Tardive Dyskinesia – Wut und Optimismus aus Griechenland

Eine komplette Band interviewt man nicht alle Tage. Im Oktober trafen wir die Jungs von der griechischen Modern Prog Metal Band Tardive Dyskinesia in einer gemütlichen Sportbar in Köln. Die Jungs lieferten am kommenden Tag einen astreinen Auftritt als Opener beim Euroblast Festival ab. Zum Zeitpunkt des Interviews waren die Nachrichten noch von der Finanzkrise in Griechenland bestimmt, der Staatsbankrott drohte. Es war also naheliegend und unausweichlich, nicht nur über die Musik der Band, sondern auch den Status von Musikern in Griechenland zu sprechen. Manthos (Gesang), Nicos (Schlagzeug), Petros (Gitarre), Steve (Gitarre) und Kornelios (Bass) sprachen sehr offen über das, was sie beschäftigte. Das Gespräch war aber nicht nur spannend und tiefgründig, sondern auch entspannt und lustig. Wir hoffen, daß es euch genauso viel Spaß macht, Tardive Dyskinesia kennenzulernen wie uns.

Whiskey-Soda (WS): Hallo Jungs, erzählt uns doch etwas über eure Band, was ihr als wichtig erachtet. Für was für eine Art von Musik steht ihr?

Manthos: Wir sind seit zehn Jahren eine Band und heißen Tardive Dyskinesia. Wir sind seit ungefähr fünfzehn Jahren Bestandteil der griechischen Musikszene. Wir haben bisher drei Alben veröffentlicht und mehrere Touren absolviert. Unser aktuellstes Werk ist die Single ‚The Electric Sun‘, die wir auf Vinyl herausgebracht haben. Wir stehen auf Bands wie Meshuggah oder Textures – progressives Zeug. JEDE Art von progressivem Zeug, nicht nur das Moderne. Wir lieben auch die Klassiker wie Rush oder King Crimson sehr.

Steve: Die Einflüsse all dieser Bands wird man auf unserem kommenden Album hören können.
Tardive_Dyskinesia_3.jpg „Nicos: Die Musik steht für uns eigentlich an erster Stelle, aber die Realität sieht zurzeit leider anders aus. Wir müssen alle für unseren Lebensunterhalt arbeiten, also gehen wir den Tag über anderen Tätigkeiten nach als unserer Musik. Die ist aber unsere Antriebsfeder, mit ihr können wir all das herauslassen, was uns innerlich bewegt.

WS: Was für Jobs habt ihr denn?

Manthos: Ich bin Grafikdesigner.

Steve: Ich bin Musikproduzent und habe mein eigenes Studio.

Nicos: Ich bin Anwalt.

Petros: Ich bin Friseur.

Kornelios: Ich arbeite in einer Musikbar und außerdem als Software-Designer.

Nicos: Ach ja, ich bin auch sein Anwalt. (alle lachen)

WS: Eigentlich wollte ich diese Frage erst später stellen. Griechenland war ja in den letzten Monaten viel in den Nachrichten wegen der Finanzkrise. Sehr viele Menschen haben ihre Jobs verloren, und die Armut und Arbeitslosigkeit steigen weiter. Manche verlassen sogar ihre Familien in Griechenland, um im Ausland Geld zu verdienen. So gesehen scheint es euch ja relativ gut zu gehen.

Tardive_Dyskinesia_8.jpg „Manthos: Im Moment ja. Im Moment haben wir genug Geld, um unsere Rechnungen zu bezahlen, die Miete für unsere Wohnungen und Lebensmittel. Sogar genug, um hierher zum Euroblast Festival zu kommen. Wir sind sehr froh, in einer solchen Position zu sein.

WS: Ist es denn noch schwieriger geworden als früher, als Musiker in Griechenland seinen Lebensunterhalt zu bestreiten?

Manthos: Natürlich betrifft uns der ganze Mist auch. Vielleicht nicht direkt, aber wir haben sehr viele Freunde, die keine Arbeit mehr haben. Wir haben jetzt fünf Jahre zugesehen, wie alles immer schlimmer wurde. Wir wollen uns gar nicht vorstellen, wie die Zukunft aussehen könnte.

Nicos: Selbst wenn du selbst einen Job hast und genug Geld, um dein Leben zu bestreiten, hat es natürlich trotzdem einen psychologischen Effekt auf dich, wenn deinen Freunden solche Dinge passieren.

Steve: Und es erschwert es natürlich auch, sich auf die Musik zu konzentrieren.

Manthos: Naja, nicht nur auf die Musik. Es hat Auswirkungen auf dein ganzes Leben.

Nicos: Du musst nur den Fernseher anmachen und Nachrichten schauen. Da wirst du doch wahnsinnig!

Manthos: Ja, wie haben uns das Fernsehen abgewöhnt. (lacht)

Steve: Aber wir ziehen unser Ding durch und machen das, was wir lieben.

WS: Alles in allem und im Vergleich zu anderen, geht es euch ja recht gut. Zumindest hat jeder von euch einen Job.

Petros: Klar, wir sind schliesslich hier. Aber wir haben dafür auch hart gearbeitet.

WS: Na, dann bin ich ganz froh für euch. Die Frage hat mich im Vorfeld des Interviews recht beschäftigt. Schliesslich gab es so viele schlechte Nachrichten aus und über Griechenland.

Manthos: Es ist ein Nachrichtenkrieg.

WS: Ja, man muss da über eine gewisse Medienkompetenz verfügen und sich jenseits der grossen Massenmedien informieren. In letzter Zeit konnte man Berichte sehen und lesen, dass beispielsweise viele Leute keine Gesundheitsversorgung mehr haben. Krankenhäuser müssen schliessen, weil der griechische Staat die Gehälter nicht mehr bezahlen kann.

Tardive_Dyskinesia_14.jpg „Manthos: Ja, man kann heute Menschen im Müll wühlen sehen. Es sind nicht viele, aber man sieht sie. Vor ein paar Jahren gab es so etwas in Griechenland nicht. Das ist eine neue Qualität, selbst wenn es nur eine Minderheit sein sollte. In anderen Ländern ist so etwas an der Tagesordnung, aber Griechenland ist möglicherweise das erste Land in Europa. Und es ist nicht so abwegig, dass noch weitere europäische Länder folgen.

Nicos: Meiner Meinung nach hat das Thema geopolitische Bedeutung. Möglicherweise, ich sage möglicherweise wollen andere Länder und Amerika Europa schwächen, indem sie auf die Schwächsten abzielen.

WS: Möglicherweise. Vor ein paar Jahren hätte man so etwas ja kaum für möglich gehalten, aber heutzutage bin ich mir nicht mehr so sicher, was hinter den verschlossenen Türen der Mächtigen alles passiert.

Petros: Aber auch wenn es für uns durch die ganzen Schwierigkeiten alles andere als einfach ist, unser Ding durchzuziehen, versuchen wir auch die Kehrseite der Sache zu sehen. Man kann zwar sagen, dass die Schuldenkrise die Band zumindest mittelbar betrifft, aber es hat in gewisser Weise auch einen Nutzen. Ich zumindest sage mir: „Ich werde nicht aufhören! Ich werde mich mehr anstrengen! Vielleicht finde ich neue Wege, was ich mit meiner Musik tun kann. Aber ich werde nicht aufgeben!“

WS: Und ihr könnt eure ganzen Gefühle, die Wut und alles in den kreativen Prozess eurer Musik einbringen. Euer nächstes Album dürfte also ziemlich angepisst klingen und euer bisher Bestes sein. Wegen der ganzen Wut und den anderen Gefühlen.

Tardive_Dyskinesia_17.jpg „Manthos: Wir hoffen es. Wir haben schon ein grossartiges Album, aber das sagt natürlich jede Band. Jedes unserer Alben verkörpert einen bestimmte Zeit in unseren Leben. Und mit dem neuen Album ist es natürlich genauso. Wir haben fast drei Jahre dran gearbeitet und nun wird es endlich abgemischt. Von niemand geringerem als Mr. Steve Lado, unserem Gitarristen.

WS: Das heisst also, dass eure Fans mit einer baldigen Veröffentlichung rechnen können? Hast du denn alle eure Alben selbst produziert, Steve? Und habt ihr sie auch selbst veröffentlicht?

Steve: Ich habe nur das letzte produziert, „Static Apathy In Fast Forward“.

Manthos: Unser erstes Album von 2006 haben wir über ein griechisches Independent Label herausgebracht. Danach haben wir einen Plattenvertrag beim bekannten italienischen Label Coroner Records unterschrieben. Sie haben 2009 unser zweites Album „The Sea Of See Through Skins“ herausgebracht. Unser letztes Album wurde wieder dann von einem anderen griechischen Indie-Label veröffentlicht, Catch The Soap. Aktuell suchen wir nach einem neuen Label, das uns bessere Bedingungen bietet. Der Fall wird vielleicht nie eintreten, vielleicht werden wir es dann selber herausbringen. Wir wissen es aktuell leider noch nicht. Aber wir werden natürlich unser Bestes tun.

[i](Der Stand April 2016 ist, dass das noch kein genaues Release-Datum feststeht, das neue Album mit dem Titel „Harmonic Confusion“ noch 2016 erscheinen soll. Es wurde von Jens Bogren in den bekannten Fascination Studios in Schweden gemastert und liegt fertig in der Schublade.)[/i]

WS: Okay, wenden wir uns einem anderen Thema zu. Was könnt ihr absolut nicht leiden, wenn ihr Plattenkritiken über eure Musik lest?

Tardive_Dyskinesia_20.jpg „Manthos: Mir fällt etwas ein. Ich finde, wenn geschrieben wird, dass wir Djent machen. Ich denke nicht, dass das was wir machen, Djent ist. Wir mögen unsere Einflüsse haben, wie zum Beispiel Meshuggah. Aber in der letzten Zeit hat sich recht klar herauskristallisiert, wofür Djent steht. Und da finde ich uns nicht wieder. Es stört mich nicht wahnsinnig, aber ich finde nicht, dass wir sehr gut zu den ganzen Bands passen, die heute für dieses Genre stehen.

Petros: Ich sehe das ganz praktisch. Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung. Jeder ist frei, zu sagen oder zu schreiben, was er möchte. Pressefreiheit. Natürlich freue ich mich, wenn ich lese „Sie sind eine tolle Band“ oder so ähnlich. Ob uns jemand Progressive oder Djent nennt ist mir egal. Reviews zu lesen macht mir also keine Probleme. Und ehrliches Feedback ist mir nicht egal.

WS: Ehrliches Feedback ist dir wichtig. Bedeutet das, dass ihr durchaus versucht, konstruktive Kritik in eurer Musik zu berücksichtigen, wenn sie euch einleuchtet?

Alle: Nein.

Manthos: Wir spielen die Musik, die wir selber am liebsten hören. Wenn ich Musik schreibe, schreibe ich das, was ich von anderen Bands gerne hören würde. So gehe ich an die Sache ran. Was die Leute schreiben oder ob ihnen unsere Musik gefällt oder nicht, ist für mich zweitrangig. Natürlich freue ich mich, wenn es jemandem gefällt und er das auch sagt. Natürlich ist das eine Bestätigung. Aber es wird nichts an unserer Einstellung ändern. Wir werden uns genauso bei unseren Konzerten reinhängen, egal ob da nur 10 Leute im Publikum stehen. So gesehen achten wir nicht auf die Musikpresse.

WS: Das respektiere ich zutiefst und höre es immer wieder von den sogenannten „progressiven“ Bands. Und das bedeutet „progressiv“ ja eigentlich auch, nicht wahr? Grenzen zu überschreiten, Erwartungen zu sprengen, Klischees und Genres hinter sich zu lassen. Wer das wirklich tut, macht leidenschaftliche und authentische Musik, und das spüren die Leute. Ob sich das dann gut verkauft, ist eine andere Frage.

Manthos: Es gibt keine Begrenzungen. Und wenn man eine Band gründet, um Platten zu verkaufen, gibt es tatsächlich andere Musikstile, bei denen das einfacher ist.

WS: Der Titel eures aktuellen Albums lautet „Static Apathy in Fast Forward“ (deutsch in etwa: „Bewegungslose Teilnahmslosigkeit im Schnelldurchlauf“). Was hat euch zu diesem Titel gebracht? Hat es etwas mit der politischen Situation in Griechenland zu tun, von der wir vorhin gesprochen haben?

Tardive_Dyskinesia_24.jpg „Petros: Ein wenig, aber das ist ja keine Zustandsbeschreibung, die nur auf Griechenland zutrifft. Das kann man doch auf der ganzen Welt beobachten. Jeder ist mit Vollgas unterwegs. Alle schauen dabei zu, aber keiner unternimmt was. Jeder hat seinen Computer und sitzt davor, mit schier unbegrenztem Zugriff auf Wissen und Information. Wir sitzen bequem vor unseren Bildschirmen und geben unsere Kommentare bei Facebook ab, aber ändern tut es rein gar nichts.

Nicos: Die Menschheit ist ein Krebsgeschwür.

WS: Das klingt in meinen Ohren recht politisch. Seht ihr euch selbst als eine politische Band?

Manthos: Eigentlich nicht besonders. Wir sind ja alle Teil des Problems. In meinem Beruf als Grafikdesigner arbeite ich viel am Computer. Ich lese die Nachtrichten am Computer, ich sehe Menschen am Computer sterben. Jeden Tag sehe ich mir diese Scheisse an und bleibe an meinem Computer sitzen. Das meine ich, und das ist tragisch.

WS: Immerhin habt ihr die Möglichkeit, eure Gedanken und Gefühle mit der Musik zum Ausdruck zu bringen. Und das tut ihr ja auch. Das ist wichtig, denn viele Leute können damit mehr anfangen als mit politischen Apellen.

WS: Nochmal ein anderes Thema. Was haltet ihr von Gitarren mit mehr als sechs Saiten?

Petros: Nutzlos.

Manthos: Naja, manchmal ist schon ein wenig Angeberei dabei. Es gibt Bands, die spielen achtsaitige Gitarren aber benutzen nur vier davon. (lacht).

Kornelios: Ich hab ja meine ganze eigene Theorie zu dem Thema. Achtsaitige Gitarren sind eigentlich nichts anderes als ein getarnter Bass. Die sind genauso gestimmt wie ein Bass und spielen die gleichen Tonlagen.

Petros: Mit Tonlagen hat das nichts zu tun. Ich denke, sieben oder acht Saiten machen schon Sinn, wenn man auch die Fähigkeiten hat, sie zu nutzen. Manche Bands wollen auch einfach nur fetter klingen. Für uns ist das nichts. Ich habe schon Mühe, mit meinen sechs Saiten zurechtzukommen. (grinst)

Manthos: Ja, es gibt Bands wie Animals As Leaders. Die Typen haben’s drauf, die nutzen auch wirklich alle Saiten.

WS: Noch eine letzte Frage: Was braucht die Welt am dringendsten?

Kornelios: Einen Neustart.

tardive_dyskinesia__100.jpg „Petros: Naja, ich denke, dass wir den in gewisser Weise gerade erleben. Wenn auch auf eine sehr kranke Art und Weise. Es gibt eine Handvoll Menschen, die genau das für den ganzen Planeten wollen. Aber das ist meine persönliche Meinung, nicht die der Band.

WS: Ich bin da ganz ähnlicher Meinung. Immer wenn eine grosse Sache läuft ist klug zu fragen, wer davon profitiert. Und meistens sind das nämlich nicht diejenigen, von denen wir in den grossen Medien hören.

Kornelios: Die grossen Medien erzählen doch nur Mist. Die ganze Zeit.

Petros: So war es ja schon immer, das ist ja nichts Neues. Ein paar Mächtige gegen den Rest.

Manthos: Ja, für mich ist jedenfalls sonnenklar, dass die Deutschen Medien ein ganz anderes Bild von Griechenland zeichnet als die Griechischen Medien.

WS: Zumindest gibt es immer noch geile Musik. Ein Glück!

Manthos: Ja genau. Und deshalb sind wir ja hergekommen. Um unsere Musik mit euch zu teilen und ein paar Bier mit Freunden zu trinken. Prost!

Alle: Prost!!

This interview is also available in English, click here.

Die Musik und Merchandise von Tardive Dyskinesia sind auf der Bandcamp-Seite der Band erhältlich, unter anderem die gerade zum 10. Jubiläum erschienene Wiederauflage des Debütalbums „Distorting Point Of View“. Folgt der Band hier auch auf Facebook und gebt Ihnen einen Like.

Fotos: Michael Buch & Tardive Dyskinesia
Interview und Übersetzung: Daniel Frick

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