Konzerte zur Seelenrettung: Danielas eingeschränktes Musikjahr 2015

Für die Autorin war 2015 ein Jahr zwangsverordneter Whiskey Soda-Abstinenz. Diverse widrige Umstände verlangten, dass die mittlerweile achtjährige Redaktionstätigkeit vorübergehend ruhen musste - keine Zeit, sich mit Albumveröffentlichungen zu beschäftigen, aktuelle Geschehnisse in der Welt der populären Musik zu verfolgen, sich Interviews zu widmen. Jeder WS-Leser, der seinerseits dieses zweifelhafte Experiment musikalischer Enthaltsamkeit schon einmal gewagt hat, wird nichts als zustimmen können: Das ist doch ätzend! Geloben wir uns also hier und jetzt ein 2016 voller Musik und Whiskey Soda!


Als Einstieg ins neue Jahr noch schnell der Blick zurück ins magere alte. We don’t look back in anger und sehen, was die Autorin in enthaltsamen Zeiten musiktechnisch über Wasser hielt und vor der Kapitulation im Alltagsstress bewahrte. Das waren vor allem lebenslange Helden – wenig erstaunlich, sind sie doch dazu da, Einem in guten wie in schlechten Zeiten beizustehen.

Hot Water Music feierten zwanzigstes Bandjubiläum und mit einer hübschen Vinylbox ihr Wirken. 30 Songs am Stück, darunter viele Klassiker, sind immer eine belebende Kur, erinnern an ihre Zeitlosigkeit animieren zum Durchhören der gesamten Diskografie. Womit eine weitere Lebenswoche gerettet wäre.
Blur halten’s asiatisch, betreiben ihre Wiedergeburt und zauberten ‚The Magic Whip‘ . Milde und verständnisvoll geht man inzwischen miteinander um, was als gutes Vorbild für die eigenen Lebensführung dienen kann. Auf das musikalische Wirken von Blur hat das den schönen Effekt, dass sie mit zunehmenden Alter immer lässiger werden.
NewModelArmy_Doku.jpgNew Model Army schwimmen weiter auf der Kreativwelle, die sie mit ‚Between Dog And Wolf‘ aus 2013 aufgewühlt haben. Dieses Jahr wurde das reiche Begleitprogramm nach der Ergänzung ‚Between Wine And Blood‘ und dem zugehörigen Live-3er-Album mit dem lang erwarteten Dokumentarfilm ‚Between Dog And Wolf – The New Model Army Story‘ verkomplettiert. Amüsante und melancholische Anekdoten aus 35 Jahren Bandgeschichte, sensible Aufarbeitung persönlicher Beziehungen, Live-Material inklusive eines Top of the Pops-Auftrittes – alles für die NMA-family, zu der sich jeder Fan zugehörig fühlen darf.

MikeWatt_Missingmen_kl.jpg “ Vor allem waren es aber Konzerte, die 2015 den Rettungsanker für die Seele boten. Den größten Eindruck hat dabei Mike Watt hinterlassen. Wenn das Wort Vollblutmusiker je eine Bedeutung hatte, dann beinhaltet es ihn und seine Missingmen. Mucken um des Muckens Willen, keine Show, keine Eitelkeit, kein Verkaufsdruck. Viel Schweiß. Alles echt.
Ähnlich authentisch sind Grüßaugust, die im Frühjahr ihr großartiges Album aus 2013 mit zwingender Live-Energie vervollständigt haben. Auch wenn das neue Album ‚Strophe Bridge Refrain‘ die Qualitäten des Vorgängers nicht erreicht, sind neue Live-Dates Pflichtprogramm!
Against Me! einten mit ihrer diesjährigen Tour alteingesessene und neu gewonnene Fans. ‚Reinventing Axl Rose‘ ist live genauso präsent wie ‚Transgender Dysphoria Blues‘ und Laura Jane Grace strahlt vor positiver Energie und Happiness. ‚You know a song and a stage is all I ever needed of a home.‘
Interpol legten mit ‚El Pintor‘ ein hervorragendes, dem Bandnimbus würdiges Album vor. Die dazugehörige Tour bot eine entsprechend überzeugende, dynamische Präsentation. Profis.
Auch die Editors sind ein Live-Garant. Das diesjährigen Release ‚In Dream‘ hinterließ einen eher irritierenden Eindruck, aber die Endjahrestour ließ verstehen, warum die Band Alben mit so großen Gegensätzen produzieren. Es scheint, als wolle sie sich ihre Konzerte selbst interessant halten. Deren Set list wird immer abwechslungsreicher – ein Kessel Buntes aller Editors-Platten, das Überraschungen nicht auslässt. Ursprünglich elektronische Songs werden in Handarbeit mit vollem Bandeinsatz aufgeführt, konventionellere Rocksongs bekommen ein kühles Elektronikgewand, Balladen werden zu Tanzstücken und ein vollarrangierter Hit wie ‚Smokers Outside The Hospital Doors‘ verwandelt sich in ein Solo-Stück von Tom Smith an der Akustikgitarre. Unterhaltsam und überzeugend.

Und was bleibt noch aus 2015? Die Beobachtung am Rande, dass ein oktavenstarkes Stimmwunder und Hitgarant durch sein übermotiviertes Geschrei für James Bond auch für das allesfressende Massenpublikum ganz schnell verschlissen werden kann. Hello, Adele? Shut up!

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