Mew

+-

  • Artist: Mew
  • Album: +-
  • Label: PIAS
  • Release: 2015-04-24
  • Medium:
  • Bewertung:3

‚I never rode a motor bike / And I don’t want to / It’s not the kind of thing I like‘

Clinging To A Bad Dream

Es gehört viel – oder, treffender: äußerst wenig – dazu, sich derart lakonisch zurückzumelden. Ein halbes Jahrzehnt, Himmel und Erde und eine ganze Menge Zeichen trennen die beiden Alben ‚No More Stories Are Told Today, I’m Sorry They Washed Away // No More Stories, The World Is Grey, I’m Tired, Let’s Wash Away‘ und ‚+-‚ (lies und werte: PlusMinus) voneinander. Tatsächlich mag sich vieles komprimiert haben in der Zeit. Mews auf ewig verspielter Anderswelt-Rock gehört nicht dazu, und das hat seine Schattenseiten.

Liebevoller Detail- und Schichtungsarbeit, kunstvoller Lyrik und einem breiten Farbspektrum zum Trotz: Es braucht eine ganze Weile, bis ‚+-‚ die Kurve kriegt. Genauer gesagt sechs Tracks, in denen Kimbra (‚The Night Believer‘) und Gastgitarrero Russell Lissack (‚My Complications‘) – der von Bloc Party – als Verschleißteile herhalten müssen. Die Flashlights und Satellites, die Jonas Bjerre da behaucht, blinken hinter Packeis, die ‚Feathers‘ sind honigverklebt. Über weite Strecken ist nicht viel mehr als flüchtiger Dunst übrig von den wolkigen Traumlandschaften der letzten Alben. Allzu sehr baut die Band auf ihren Markenkern, das Falsett ihres Sängers, zu selten schürt sie ihre Ideen zu etwas Durchschlagskräftigem. Nicht, dass der Stoff, aus dem Ohrwürmer sind, nicht schon überall herumläge; es hapert vielmehr am Nähen. Sechs Jahre sind eine lange Weile, da läuft die Nadel schon mal an, geht das Garn nicht mehr so flott durchs Öhr.

Symptomatischer Weise bleibt der müde Lacher am Ende des Refrains von ‚Water Slides‘ catchiest tune auf dieser nur seinem Titel nach gut gepolten Platte. Zu viele Melodien verhallen als Streifschüsse, zu viele Songs sind sich auf halbem Weg zum Radio dann doch zu fein, haben aber die Brücken hinter sich voreilig abgerissen. Und dann kommt das märchenhafte ‚Rows‘ daher und zeigt, dass es doch noch funktioniert: Ein Gedankenstrom, elf gedehnte Minuten Entwicklung in Hochauflösung, ein Nugget von einem Motiv, tausend kleine Ableger und eine melancholische Keyboard-Glasur obendrauf. Alles getreu der Zeile

‚We had time to let things crystallize‘

.

Es wäre zu schön gewesen, würde danach ‚Cross The River On Your Own‘ nicht den Kitsch ins Feld führen. Siebeneinhalb Minuten überkandidelten Dreivierteltakts später ist zwar der Walzer vom Parkett, aber auch nichts mehr zum Nachspülen da und ‚+-‚ seinem undankbaren Nachgeschmack überlassen. Vom Cover aus blicken einen die zum Molekül verbundenen Eierwesen Jonas, Bo, Johan und Silas aus ihren Kulleraugen erwartungsvoll an. „Was nun?“, scheinen sie zu fragen. Man weiß es nicht. Aber eine nächste Chance ist ihnen gewiss. Und die nächste und übernächste. Und noch eine – weil sie so süß sind. Und weil man ‚+-‚ und seine titelgemäße Durchwachsenheit noch nicht so ganz wahrhaben will.

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