Mew – Puzzeln in der Achterbahn

2009 begleiteten Mew die Nine Inch Nails auf ihrer "Wave Goodbye"-Tour und schienen deren Motto im Eifer des Gefechts wohl ein wenig zu sehr zu verinnerlichen: Für mehr als ein halbes Jahrzehnt verschwanden die ewig jungen Dreamrock-Dänen daraufhin von der Bildfläche. Jetzt sind sie wieder da, in alter Frische und Verspieltheit. Mitgebracht haben sie nicht nur ein neues Studioalbum, sondern auch ihren vorübergehend abtrünnigen Ur-Bassisten Johan Wohlert. Wir skypten mit Frontfalsettiero Jonas Bjerre über Puzzlespiele, Kindheitsfreundschaften und Eier.

Rund sechs Jahre habt ihr euch – vorsichtig ausgedrückt – bedeckt gehalten. Fast fühlte man sich im Stich gelassen. Wird jetzt alles wieder gut?

Ich bin ziemlich aufgeregt. Wir waren ja immerhin eine Ewigkeit in der dunklen Höhle versteckt. Und jetzt kommen wir plötzlich wieder ans Tageslicht und spielen Konzerte wie das SXSW oder auf der kleinen Asien-Tour neulich. Bislang war’s wirklich schön, und das Publikum hat sehr gut auf die neuen Songs angesprochen. Außerdem ist unser Bassist Johan jetzt wieder dabei. Auch wenn wir nur ein Album ohne ihn gemacht haben: Das zeigt ein wenig, wie fruchtbar wir als Band sind. Er war sich damals nicht ganz darüber im Klaren, was er während dieser Pause alles aufgeben würde. Immerhin kennen wir uns, seit wir sechs Jahre alt sind und wuchsen ab dem Zeitpunkt quasi gemeinsam auf. Ich wage sogar zu bezweifeln, dass wir überhaupt Musiker geworden wären, wenn sich nicht diese Freundschaft zwischen uns entwickelt hätte. Wir haben zueinander gehalten, sind zusammen auf Rock-Konzerte gegangen, haben Dinosaur Jr und Sonic Youth und wie sie alle heißen gesehen. So ist dann auch der gemeinsame Traum von einer eigenen Band entstanden und am Ende in Erfüllung gegangen. Entsprechend schwierig war es, ohne ihn zu arbeiten. Unsere Möglichkeiten waren einfach eingeschränkt. Wir ergänzen einander auf eine ganz besondere Weise, und jeder von uns nimmt eine Rolle ein, die über das bloße Besetzen eines Instruments hinausgeht. So ein Banddasein hat auch viel mit Kommunikationspsychologie zu tun.
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Ein Glück also, dass Johan wieder an Bord ist.

Auch dank seiner Mitarbeit war es eine wunderbare Erfahrung, dieses neue Album zu machen. Johan hat eine Menge drauf, vor allem die Dinge, in denen ich ganz schlecht bin. Der ganze Prozess war sehr erbaulich, allerdings gehört auch eine ganze Menge Technik dazu, und die ist manchmal frustrierend und zieht runter. Man hält sich dann so lange an Details auf und kommt ein wenig aus der Spur. Es ist wie eine Achterbahnfahrt – am geilsten ist es, wenn man am Ende aussteigt.

Der eingängigste Moment auf ‚+-‚ ist meiner Ansicht nach am Ende des Refrains von ‚Water Slides‘ zu hören. Obwohl – oder gerade weil – du dort nicht einmal Wörter benutzt.

‚Ha ha-ha-ha-ha ha-ha‘

– … Hat es je eine beredte Alternative für diese Zeile gegeben?

Eigentlich sollte es von vornherein schon so eine Art Lachen sein, in dunkler Bildsprache. Es geht in dem Song um jemanden, der dringend Hilfe braucht, sich aber paranoider Weise von der ganzen Welt ausgelacht fühlt. Es ist ein sehr düsterer Song, obwohl er für unsere Verhältnisse zu den poppigeren zählt – und zu meinen liebsten vom neuen Album.

Wie heißen deine anderen Favoriten?

Es fällt gerade etwas schwer, mich festzulegen, weil ich nach den Aufnahmen erst mal Abstand von allem genommen hatte. Gestern erst haben wir die Vinyls bekommen, da habe ich alles mal wieder gehört. Ich mag eine Reihe von Songs aus unterschiedlichen Gründen. Einige waren teils sehr schwer fertig zu bekommen, wohl auch wegen der Länge. Wir hatten oft erst ein Arrangement, das sich eher anfühlte wie ein Stück Score zu einem Film. Gesang oder Text gab es dieses Mal auch in späten Stadien noch nicht und wir standen vor einer ziemlichen Herausforderung, zumal wir alle sehr hohe Erwartungen an uns hatten. Es ist immer eine Frage dessen, wieviel du von dir selbst in deiner Musik verbaust; über sowas denke ich sehr viel nach. Heutzutage ist alles sehr einfach zu glattzukriegen, kann man es dem Computer überlassen, alles perfekt zu machen. Das machen wir aber eben nicht, sondern leisten Handarbeit. Wir gehen sehr weit in unserem Idealismus. Da gibt es auch eine metaphysische Komponente: Auch wenn du den Unterschied gar nicht hörst – er ist immer da, du spürst das. Ich bin froh, dass wir so arbeiten, es ist aber auch einer der Gründe, weshalb es bei uns oft länger dauert. ‚Rows‘ ist so ein Song und zählt auf jeden Fall zu meinen Favoriten, ein sehr ambitioniertes Stück, da war ich sehr zufrieden, wie wir das abgerundet haben.

Der Song ist in lyrischer Hinsicht eine Art Gedankenstrom und mit seinen elf Minuten Motivspiel tatsächlich ziemlich lang …
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Er war schon von Beginn an so lang. Genau genommen sogar noch länger. Es hat Bo und mir Spaß gemacht, zu diesem Call-and-Answer-Muster zurückzufinden. Wir waren eine gitarrenlastigere Band, bevor wir anfingen, unseren Sound um weitere Elemente zu ergänzen. Auch ich selbst habe ursprünglich mehr Gitarre gespielt. Genauso haben wir es da wieder gehandhabt und dann dieses Cinematisch-Landschaftliche darauf aufgebaut. Johan hat es dann in einen Band-Song verwandelt, indem er das, was der Chorus hätte sein sollen, zur Säule des gesamten Stückes machte. Am Ende ist es ein ziemlich seltsamer Song. Ein anderer merkwürdiger Song ist ‚Clinging To A Bad Dream‘, das mit diesem schon fast afrikanischen Part anfängt, den Bo und Silas sich zusammengejammt haben und der und auch sonst einige interessante Passagen hat. Aber es hat ziemlich gedauert, bis das Ganze als Song überhaupt Gestalt annahm. Wir wussten nicht einmal, ob es am Ende funktionieren würde.

Sind das Schwierigkeiten, die sich erst bei der Arbeit an ‚+-‚ bemerkbar gemacht haben?

Wir hatten immer schon schwierige Songs, die wir unter Anstrengungen zusammenpuzzeln mussten. Dafür finden die Stücke aber am Ende auch zu einer sehr besonderen Form, die sich auf keine andere Weise gestalten ließe. Man könnte sich nicht einfach vor ein Klavier setzen und sie so komponieren, wie sie am Ende klingen.

Wo wir schon bei weirden Sachen sind: Du sagtest neulich, der verrücktere Song sei immer der bessere – und sei er noch so anstrengend oder unanhörbar. Da interessiert uns jetzt natürlich sehr, welcher Song deiner Meinung nach der merkwürdigste ist, den du jemals geschrieben hast.

Die wahrhaft komischsten Sachen, die wir gemacht haben, sind nie erschienen.

Ziemlich schade, oder?

Manchmal denken wir schon darüber nach, ins Archiv zu greifen und etwas zur Veröffentlichung rauszupicken. Allerdings sind das nicht überwiegend umfassende Songs, sondern eher Bruchstücke, die sich – im Gegensatz zu den Liedern, von denen wir gerade sprachen – nicht zu etwas Ganzem zusammenfügen ließen. Wir probieren seit jeher sehr viel aus und da gibt es immer Sachen, die übrig bleiben. Die einfach nicht funktionieren und am Ende wohl auch nicht wirklich einladend für den Hörer sind. Ich denke aber, es gibt auch so schon genügend weirde Songs von uns auf den einzelnen Alben.

Und wenn du irgendeinen Song nennen müsstest, welcher wäre es?

Von unseren?

Nicht zwingend.

Ich bin immer wahnsinnig fasziniert von den Entscheidungen, die Menschen treffen. Umso mehr, wenn sie den Weg gehen, mit dem man niemals gerechnet hatte. Kennst du die Band Yellow Magic Orchestra aus Japan? Die haben die verrücktesten Gesangsharmonien, die spielen sich manchmal eine halbe Note über der Hauptmelodie ab. Das ist irrsinnig, sowas macht kein Mensch. Aber auf ihren Platten funktioniert das aus irgendeinem Grund. Ich liebe das. Sie sind so weit vom Mainstream entfernt und doch gehen sie als Pop-Band durch. Es gefällt mir einfach, wenn Künstler mal nicht die meistbereiste Route einschlagen. Sowas ist heute selten geworden. Der Mainstream ist zu generisch, zu musterhaft. In den 80ern haben selbst die mainstreamigsten Popbands noch Mut zum Verrückten gehabt und entsprechend ihre Ideen umgesetzt. Was aber nicht heißen soll, dass ich enttäuscht von der Welt bin. Derzeit gibt es ja auch so einige tolle Bewegungen und Entwicklungen. Man muss nur etwas tiefer graben, um fündig zu werden.

Der Titel eurer neuen Platte ist sehr kurz, kommt sogar völlig ohne Buchstaben und Zahlen aus. Ein harter Kontrast zum Namen des Vorgängers, der ja einem Gedicht sehr nahe kam. Es scheint ja fast so, als läge in ‚+-‚ jetzt der Versuch eines Ausgleichs.

Interessant! So kann man es natürlich auch sehen. Für mich ist es aber eher ein Signal dafür gewesen, ein extremes Gegenteil zu schaffen. Genau wie auch ‚No More Stories …‘ vom Titel her ein Statement war. Das ist auch etwas, das uns antreibt: die Lust, uns zu wandeln. Wenn die Arbeit eintönig und leicht wird, ist sie es nicht wert. Das ist das Aufregende an Musik. Manchmal bedeutet Musikersein auch, mal Dinge zu tun, die man noch nicht gut kann, sich auf dünnes Eis zu begeben und zu schauen, was funktioniert. Und wenn es funktioniert, probiert man trotzdem das nächste.

Und das Album ist ja auch innerhalb seiner eigenen Grenzen sehr wandlungsfreudig.

‚+-‚ ist ein sehr vielseitiges Album und voller Kontraste und Extreme. Wir haben den einzelnen Songs viel erlaubt. Sie durften das sein, wonach sie sich anfühlten. ‚Water Slides‘ etwa ist für mich nahezu ein R’n’B-Song – jedenfalls in dem Rahmen, in dem wir uns musikalisch bewegen. Ursprünglich geht die Titelgebung aber auf Mathias von M/M Paris zurück. Die haben ja auf der Grundlage ihrer Wahrnehmung unserer Musik das Artwork gemacht. Für Mathias hat sich das Album nach einer langlebigen Batterie angefühlt, er fühlte sich gestärkt, quasi neu aufgeladen.

Das Artwork ist in der Tat interessant: Teils verpixelt, teils äußerst detailreich, der Bandname und auch ihr selbst taucht verkappt auf. In Streichhölzern und in Eiform …
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Ja, es hat viele Schichten. Wir haben uns vorab länger mit den Künstlern unterhalten und diskutiert, wie wir das innere Wesen unserer Band am besten porträtieren sollten, und ich glaube, dabei ist etwas Gutes herausgekommen. Auch toll, dass sie die Eier-Figuren mit eingebaut haben, die eigentlich von einem Fan der Band entworfen wurden, einer großartigen Koreanerin namens Hyunji Choi. Sie hatte sich vom Cover des letzten Albums inspirieren lassen, das eine Art Clownsgesicht zeigt – ebenfalls eiförmig. Mir gefällt, dass diese seltsamen Signale sich durch unser Werk ziehen und sich auf diese Weise Kreise schließen.

Für euer neues Album habt ihr euch von Sony beziehungsweise von Columbia verabschiedet und habt bei PIAS unterschrieben. Wie fühlt sich der Labelwechsel an? Hat er sich auch auf eure künstlerische Arbeit ausgewirkt?

Musikalisch vielleicht nicht allzu sehr, aber es hat in meinen Augen große Bedeutung für die Entwicklung unserer Band, für ihren Fortschritt. Auch wenn das Label einen guten Job gemacht hat und wir viele tolle Jahre hatten: Die Rolle, die Majorlabels in unserer Welt spielen, hat sich deutlich verändert, und nach meinem Empfinden gehören wir als Band auch nicht mehr zu einem Majorlabel. Vielleicht haben wir das aber auch noch nie, wer weiß. Es war jedenfalls an der Zeit, eine Veränderung anzugehen.

Inwiefern hat sich deiner Ansicht nach die Rolle von Majorlabels verändert?

Es ist hart für Bands, mit denen man nicht auf der Stelle warm wird. Und wir sind so eine Band. Wir liefern eben nicht Radiosingles am Fließband ab. In der Musikbranche mussten nahezu alle den Gürtel enger schnallen und Personal entlassen; Majorlabels sogar am ehesten. Wir haben das miterlebt; viele von den Leuten, mit denen wir damals gearbeitet haben, sind nicht mehr da und nun beschäftigungslos, weil die Zeiten sich einfach geändert haben. Und wenn ein Radio-Plugger heutzutage schon Mühe hat, die Sender von einer neuen Shakira-Single zu überzeugen, bleibst du als eine Band wie wir automatisch der Strecke. Ich bin aber sehr zufrieden mit dem Stand der Dinge; bei PIAS verstehen sie uns ausgesprochen gut.

Johan hatte sich ja aus dem Bandleben zurückgezogen, um sich seiner Familie zu widmen. Weißt du, wie die es jetzt findet, dass er wieder so viel unterwegs ist?

Sein Sohn ist nicht so beeindruckt von der Arbeit seines Papas und hat auch sonst für Musik wenig übrig. Er interessiert sich praktisch nur für Computerspiele. Johan hat sich damals aber nicht wirklich zurückgezogen, sondern auch eine neue Band (The Storm; Anm. d. Red) zusammen mit seiner Freundin (Pernille Rosendahl; Anm. d. Red.) gegründet. Er wollte nur Dänemark nicht wieder verlassen – was ich auch gut verstehe, schließlich haben wir den Großteil unserer Alben in England oder den Staaten gemacht und waren folglich auch während dieser Perioden nicht zu Hause. Das macht das Beziehungsleben nicht gerade einfacher. Jetzt freut er sich aber wieder auf das Musikerleben, die Reisen, die Jetlags, den Stress, die Hektik. Wie auf unserer Asien-Reise, da hatten wir trotz alledem eine Menge Spaß und haben viel gelacht. Ich denke, er weiß das sehr zu schätzen und ist dankbar. Man muss dankbar sein für das, was man hat. Dankbarkeit ist der Schlüssel zum Glück.

Obwohl Dänemark ein Nachbarstaat Deutschlands ist, hört man eigentlich viel zu wenig von dänischen Bands; es schwappt kaum etwas über die Grenze. Kannst du uns da ein wenig Nachhilfe geben und empfehlen, welche Bands wir uns dringend anhören sollten?
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Es gibt einige tolle neue Bands, die Szene ist gerade sehr interessant. Ich kann zum Beispiel die sehr junge Band Communions empfehlen, die tolle melodische Strukturen und eine klasse Energie haben. Dann gibt es noch Lust For Youth – auch wenn der Sänger ein Schwede ist, er lebt hier -, Silo, die gerade ihr erstes Album seit 13 Jahren rausgebracht haben, oder Choir Of Young Believers. Iceage sind sehr energetisch und eine tolle Liveband. Wir sind selber leider nur wenig in Deutschland unterwegs gewesen, das finde ich ziemlich schade. Weiß Gott, woran das liegt.

Immerhin wart ihr 2009 der Support von Nine Inch Nails auf deren „Wave Goodbye“-Tour.

Ja, ich erinnere mich noch gut daran. Als man uns fragte, ob wir dabei sein wollten, war ich sehr erfreut, aber auch überrascht und ein wenig ängstlich wegen dieses großen stilistischen Kontrastes. Am Ende war es aber eine der besten Touren, die wir je gemacht haben. Irgendwie war es eine gute Paarung, wie wir sie noch lange nicht immer hatten. Trent Reznor war sehr angenehm, hat über uns getwittert und Wert darauf gelegt, uns dem Publikum vorzustellen und ans Herz zu legen. Deutlich zu machen, dass wir nicht irgendeine Band sind, die der örtliche Promoter ihm an die Seite gestellt hat. Wir fühlten uns willkommen und miteinbezogen, das hat sehr geholfen. Ich denke, die dunklen Seiten unserer Songs und ihre Twists und Turns dürften auch einigen Nine Inch Nails-Fans gefallen haben.

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