Yes

Live At The Apollo

  • Artist: Yes
  • Album: Live At The Apollo
  • Label: Universal Music
  • Release: 07.09.2018
  • Medium:
  • Bewertung:1

Das Projekt, das unter dem Namen Anderson, Rabin & Wakeman gestartet war, fungiert also nun seit einem guten Jahr wieder unter dem Firmennamen Yes – um Verwechslungen mit der unter der Führung von Steve Howe tourenden Version der Prog-Urgesteine vorzubeugen, mit dem Zusatz „feat. Jon Anderson, Trevor Rabin & Rick Wakeman“. Nicht der schönste Bandname der Welt, aber was soll’s? Es ist drin, was drauf steht bei diesem ersten „YFtJATRRW“-Tonträger, auch wenn natürlich der Anblick einer Band namens Yes ohne Chris Squire selbst drei Jahre später immer noch irgendwie seltsam ist.

Die Frage, ob die drei überhaupt würdig sind, den Namen für sich zu beanspruchen, wird dabei in Fankreisen enorm heiß diskutiert. Hier dürfte diese in Manchester mitgeschnittene DVD für Abhilfe sorgen. Im Vergleich zu Steve Howes derzeitiger Truppe spielen YftJATRRW nämlich offen gesagt in einer völlig anderen musikalischen Liga. Wo die Konkurrenzformation schon seit Jahren nur mehr die Originale brav, weit langsamer und teils stark vereinfacht darbietet, nimmt sich das Trio Infernale die Songs mit viel Spiellaune, Gefühl und Mut zum Experiment vor. Fast jeder Songs bekommt hier mal ein neues Intro, da mal ein zusätzliches Ending oder einen neuen Mittelpart, Wakeman baut in viele Songs komplett neue Melodielinien ein und es wird auch einfach mal aus Spaß an der Freude drauflosgejammt. Großes Lob hierbei an Ex-Archive- und It Bites-Bassist Lee Pomeroy, der die übergroßen Stiefel von Chris Squire tatsächlich beinahe zu füllen versteht. Auch Trevor Rabin und Rick Wakeman sind nach wie vor technisch absolut auf der Höhe und meistern die komplex-virtuosen Parts locker und mit ordentlich Dynamik, von zart, verträumt und zerbrechlich zu knackig und, ja, bisweilen ziemlich heavy. Der Hauptgrund für die unbestreitbare Legitimität des Ganzen ist aber natürlich schlicht und einfach die Präsenz von Jon Anderson. Ob Trevor Horn, Benoit David oder Jon Davison – hier wird es schon beim ersten Satz von ‚Perpetual Change‘ gnadenlos deutlich, dass eben niemand außer Jon persönlich die Songs von Yes auch nur halbwegs authentisch mit Leben erfüllen kann. Dabei hilft natürlich auch, das der 73jährige immer noch so glasklar, emotional und makellos singt wie vor knapp 50 Jahren – und natürlich auch ein vollkommen unersetzbares Charisma hat. Lediglich Drummer Louis Molino III bleibt im Vergleich zu seinen Kollegen ein wenig blass – natürlich spielt er auch grundsolide und legt eine bodenständige Leistung hin, aber man fragt sich eben doch, welche Facetten ein abenteuerlicherer Drummer wie Nick D’Virgilio oder Marco Minnemann der Sache hätte hinzufügen können.

Der Set ist dabei relativ konventionell aufgebaut: auch hier dominieren die unumgänglichen Klassiker. Doch selbst vermeintlich Kaputtgehörtes wie ‚I’ve Seen All Good People‘ oder ‚And You And I‘ bekommt durch die bereits erwähnten, neuen Details in den Arrangements ein neues Leben. So spielt beispielsweise Wakeman im Intro von ‚I’ve Seen All Good People‘ die Gitarrenlinie mit dem später auftauchenden Flötensound mit, für ‚And You And I‘ wird das Akustikintro mit Streichersounds und Gitarren orchestral aufgepeppt, bis es wie ein typischer Trevor Rabin-Soundtrack klingt. Auch ‚Hold On‘ bekommt ein neues, typisches Wakeman-Intro und eine feine neue Moog-Synthie-Linie im Refrain. ‚Hold On‘ stellt denn auch mit ‚Lift Me Up‘ und ‚Changes‘ die einzigen Überraschungen im Set, von „Talk“ gibt’s gar nichts, und auch „Big Generator“ ist nur mit dem obligatorischen ‚Rhythm Of Love‘ vertreten. Das fällt aber im Prinzip überhaupt nicht ins Gewicht, denn der Set ist stimmig, launig und vor allem auch ordentlich rockig. Wo die Howe-Yes mittlerweile eher den Charme einer hüftsteifen Tanztee-Veranstaltung versprühen, lässt es speziell Rabin nach wie vor gerne mal krachen und gibt auch mal ein ordentliches Bratriff oder ein wieselflinkes Shredder-Solo zum Besten. Ach ja, und auch er singt immer noch so fein wie damals auf „90125“, auch die prägnanten mehrstimmigen Vocals sitzen somit jederzeit perfekt.

Die beiden absoluten Höhepunkte des Filmes kommen aber unerwarteterweise während zweier scheinbar schon kaputtgehörter Klassiker. Da wäre einmal ‚Heart Of The Sunrise‘, mit seinen Wechseln aus virtuosen, harten Rock-Passagen, lyrischen Mediationen und gnadenlosem Bombast vielleicht das urtypischste Yes-Stück überhaupt. Die Band haut die verschachtelten Sechzehntel-Läufe dermaßen tight und aggressiv heraus, das sogar die Progmetal-Konkurrenz anerkennend nicken wird, nur um danach ganz Pomeroys Bass und Andersons Stimme Platz zu machen – wer da keinen Kloß im Hals verspürt, macht beim Musikhören irgendwas falsch. Noch beeindruckender gerät aber das andere unkaputtbare Yes-Wunderwerk ‚Awaken‘. Nicht nur, dass Anderson hier gesanglich so ziemlich die intensivste Version des Titels präsentiert, die ich je gehört habe, spätestens wenn die Band sich im Mittelpart in einen meditativen Rausch jenseits jeglichen Zeitgefühls spielt, fliegt man automatisch mit. Auch hier wurde der Song um ein Intro und einen auf besagtes Intro Bezug nehmenden Mittelpart ergänzt – nach diesen 22 Minuten fühlt man sich wie durch die emotionale Mangel gedreht. Alleine deshalb muss jeder, der sich für Yes oder klassischen Prog generell interessiert, diese Scheibe in die Sammlung aufnehmen. Chapeau, nicht jede Band schafft es, einem vierzig Jahre alten und bereits perfekten Klassiker noch einmal ein ganz neues Leben einzuhauchen und neue Facetten abzugewinnen.

Wenn man also nach dem Motto „Let The Music Do The Talking“ geht, ist die Frage, wer denn nun die würdigen Erben des Yes-Vermächtnis sind, spätestens mit „Live At the Apollo“ klar entschieden. Zwischen Anderson, Rabin und Wakeman herrscht eine Chemie und Frische, die der Howe-Formation schon längst abgeht, und auch der musikalische Nährwert dieser Formation ist ebenfalls ungleich höher. Oder, anders gesagt, wo Jon Anderson ist, ist Yes – alles Andere tut nur so.

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