Neal Morse

Jesus Christ The Exorcist

  • Artist: Neal Morse
  • Album: Jesus Christ The Exorcist
  • Label:
  • Release: 2019-06-14
  • Medium:
  • Bewertung:2

Nach Konzeptalben über die Bibel („Sola Scriptura“), die Stiftshütte („Question Mark“) und seine persönliche Hinwendung zum christlichen Glauben („Testimony“) war unvermeidbar, dass Prog-Meister Neal Morse ein Album über Jesus Christus höchstselbst schreiben würde. Was viele wohl weder wussten noch ahnten: Bereits 2008 wurde die Idee geboren, eine Rock-Oper bzw. ein Musical über Jesus zu schreiben. Nach der erfolgreichen Weltpremiere am Morsefest 2018 ergab sich eine Zusammenarbeit mit dem italientischen Label Frontiers Records, nun steht das Produkt in Form eines rund zweistündigen Doppelalbums (was sonst?) bereit.

Morse erzählt chronologisch wichtige Abschnitte aus Jesus Leben, ohne dabei auf Vollständigkeit zu setzen(dafür wären wahrscheinlich auch zwei Stunden viel zu kurz). So werden unter anderem Jesus Taufe, seine Versuchung in der Wüste, das titelstiftende Austreiben der Dämonen und natürlich Verrat, Verurteilung, Kreuzigung und Auferstehung musikalisch thematisiert. Morse hat nur kleine Gesangsrollen, spielt neben Bill Hubauer aber Keyboard und Rhythmusgitarre. Sein sonstiger Gitarrist Eric Gilette nahm am Schlagzeug Platz, Randy George bediente den Tieftöner, der alte Wegbegleiter Paul Bielatowicz die Lead-Gitarre. Ted Leonard (Spock’s Beard, Enchant) singt die Titelrolle von Jesus, Nick D’Virgilio (Big Big Train, Spock’s Beard) Judas Iskariot, die Nachwuchs-Singer-Songwriterin Talon David Maria Magdalena und Matt Smith von Theocracy Johannes den Täufer. Insgesamt umfasst die Rock-Oper zwölf Singrollen, und das gesamte 25-Titel-Monstrum von einem Album hat es natürlich in sich mit vielem von dem, was man an Morse Musik kennt und liebt.

Beispielsweise die Bombast-Keyboard-Intros, mit dem das Album des bekennenden ELP-Fans Morse beginnt. Ungewohnt ist vor allem dem Kenner von Morse Werk die Aufteilung der Gesangsrollen, in der die Stimme des Chefs deutlich weniger Gewicht hat. Das muss natürlich bei einer Rock-Oper so sein, wie Ayreon vielfach eindrucksvoll untermauert hat. Morse dagegen betritt hier Neuland und dabei kommen vor allem die immer wieder auftauchenden Chor-Einlagen zumindest ab und an doch etwas schwachbrüstig daher. In guten Momenten (‚Jesus Baptism‘) klingt das dann nach einem modernen Gospel-Chor. Und das wiederum ist als Kompliment gemeint, wenn man es denn mag.

‚Jesus Temptation‘, das mit über zehn Minuten längste Stück des Doppelalbum hat natürlich alleine Kraft seines Inhalts Dynamik und Dramatik, die Morse aber wie eine eigene kleine Rock-Opera wunderbar ausdefiniert hat. ‚There’s a Highway‘ kommt ziemlich nah an das heran, was Morse zuletzt mit seiner Band an eingängigen, geradlinig-launigen Rock-Nummern gebracht hat. ‚The Woman of Seven Devils‘ von der besessenen Maria Magdalena, mit Hinblick auf den Albumtitel der Kern des Albums, ist eine getragene Blues-Nummer mit einer starken Leistung der Solistin Talon David, die in der Folge-Nummer ‚Free At Last‘ ebenfalls sehr gut den benötigten Ton trifft. ‚Love Has Called My Name‘ ist eine gefühlvolle Jesus-Ballade, die vermutlich Morse Worship-Songs recht nahe kommen dürfte.

Darüber hinaus gibt es Power-Rock-Songs wie ‚Get Behind Me Satan‘, tolle Melodien in ‚Jerusalem‘ und ‚Gather the People‘ und Bluesrock-Flirts bei ‚Temptation‘. Was den Inhalt und den recht ungewöhnlichen Titel betrifft, muss gesagt werden, dass selbst für kritische Hörer doch Themen wie (Judas) Verrat („The Last Supper“) oder menschliche Schwäche („Heart full of Holes“) generelle Lebensthemen sind, die jeden ansprechen dürften.

Viel Kritik gibt es für „Jesus Christ The Exoricst“ nicht anzubringen. Lediglich der Fakt, dass Morse selbst sich beim Gesang quantitativ sehr zurückhält und das Ganze wohl auch als Live-Event noch eher funktionieren wird, machen kleine Minuspunkte aus. Doch selbst hier gibt es Hoffnung: Morse zeigte sich im Interview mit Whiskey-Soda nicht abgeneigt, das Musical auch live auf europäische Bühnen zu bringen. Vorausgesetzt, der Erfolg bzw. die Nachfrage würden dies ermöglichen.

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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