LÖWEN AM NORDPOL – Von Jugendhelden, Präsidenten und Großmüttern

Intelligente, eingängige Rockmusik mit deutschen Texten hat einen schweren Stand. Vor gut drei Jahren hat das Berliner Indie-Trio Löwen am Nordpol ihr wunderbares Debüt veröffentlicht. Anklang fand die kleine Perle «Vom Stochern in der Asche» leider nur in einigen Radio-Charts und alternativen Magazinen – unter anderem bei Whiskey-Soda. Nun kann sich die kleine Fangemeinde endlich über den selbstbetitelten Nachfolger freuen. Wir haben die drei Jungs, die in einem Song den (inzwischen gefallenen) Kopf von Donald Trump forderten, zum Interview-Plausch gebeten. Andreas, Daniel und Christoph sprechen über die prägenden Bands ihrer Jugend, die Beschwernisse einer «echten Indie-Band», aktuelle politische Fragen, wie es ist, älter zu werden und natürlich über die Songs auf der neuen Platte.

Whiskey-Soda: Stellt euch doch für alle, die euch noch nicht kennen, kurz vor! Wer seid ihr, und für was für Musik steht ihr?

Löwen am Nordpol: Wir sind Christoph (Drums), Daniel (Bass) und Andreas (Gesang, Gitarre) und machen unter dem Namen „Löwen am Nordpol“ Indie-Rock, wie er vor allem in den 90ern gespielt wurde: Rau, eingängig und emotional. Dieser Stil ist mit Sicherheit alles andere als modern, dafür aber, wie wir finden, zeitlos.

WS:  Ihr seid keine 20 mehr, mit Löwen am Nordpol habt ihr aber erst vor dreieinhalb Jahren euer erstes Album herausgebracht. Seid ihr Spätberufene?

LaN: Nein, wir waren davor schon über 25 Jahre in diversen anderen Bands aktiv und sind absolute Musikjunkies in der Hinsicht.

WS: Eure Musik erinnert an die Hamburger Schule, Bands wie Tocotronic oder Kettcar, aber da ist noch mehr. Wie sieht eure musikalische Sozialisation als Musikkonsumenten aus? Welche Bands haben euch Jugendliche und später als Musiker geprägt?

LaN: Bandintern sind Dredg, Deftones und Buffalo Tom unsere jeweils aktuellen Lieblingsbands. Generell sind wir alle geprägt von den Rock-/Indie-/Hardcore-Größen der 90er bzw. 2000er Jahre. Da sind wir dann auch irgendwie bis heute «hängengeblieben», derzeit angesagte Bands kennen und hören wir eigentlich kaum. Das scheint sich dann auch in unserer Musik widerzuspiegeln, wobei wir lustigerweise so gut wie keine deutschen Bands hören.

WS: Seit eurem Debütalbum «Vom Stochern in der Asche» sind beinahe vier Jahre vergangen. Was habt ihr in der Zwischenzeit getrieben, vor allem in der Zeit vor Corona – also so bis vor einem Jahr?

LaN: Wir haben alle noch einen „richtigen“ Job und machen alles, was die Band anbelangt, allein: Aufnahmen, Produktion, Fotos, Videos, Promo, Booking, Social Media etc. Das frisst Kraft, Geld und vor allem Zeit. Unser jetziges Album ist im Grunde seit zwei Jahren fertig! Ehe dann alles ins Rollen und zur Veröffentlichung kommt, dauert das in diesem Business und auf unserem Level leider extrem lange. Von daher waren wir auch während Corona bis über beide Ohren mit der Band beschäftigt und haben bis auf die fehlenden Konzerte kaum einen Unterschied gemerkt.

WS: In eurer Presse-Info zum neuen Album sprecht ihr davon, dass die Band zumindest kurzfristig (aufgrund Corona?) vor der Auflösung stand. Ich glaube ich spreche für viele, wenn ich sage dass ich froh bin, dass ihr weitergemacht habt! Möchtet ihr unsere Leser trotzdem mitnehmen zu diesem Zeitpunkt? Was war schwierig – und viel mehr noch – was hat euch bewogen, trotz der Schwierigkeiten weiter zu machen?

LaN: Danke für die warmen Worte! Der Promotext, den ein Freund geschrieben hat, ist aber in der Hinsicht vielleicht etwas irreführend und wohl generell auf das Leben seit Corona bezogen. Aber eines hat das letzte Jahr überdeutlich gezeigt: (Live-) Kultur ist für die hiesige Politik leider so gut wie nichts wert.

Fleischfabriken dürfen weitermachen, Profisportler dürfen weitermachen, aber nachgewiesenermaßen wirksame Hygiene-Konzepte für Veranstaltungen oder Clubs werden einkassiert. Da muss man schon fast von Vorsatz sprechen. Klar gibt es Aktionen wie «Alarmstufe Rot», aber die richtig großen Musiker halten die Füsse still, vermutlich aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Damit meinen wir nicht irgendwelche Corona-Leugner-Spinnereien, sondern sachliche Auseinandersetzungen. Alternativlos ist nämlich nichts. Als unbekannte Band war es natürlich schon vor Corona verdammt schwierig. Gerade Indie-Rock wie wir ihn machen, ist für die jüngere Generationen einfach nicht hip genug. Und in unserer Generation, das merken wir ja an uns selbst, wird man weniger empfänglich für neue Musik, wenn man „seine“ Bands erstmal gefunden hat.

Zudem sind wir alles andere als Social-Media Profis. Das macht es natürlich schwer, Reichweite zu generieren. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten muss man daher klar sagen, dass wir mit der Band bisher auf ganzer Linie gescheitert sind. Da fragt man sich dann natürlich zwangsläufig, ob man verrückt ist und ob man sich das alles noch antun muss. Corona hat dieses Gefühl eigentlich nur noch verstärkt. Wer aber wie wir schon so lange Musik macht, der kann natürlich trotzdem nicht anders. Nur wird man sehen müssen, ob es auf diesem Level weitergehen kann. Wir hoffen natürlich, dass unser neues Album da etwas mehr Bewegung in die Sache bringt.

WS: Vor ein paar Jahren habt ihr mit charmanter Wut den Kopf von Donald Trump gefordert. Hättet ihr zu dem Zeitpunkt erwartet, was noch alles folgen würde? Der Mann hat ja Satiriker arbeitslos gemacht! Und jetzt? Ist Amerika ohne einen Präsidenten Trump besser dran?

LaN: Jedes Land wäre ohne einen solchen Präsidenten besser dran! Gleichzeitig muss man natürlich zugeben, dass er mit seiner offenkundig arroganten und stupiden Art eine leichte Zielscheibe war. Wir hatten anfangs ja sogar fast schon Sorge, dass er zu schnell des Amtes enthoben wird, denn dann wäre unser Song relativ frühzeitig irrelevant geworden. Generell muss man aber leider auch festhalten, dass es seit Kennedy keinen amerikanischen Präsidenten gegeben hat, der außenpolitisch auf Entspannung und Miteinander statt auf Konfrontation und Eskalation gesetzt hat. Das scheint unter Biden leider auch nicht anders zu werden.

WS: Einer der berührendsten und gleichzeitig eingängigsten Songs auf eurem ersten Album ist «Glaub dir nicht», zu dem ihr erst vor ein paar Monaten noch ein spätes Video veröffentlicht habt. Was ist die Geschichte des Liedes?

LaN: Danke! Wir bekommen immer wieder sehr bewegendes Feedback zu diesem Song. Als wir mit der Band anfingen, suchten wir noch einen Sänger und verbrachten fast zwei Jahre lang mit Castings. Irgendwann war klar: entweder Andreas, unser Gitarrist, der nie zuvor gesungen oder richtige Songs geschrieben hatte, macht es selber, oder die Nummer ist erledigt. Das war im Grunde also die Initialzündung und Geburtsstunde der Band, auch wenn sich Andreas damit quasi nackig gemacht hat. Er hat sich einfach vorgestellt, wie ein Leben ohne das aussähe, wofür man wirklich brennt. Und wie man das dann später vor sich selbst rechtfertigen würde. Und genau wegen dieser Offenheit inklusive aller dargelegten Selbstzweifel geht dieser Song vermutlich vielen so nahe. Wir alle kennen diese inneren Kämpfe. Und da in solchen Momenten meistens nur die Angst für einen spricht, muss man sich dann immer wieder sagen: „Glaub dir nicht“!

WS: Im Dezember 2019 habt ihr als frühen Vorboten für das neue Album «Bevor du sprichst» herausgebracht. Da war noch viel Ärger und punkige Attitüde drin. Euer neues Album hat einen recht anderen Ton. Nachdenklicher, melancholischer. Hat sich die Art und Weise, wie ihr Texte schreibt, durch Corona verändert? Was braucht ihr, um auf diese Weise kreativ sein zu können?

LaN: Wie gesagt, das Album war ja schon weit vor Corona fertig. Aber du hast Recht, das ist wohl der direkteste und punkigste Song des Albums und, aufgrund des zugehörigen Videos, auch wieder mit klarer politischer Stoßrichtung. Wenn du aber drei solche Lieder machst, verliert das ganze relativ schnell an Reiz. Der Ärger über das Weltgeschehen hat sich daher bei uns dann andere, subtilere Ventile gesucht.

„Mein letztes Kapitel“ ist quasi eine Reaktion auf die noch immer anhaltende sog. Flüchtlingskrise, allerdings aus Sicht eines/einer Zurückgebliebenen. „Aber sonst geht’s mir gut“ ist die totale Resignation in jederlei Hinsicht. „Wenn man weint“ geht ebenfalls in diese Richtung, lässt aber etwas mehr Optimismus zu. Gleichzeitig kann man diese Songs aber auch auf persönliche Bereiche deuten, sie passen beispielsweise auch wunderbar bei Liebeskummer. Letztendlich entscheidet die Richtung dann der Hörer, und genau diese Vielschichtigkeit finden wir reizvoll.

Dadurch klingt das Album vielleicht tatsächlich etwas nachdenklicher oder melancholischer. Wobei man auch sagen muss, dass unser erstes Album schon viele solcher Momente hatte, ein direkter und in seiner Auslegung eindeutiger Song wie der über Trump war auch dort schon eher die Ausnahme. Aus kreativer Sicht sind solche Krisen wie jetzt natürlich ein Segen. Das ist dann das Gute an schlechten Zeiten: Jede Band wird in den vergangenen Monaten mindestens 1-2 Alben geschrieben haben. Wir könnten im Grunde auch schon wieder aufnehmen.

WS: Ihr schildert in eurer Presseinfo auch den Blick in die Vergangenheit. Woher kommt das? Weil es derzeit nach vorne nur «auf Sicht» geht? Weil man Dinge besonders zu schätzen lernt, wenn man sie plötzlich nicht mehr hat?

LaN: Wie du ja eingangs schon festgestellt hast, wir sind mit unseren Ende 30 Anfang 40 Lenzen nicht mehr die Jüngsten, damit geht natürlich auch ein gewisser Abstand auf das bisher Gewesene einher. Zudem wird der Tod auch deutlich präsenter, in Zeiten wie diesen natürlich umso mehr. Auch berühmte Leute, die uns in unserer Jugend begleitet haben, fangen an wegzusterben. Und, wie in unserem Song „Es bringt mich um“ thematisiert, sind mittlerweile die meisten Großeltern unserer Generation verstorben. Generell verliert man sich, so haben wir zumindest den Eindruck, umso schneller aus den Augen, je älter man wird. Auch Freundschaften sind schwieriger zu pflegen, weil sich der Fokus mit dem Alter verschiebt. Und natürlich tut die jetzige Situation ihr Übriges dazu, um in der Vergangenheit zu schwelgen, denn niemand weiß, wann und ob man wieder so leben wird, wie man es gewohnt war. Von daher passt die Stimmung des Albums beängstigend gut zur aktuellen Situation.

WS: Was gibt euch Hoffnung für die Zukunft? Persönlich, aber vielleicht auch politisch?

LaN: Da vermischt sich natürlich zwangsweise das Politische mit dem Persönlichen, wenn zukünftig womöglich nur noch unter bestimmten Bedingungen dieses oder jenes gemacht werden darf. Jetzt wäre eigentlich genau der richtige Zeitpunkt als Zivilisation zu sagen: «Ok, wir überdenken alles nochmal oder versuchen den Anfängen zu wehren, geben den Tieren wieder mehr von ihrem Lebensraum zurück, versuchen die Globalisierung gerechter zu gestalten, gehen die wichtigen Klimafragen wirklich an.»

Was nützt es, wenn alle Menschen der Erde gegen Covid geimpft sind, aber trotzdem jedes Jahr weiterhin 30-40 Mio. Menschen an Hunger sterben? Was bringt mir ein Sieg über die jetzige Pandemie, wenn zukünftige Pandemien anscheinend schon so gut wie sicher sind? Oder man zukünftig nur noch mit Sonnenschutzcreme Faktor 100 rausgehen kann? Dass man international gemeinsam an einem Strang ziehen könnte, wenn man denn wollte, das ist vielleicht das einzig Gute was sich im letzten Jahr gezeigt hat.

Was uns als Band anbelangt, so sind wir generell positiv gestimmt. Wir haben bis jetzt zwei Alben quasi in Eigenregie auf die Beine gestellt und einen, wenn auch kleinen, Fussabdruck in der Indie-Rock-Welt hinterlassen. Das beweist: Wenn man wirklich will, kann man seinen Traum tatsächlich in die Tat umsetzen.

WS: Was möchtet ihr unseren Lesern zum Abschluss mitteilen? Hier ist eure Chance für schamlose Werbung!

LaN: Werdet niemals Musiker!! Nein, Spaß beiseite, hört gern mal bei uns rein, und wenn es euch gefällt, freuen wir uns wie kleine Kinder über jede Form von Support, sei es als Like, Weiterempfehlung, Download, Kommentar, Spende etc.! Danke natürlich auch an Whiskey-Soda für dieses Interview!

 

Löwen am Nordpol sind:

Andreas Kolczynski: Gesang und Gitarre

Daniel Voigt: Bass

Christoph Wegener: Schlagzeug

 

Diskographie:

Vom Stochern in der Asche (2017)

Löwen am Nordpol (2021)

 

Löwen am Nordpol online:

Bandwebseite
Löwen am Nordpol bei Facebook
Löwen am Nordpol bei Instagram
Löwen am Nordpol bei Bandcamp
Löwen am Nordpol bei Youtube

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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