ITCHY – Musik in Zeiten von Corona

Wir haben den Lockdown genutzt um Bassist Panzer von den Herren Itchy mal auf den Zahl zu fühlen wie das alles so ist mit dem Vermissen, den Finanzen (als leider nicht systemrelevant) und überhaupt der ganzen Krise. So eine Krise könnte schließlich auch für etwas gut sein. Außerdem haben wir uns über das neue Album – ganz neu in Muttersprache – unterhalten und nachgefragt welchen Senf Ingo Donot beizutragen hatte.

Wie schlimm ist das Vermissen untereinander?

Schlimm. Wir kennen uns ja schon ewig, v.a. Sibbi und ich hängen schon seit unserem 6. Lebensjahr zusammen herum. Wir haben uns jetzt schon mehrere Wochen nicht gesehen. Immerhin gibt es ja mobile Möglichkeiten um trotzdem in Kontakt zu bleiben.

Wie groß ist die wirtschaftliche Sorge?

Es ist schon scheiße. Wir wären eine Woche vor dem Konzertverbot auf Tour gefahren. Die ganzen Einnahmen sind jetzt erst mal bis auf Weiteres weg. Ein Festivalsommer lässt sich natürlich auch nicht so einfach nachholen. Das ist ein harter Schlag – nicht nur für uns als Band, sondern auch für die Clubs, Veranstalter, Bookingagenten, auch für unsere Crew. Wir versuchen, zumindest für unserer Crew bei finanziellen Problemen, einen Weg zu finden uns gemeinsam da durchzuschleusen. Wir hoffen, dass die ganze Veranstaltungsbranche gemeinsam gut durch diese Krise kommt.

Gibt es auch positive Dinge die sich aus der Krise entwickeln, die ihr gerne beibehalten würdet?

Ich glaube schon, dass es Dinge gibt die gesamtgesellschaftlich positiv mitgenommen werden können. Banale Kleinigkeiten wie Videokonferenzen. Da muss ich mich nicht von Stuttgart nach Berlin in den Flieger setzen, das geht auch online. Ich hoffe, dass ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet: Wie geht es z.B. mit dem Klimawandel weiter? Durch Corona werden wir zum ersten Mal in unserer heilen westlichen Welt mit harten Einschränkungen konfrontiert. So beschissen das auch ist – vielleicht ist es auch ein guter Warnschuss. Wenn wir mit der Klimaproblematik weiter so umgehen wie bisher, wird die nächste Katastrophe auf uns zurollen. Die wird dann nicht mehr abwendbar sein. Vielleicht lernen wir daraus, dass nicht alles selbstverständlich ist und machen unsere Welt danach etwas weniger beschissen.

Der falsche Weg


Wir Menschen sind schon seit längerer Zeit auf dem falschen Weg. Der ultra-krasse Kapitalismus wird irgendwann vor die Wand fahren. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Zum ersten Mal bekommen jetzt Leute, die im Krankenhaus oder in der Pflege arbeiten Aufmerksamkeit, weil sie furchtbar wenig Gehalt für die unfassbar wichtige Arbeit, die sie leisten bekommen. Auch hier muss ein Umdenken stattfinden. Ich hoffe, dass diese Aufmerksamkeit auch in der Politik ankommt, ebenso wie in der Klimafrage. Ich hoffe, die Menschen merken was wir an Freiheit, an Demokratie oder Natur haben nicht selbstverständlich ist. Dafür muss man sich einsetzen und in manchen Bereichen zurückstecken.

Für das Video zu „Herzlich willkommen (daheim)“ oder auch die aktuelle Remix-Aktion habt ihr sicher viel Material bekommen. Wie spannend war da die Sichtung?

Das war super. Wir wollten die Leute, die unsere Musik hören, miteinbeziehen und haben einen Aufruf gestartet. Es ist schön, dass unser Publikum bei so etwas mitmachen möchte, darauf ist eigentlich immer Verlass – auch um irgendwie eine Verbindung zwischen Band und Publikum herzustellen.

Was macht ihr gegen den Overkill an Corona-Streaming-Specials, wie lässt sich da als Band das richtige Gleichgewicht finden?

Am Anfang fand ich das total spannend und hab mir das auch angesehen. Mittlerweile ist eine Überdosis da und meine persönliche Begeisterung etwas abgeflacht. Da diese Livepause aber noch länger vorherrschen wird will ich nicht ausschließen, dass wir so etwas auch noch machen. Für unsere Hardcorefans wäre das auf jeden Fall eine coole Sache.

Wie geht es euch damit dass die Tour jetzt schon zum zweiten Mal verschoben wurde?

Wir fühlen uns schon wie Tourverschiebungsprofis. Wir waren gezwungen einen Block der Tour schon zweimal zu verschieben. Man muss da unserem Booker Ludwig auf die Schulter klopfen. Das ist gerade nicht so einfach, weil sehr viele Bands und Künstler auf der Suche nach Ersatzterminen sind. Für uns war es jedenfalls keine Option die Tour abzusagen.

Euer erstes Album auf Deutsch – habt ihr sofort deutsch getextet oder gab es noch englische Ideen?

Es gab ganz am Anfang ein paar wenige Sachen auf Englisch, wir haben uns aber zeitig dafür entschieden es komplett auf Deutsch zu versuchen. Das hat sich gut angefühlt und hat Spaß gemacht. Wir hatten sogar mal in einem Interview gesagt, dass wir niemals deutschsprachige Musik machen werden… Diesmal haben wir uns dazu durchgerungen es nochmal auszuprobieren.

Wir sind sehr dankbar, dass das Feedback so toll war. Bevor der Corona-Wahnsinn losging, haben wir noch vier Minikonzerte gespielt, da war es schön zu sehen, dass die Leute die neuen deutschsprachigen Sachen genauso laut mit gegröhlt haben wie die englischsprachigen.

Beschäftigt ihr euch heutzutage in der ganzen Streamingflut überhaupt noch mit der Songreihenfolge?

Wir tun das sehr, aber wir merken auch, dass Alben als Ganzes ihren Wert verlieren. Man merkt schon, dass v.a. jüngere Leute streamen und dann einzelne Songs durcheinander mischen. Ich will zwar nicht sagen, dass es schlecht ist, aber für mich persönlich ist es total wichtig ein ganzes Album durchzuhören. Ich glaube, ein Künstler denkt sich was dabei in welcher Reihenfolge Songs veröffentlicht werden und warum ein Album so geworden ist. Wir machen uns darüber tierisch viele Gedanken und wollen die Albumfahne hochhalten.

„Ich glaube es wäre falsch, Dinge nicht zu tun aus der Angst heraus dass es nicht gut ankommen könnte.“

Wie geht man an deutsche Texte ran: Damit was man sagen will, oder mit ganz vielen Negativbeispielen wie es nicht klingen soll?

Bei deutschsprachiger Musik ist der Katastrophenalarm früher angeschaltet als bei englischsprachiger Musik. Es gibt einfach sehr viele Künstler in dem Bereich, die ich nicht mag. Dazu gehört viel von den Sachen die im Radio hoch und runterlaufen. Wir haben versucht unseren Weg des Textens zu finden, und ich glaube das hat gut funktioniert. Ich schreibe immer erst die Musik und überlege mir dann welcher Text passen könnte, oder vielmehr das Thema: ist es eher ernsthaft, eher unterhaltsam oder witzig. Mir ist das Texten auf Deutsch auch leichter gefallen als auf Englisch. Ich glaube es wäre falsch, Dinge nicht zu tun aus der Angst heraus dass es nicht gut ankommen könnte. Das wäre auch nicht aufrichtig sich selbst gegenüber.

Entwickelt man die Freude am Spiel mit der Sprache wieder neu?

Würde ich genau so sagen. Man kann viel mit Metaphern oder Wortspielen arbeiten, kleine Anekdoten aus unserer Bandgeschichte einfließen lassen – das hat diesmal einfach sehr Bock gemacht.

Wir sind recht regelmäßig in Kontakt mit den Donots, v.a. mit Ingo. Er war auch einer der ersten der unsere Demos hören und Kommentare geben durfte. Das hat uns unheimlich geholfen. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, kann das aber trotzdem so positiv formulieren. Wir sind da auch echt glücklich drüber dass da so ein schöner Austausch herrscht.

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Fotocredit: Diana Mühlberger

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