eigen.

Zur Eröffnung des heutigen Sets gleich nach dem Psycho-Intro eine schöne Überraschung für alle Dream Theater Fans: ‚Overture 1928‘ und ‚Strange Déjà Vu‘ vom Scenes From A Memory Album. Eingeleitet werden die Songs passend und wie auf dem Album mit der Regression-Szene, in der der Protagonist durch seinen Therapeuten auf eine Gedankenreise in die eigene Vergangenheit (oder ein vorheriges Leben) geführt wird. Wie passend für Portnoys heutigen Auftritt und seine Erinnerungen an das Traumtheater.

Musikalisch klingt das absolut überzeugend, und wir gehen sogar soweit, dass der Haken Shouter Ross Jennings das komplexe Material besser singt als ein James LaBrie. Portnoy selbst wirbelt wie eh und je hinter dem gewaltigen Drumset herum, und man fragt sich immer wieder, ob der Mann nicht vielleicht doch mehr als nur zwei Arme hat.

Mike_Portnoy2.jpg „Die alte Dream Theater Nummer ‚The Mirror‘ erfährt neue Ehre, bevor die nun folgende 12-Step-Suite erwartungsgemäß den Hauptteil des Auftritts einnimmt. Das Epos kenn natürlich jeder Fan von Portnoys ehemaliger Band, aber nur wenige hatten bisher die Gelegenheit, die gesamte Suite in voller Länger live erleben zu können, da Portnoy bekanntlich nach Veröffentlichung des letzten Parts Dream Theater verlassen hat. Die Suite bietet ein auf und ab an Tempi-, Rhythmus- und Stilwechseln, und auch wenn Portnoy heute natürlich der Star des Acts ist, spielt er sich keinesfalls in den Vordergrund. Die Haken-Musiker und Eric Gillette bekommen jeden Freiraum, den sie brauchen und entfesseln an ihren Instrumenten einen wahren Wirbelsturm und setzen damit einen absoluten Höhepunkt des ersten Festivaltages.

Als Zugabe folgen ‚Home‘, ‚The Dance Of Eternity‘ und ‚Finally Free‘, alle ebenfalls von Dream Theaters „Scenes From A Memory“ Album.

Nach diesem Auftritt entlässt das Festival die glücklichen Besucher in die leider etwas kühle Sommernacht. Ein wunderbarer erster Tag liegt hinter uns, und man darf mehr als nur gespannt auf das jetzt ja erst richtig beginnenden Wochenende sein.

Eine Fotogalerie mit den Highlights des ersten Tages findet ihr auf unserer Facebook Seite

Außerdem für euch bei uns: Die Fotogalerie zum Auftritt von Mike Portnoy’s Shattered Fortress

Bericht und Fotos: Michael Buch

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