Helloween – Eine Bandhistory: Episode 2 – The Pumpkin Strikes Back

Das Ende der 1990er war für die Jungs von Helloween eine schwere Zeit. Nach den frühen Erfolgen mit Kai Hansen und Michael Kiske und dem Split von Selbigen hatte zwar Neuzugang Andi Deris mit den Gründungsmitgliedern Michael Weikath und Markus Grosskopf das Schiff auf Kurs gehalten, doch Uneinigkeit über die stilistische Ausrichtung und zwischenmenschliche Konflikte brachten das Boot Ende der 1990er fast zum Kentern.

„The Dark Ride“, so hieß das im Herbst 2000 veröffentlichte Album, führte die Linie des von damals modernen Stilen beeinflussten „Better Than Raw“ in der selben Form weiter wie seinerzeit „Chameleon“ die von „Pink Bubbles Go Ape“. Die düster-modernen Elemente standen dieses Mal im Vordergrund – und, ähnlich wie „Chameleon“, war das Ergebnis objektiv betrachtet nicht einmal unbedingt schlecht ausgefallen – aber für Helloween eher untypisch. Michael Weikath trug mit ‚All Over The Nations‘ und ‚Salvation‘ zwar zwei typische, wenn auch nicht sonderlich bemerkenswerte Kinderlied-Speedies bei, doch die Songs von Deris, Kusch und Grapow trugen größtenteils eine deutlich modernere, härtere und düstere Handschrift. ‚If I Could Fly‘ kam beispielsweise mit einem an den kommerziellen Gothic-Rock von angelehnten Piano-Hook, Grapows ‚Escalation 666‘ und ‚The Dark Ride‘ orientierten sich am damaligen Stil von Dream Theater, die Andi Deris-Songs hatten generell einen deutlichen Nu Metal-Einschlag. Späteren Kommentaren zufolge soll Michael Weikath nur wenige der – zeitgemäß heruntergestimmten – Gitarrenparts eingespielt und sich generell während der Produktion nur wenig eingebracht haben. Damals wurde das der Presse freilich noch anders verkauft. Im Gespräch mit Whiskey-Soda übernahm Weikath sogar die Mitverantwortung für den stilistischen Wechsel:

„Das Songmaterial war einfach da, die Jungs kamen mit ihren Demos an, die allesamt sehr düster ausfielen. Wenn Du Dir die Platte ansiehst, kannst Du erkennen, dass sie zweigeteilt ist. Zur einen Hälfte ist sie traditionell Helloween, zur anderen modern und dunkel. Da wir mit Helloween noch nie eine düstere Platte aufgenommen haben, fragte ich die anderen, ob jemand irgend etwas dagegen hätte, wenn wir das Album so machen, wie es jetzt ist. Tja, niemand hatte Einwände und so klingt die Scheibe so, wie sie ist!“

(Michael Weikath Interview mit Whiskey-Soda)

Im Gegensatz zu „Chameleon“ zeigten sich zumindest die Kritiker bei „The Dark Ride“ fast durchweg begeistert von der neuen Richtung.

„Der handwerklich superb inszenierte Edelstahl fährt seine Punkte für meinen Geschmack denn auch eher mit seinen modernen Neigungen ein.“

(Rock Hard, Ausgabe 162, 2000) urteilte Mathias Breusch Im Rock Hard. Während der Tour verschlechterte sich das Klima innerhalb der Band aber nochmals deutlich. Die Streitereien über die stilistische Ausrichtung und über das von Roland und Uli gegründete Seitenprojekt Masterplan, in dem die beiden die moderne Ausrichtung von „The Dark Ride“ noch weiter erkunden wollten, eskalierten dermaßen, daß Weikath seinen Ausstieg androhte. Seiner Meinung nach gaben Kusch und Grapow nicht mehr genug für die Band, und die modernen Elemente galten für ihn trotz Kritikerlob als unsinnig für Helloween.

„Wieso soll ich vom Sound her diesen Kindergarten-Amis hinterherlaufen, die gerade mal seit vier Jahren Gitarre spielen können? Dafür habe ich nicht angefangen, mit 12 Jahren Gitarre spielen zu lernen, da hatte ich keinen Bock drauf… Außerdem hat man mir gesagt, dass „The Dark Ride“ die am schlechtesten verkaufte Platte von uns war, sogar noch schlechter als die „Chameleon“!“

kotzte sich Weikath später gegenüber Whiskey-Soda aus. (Michael Weikath Interview mit Whiskey-Soda) Logische Konsequenz: statt den Ausstieg des vorletzten Gründungsmitglied zu riskieren, entschieden sich Deris und Grosskopf dazu, Grapow und Kusch zu feuern.

Nun, in Sachen Verkauszahlen sah es tatsächlich nicht mehr allzu rosig für Helloween aus. Die veränderte musikalische Landschaft, der generelle Rückgang beim Verkauf von Tonträgern, aber auch der musikalische Zickzack-Kurs der letzten Jahre und die immer noch regelmäßigen Pöbeleien gegen Ex-Mitglieder und Konkurrenten hatten die Band eine Menge Fans gekostet. Die hatten zur Jahrtausendwende aber auch eine Menge Stoff zur Auswahl, der die Elemente des klassischen Helloween-Sounds weit frischer und teilweise auch qualitativ hochwertiger verarbeitete. Skandinavische Bands wie Stratovarius, Sonata Arctica und Nightwish, italienische Vertreter wie Rhapsody und Labyrinth und auch deutsche Acts wie Freedom Call, Edguy und natürlich Gamma Ray legten Alben vor, die zwar allesamt starke Anleihen an die „Keeper“-Alben verarbeiteten, bei Kritik und Fans deutlich besser ankamen als die Alben des Originals. Einer der größten Helloween-Fans in dieser neuen „Power Metal“-Bewegung war Edguy-Sänger Tobias Sammet. Der hatte die Idee für ein außerordentlich ambitioniertes Projekt, welches er in einer Pause seiner Stammband realisieren wollte. Unter dem Namen „The Metal Opera Part I“ erschien schließlich im Januar 2001 das Album, das nicht nur im Titel an die „Keeper“-Ära von Helloween erinnerte. Für das Album hatte sich Sammet eine Reihe an Gastmusikern eingeladen – darunter Rhapsody-Drummer Alex Holzwarth, Gamma Ray-Gitarrist Henjo Richter und Helloweens „very own“ Markus Grosskopf. Noch mehr beeindruckte die Auswahl an Sängern. Neben Sharon Den Adel (Within Temptation), David DeFeis (Virgin Steele) und Andre Matos (Angra) war nämlich auch Kai Hansen beteiligt – und ein unter dem Namen „Ernie“ agierender Sänger, der seinen Namen geheimhalten wollte, da er nichts mehr mit der Metal-Szene am Hut hatte. Der erste Ton, den „Ernie“ im Albumopener ‚Reach Out For The Light‘ von sich gab, verriet aber vollkommen unzweifelhaft, daß es sich hier um niemand anderen als Michael Kiske handelte. Sammet war somit das Kunststück gelungen, 75 Prozent der noch lebenden Mitglieder der „Keeper“-Ära gemeinsam auf einem Album zu versammeln. Nicht nur deshalb platzierte sich „The Metal Opera“ in den Top 40 der deutschen Charts – Tobias Sammet etablierte sich mit dem ersten Avantasia-Album endgültig als das Aushängeschild melodischer, pompöser und dennoch ordentlich knallender Metalmucke.

Anfang 2003 brachten auch Roland Grapow und Uli Kusch das selbstbetitelte Debütalbum ihrer neuen Band Masterplan an den Start – und sehr zur Überraschung der Hörer ein echtes Pfund vorgelegt. Die beiden hatten es geschafft, den angesagten Power Metal-Sound und die modernen Elemente von „The Dark Ride“ mit höchst eingängigen Melodien und progressiven Anleihen zu einem gleichermaßen zeitgemäßen wie traditionellen Album zu kombinieren, das von Mörderröhre Jorn Lande perfekt getoppt wurde. Das Album wurde von der Kritik und den Käufern einstimmig abgefeiert, und die Tatsache, daß Michael Kiske, der mittlerweile wieder unter seinem eigenen Namen agierte, seinem Ex-Kollegen als Gastsänger bei ‚Heroes‘ unterstützte, stellte schon einen Fehdehandschuh für die Helloween-Jungs dar.

Die hingegen sahen sich hingegen ernsthaften Problemen ausgesetzt. Als Überbrückung zum nächsten Album wurde mit ‚Treasure Chest eine Best Of-Scheibe veröffentlicht, während die Band sich nach neuen Mitgliedern umschaute. Ein Ersatz für Roland Grapow war schnell gefunden – Produzent Charlie Bauerfeind hatte den Kontakt zu Freedom Call-Gitarrist Sascha Gerstner hergestellt, und der 24jährige Helloween-Fan hatte relativ schnell zugesagt, der Band beizutreten. Die Drummer-Suche gestaltete sich indes recht schwierig. Der ursprünglich ausgewählte Kusch-Nachfolger Mark Cross schaffte es nämlich nur, zwei Songs einzuspielen, bevor er wegen einer Erkrankung an Pfeifferschem Drüsenfieber ausscheiden musste. Als Session-Drummer sprang Motörhead-Drumtier Mikkey Dee ein, der allerdings nicht vorhatte, fest bei Helloween einzusteigen. Dritter Kandidat war schließlich Ex-Accept-Drummer Stefan Schwarzmann, der gegen Ende der Sessions zum Team stieß und es immerhin noch schaffte, die B-Seiten der Singles zum Album einzuspielen. Der Titel des Albums reflektierte seine alles Andere als reibungslose Entstehungsgeschichte: „Rabbit Don’t Come Easy“ bezog sich auf den alten „Hase auf dem Hut“-Zaubertrick – nur daß in diesem Fall der Hase eben gar nicht so einfach erschienen war. Drei lange Jahre waren seit „The Dark Ride“ vergangen, und abgesehen von den harten Fans stieß das Album vornehmlich auf Desinteresse. Die Single ‚Just A Little Sign‘ war zwar eine klare Rückbesinnung auf die vielzitierte Helloween-„Kinderlied“-Schiene, komplett mit augenzwinkernd-angeschweintem Text, aber bei weitem kein Highlight der Bandkarriere. Auch der Rest des Albums wurde sehr unterschiedlich aufgenommen – die Kritiken fielen überraschend positiv aus, sowohl das Rock Hard als auch mein lieber Whiskey-Soda-Kollege Ingo feierten die Rückbesinnung auf die melodische Seite der Band – die Fans hingegen, die unterm Strich ja tatsächlich zählen, strömten nun nicht unbedingt in die Plattenläden. Viele beklagten, daß die Band es nicht schaffe, sich von der mittlerweile seit fünfzehn Jahren beendeten Keeper-Ära freizuschwimmen und kritisierten das erneute Back To The Roots-Spiel, welches einer Weiterentwicklung der Band im Weg stünde.

Der Deal mit Nuclear Blast endete jedenfalls mit „Rabbit Don’t Come Easy“. Die Band reagierte auf die einzige Weise, die in diesem Fall Sinn ergab: indem sie sich den Arsch abtourte wie nie zuvor. Die Setlist ging diesmal zurück bis zur ersten EP, und Sascha Gerstner erwies sich als Glücksgriff für die Band. Obwohl er wegen seiner „pretty boy“-Looks zu Beginn von der True Metal-Polizei belächelt wurde, passte sein Spiel doch deutlich organischer zu dem von Weikath als das neoklassische Geshredde von Grapow dies je getan hatte. Als die Tour nach einem Jahr zuende ging, konnten Helloween beim Abschlussgig auf dem Wacken Open Air sogar einen ganz besonderen Gast begrüßen: Kai Hansen machte seinen Ex-Kollegen die Aufwartung und unterstützte sie bei den letzten beiden Songs des Sets, ‚Future World‘ und ‚How Many Tears‘.

Den Abgang von Stefan Schwarzmann in Richtung Accept steckte die Band dieses Mal relativ stoisch weg – mit einem wahren Doublebass-Tier namens Dani Löble war der neue Mann recht schnell gefunden. Wie Sascha Gerstner und Andi Deris entstammte auch Dani aus Südwesten Deutschland (Badener? Schwabe? Wer versteht das schon?) – und das passte auch ganz perfekt zum neuen Management. Das hieß nämlich nicht mehr Sanctuary, sondern Bottom Row und war in Karlsruhe beheimatet. Interessanterweise hatte das Management sich nach dem Song ‚Hit The Bottom Row‘ benannt, den Andi Deris in den Achtzigern für das Debütalbum von Pink Cream 69 geschrieben hatte. Das war nicht mehr so verwunderlich, wenn man wußte, daß das Unternehmen zu einem Drittel Kosta Zafirou gehörte, dem Schlagzeuger von Andis Ex-Band. Unter der Regie von Bottom Row sollte das Hin und Her der vorangegangenen Jahre nun endlich wieder durch einen klaren Kurs ersetzt werden. Weikath, Deris und Grosskopf hatten mit Gründung der Helloween GbR auch sämtliche rechtlichen Verpflichtungen unter ein Dach gebracht. Man hatte die Nase gestrichen voll von Bands, die den Helloween-Stil besser spielten als man selbst – und die Rückkehr sollte mit einem Donnerschlag erfolgen. Ende 2004 schon gab es die ersten Pressemitteilungen, das Helloween an einem Doppelalbum namens „Keeper Of The Seven Keys Part III“ arbeiten würden.

Das fertige Produkt hieß dann aber doch nicht „Part III“, sondern etwas weniger verfänglich „Keeper Of The Seven Keys – The Legacy“. Wer auf die Idee kam, das Album so zu nennen, ist umstritten. Auf der während der folgenden Tour mitgeschnittenen DVD erzählt Markus, Michael Weikath habe es vorgeschlagen, was der wiederum zurückweist und seinerseits den Titel auf Druck von außen schiebt, er selbst habe es nur abgenickt. Den Gerüchten, Kiske und Hansen seien in irgendeiner Form an der Entstehung beteiligt, wurde damals schnell mit Absagen begegnet – aber das Wichtigste war, die komplette Metalszene sprach wieder über Helloween. Denn schon lange vor Veröffentlichung wurde lautstark diskutiert, ob die Band „sowas“ überhaupt dürfe und ob „sowas“ nicht das Andenken an die Klassiker beschmutzen würde. In jedem Fall muss man der Band zugestehen, ziemlich konsequent eine musikalische Rückkehr in die Achtziger angestrebt zu haben – vom Gitarren- und Drumsound über die beiden überlangen Songs im Stil von ‚Halloween‘ und ‚Keeper Of The Seven Keys‘ bis zur eher diskussionswürdigen Entscheidung, Andi Deris auf vielen Songs zu einem, nun ja, Kiske-ähnlichen, sauberen Gesangsstil zu „nötigen“. Ob das Ergebnis nun ins Schwarze traf oder nicht, sahen die Fans damals wie heute sehr unterschiedlich – dennoch verkaufte sich das Album deutlich besser als seine Vorgänger. Zum Klassiker wie die beiden Originale schaffte es „The Legacy“ allerdings nicht, dafür fehlt es dem Album rückblickend doch zu sehr an herausragenden Momenten. Auffallend auch, daß sich nicht ein einziger Song auf Dauer in der Live-Setlist etablieren konnte. Abgesehen vom dreizehminütigen Opener ‚The King For A 1000 Years‘ gab es schon auf der Tour zum Folgealbum nichts mehr aus „The Legacy“ zu hören, danach tauchte auch der ‚King‘ nur noch sporadisch als Teil eines Medleys auf.

Die Rückkehr ins Rampenlicht wurde 2007 von einem exzellenten Livealbum namens „Live on 3 Continents“ gefeiert, dessen Tracklist sich, wie das der Tour, hauptsächlich auf das Material der drei „Keeper“-Scheiben konzentrierte. War auch während der Tour wieder einige Kritik an Andis Interpretationen der Kiske-Songs laut geworden, konnte man bei den Versionen des Livealbums diesbezüglich keinerlei Mecker anbringen. Die Arbeit des neuen Managements machte sich auch anderweitig bemerkbar: statt, wie so oft nach einem großen Erfolg eine Pause zu machen, waren Helloween schon im selben Jahr wieder im Studio und veröffentlichten noch im Oktober ihr zwölftes Studioalbum „Gambling With The Devil“. Und das hatte es wahrlich in sich. Statt wie auf dem Vorgänger der eigenen Vergangenheit hinterherzulaufen, präsentierten sich Helloween auf „Gambling With The Devil“ so heavy wie seit „Walls Of Jericho“ nicht mehr. In Songs wie Dazu passend gab sich Andi stimmlich bisweilen ungewohnt aggressiv – im Opener ‚Kill It‘ beispielsweise ging er von Rob Halford-Screams und gefühlvoll-sanftem Gesang bis zu – nur kurzzeitigen – tiefen Grunts und Black Metal-Gekeifere das komplette Arsenal durch. Im Booklet stand diesmal auch erstmals „All songs written by Helloween“ – auch wenn man doch relativ schnell heraushören konnte, wer nun tatsächlich was angeschleppt hatte, die neugefundene Einigkeit innerhalb des Lineup war klar herauszuhören. Ein derart geschlossenes Gesamtwerk hatten Helloween tatsächlich seit dem zweiten „Keeper“ nicht mehr hinbekommen – und im Vergleich zum Vorgänger klang hier alles vollkommen ungekünstelt, frisch und spontan. Im Vergleich mit „The Dark Ride“ hatte man sich diesmal entschlossen, eher auf „zeitgemäß“ als auf „modern“ abzuzielen (ein großer Unterschied!), und auch wenn das Album „nur“ auf Platz 38 in den deutschen LP-Charts kletterte, kam es doch bei den Fans letztendlich besser an als der gehypte Vorgänger und gilt für viele als einer der Höhepunkte der Bandgeschichte. Mit „Gambling With The Devil“ schaffte es die Band, sich endich zumindest im Studio von der „Keeper“-Ära zu emanzipieren und einen Helloween-Sound zu kreieren, der sowohl klar in Verbindung mit der Bandvergangenheit stand als auch selbstbewusst in die Zukunft blickte. Im Anschluss machte sich die Band natürlich auch wieder auf Tour. Unter dem Namen „Hellish Rock“-Tour schnürten Helloween ihren Fans ein extrem feines Package: Tourpartner war nämlich niemand Geringeres als Ex-Gitarrist Kai Hansen mit seinen Gamma Ray-Jungs. Im Laufe der Shows kam es auch zu regelmäßigen, gemeinsamen Jams, die natürlich beim Publikum besonders gut ankamen.

Noch schöner für die Jungs: im Zuge des Erfolges schafften sie es erstmals seit dem EMI-/Noise-Debakel wieder, bei einem Major-Label zu unterschreiben. Als Helloween 2009 für ihr Jubiläumsalbum ins Studio gingen, hieß ihr Arbeitgeber Sony Music. Besagtes Jubiläumsalbum sollte einmal mehr die Meinungen der Metalgemeinde spalten. Denn Helloween hatten – offenbar auf „Anregung“ der Plattenfirma – beschlossen, zum Jubiläum einige ältere Songs umzuarrangieren und in Nicht-Metal-Gefilde zu überführen. Das Resultat hieß „Unarmed“ und erschien zum 25. Jubiläum der ersten EP-Veröffentlichung. ‚Dr. Stein‘ bekam bespielsweise ein swingendes, bläsergetragenes Ska-Gewand, ‚Eagle Fly Free‘ wurde mit dem Akustik-Metal-Cover-Trio Hellsongs eingespielt, ein Medley aus den drei „Keeper“-Epen wurde großzügig orchestriert, und bei acht der elf Songs hatte Percussion-Legende Nippy Noya Gastauftritte. Die Reaktionen waren so ziemlich in der Mitte gespalten: die einen – vornehmlich langjährige Fans – waren begeistert von der Lockerheit und Experimentierfreude, andere hingegen – der CSU-Flügel der Metal-Szene – jammerte sich kräftig darüber aus, fand alles banal und schlagerhaft und sowieso völlig untrue. Auch Sänger Andi Deris sollte sich in der Folge kräftig über das Album auskotzen – so erzählte er der Website MetalRules, man habe die Band „vergewaltigt“, das Album aufzunehmen. Dennoch verkaufte sich „Unarmed“ genauso gut wie sein Vorgänger, was das Gemosere im Endeffekt wieder relativierte. So oder so, sieben Monate später (!) stand ja ehedem bereits das nächste Album in den Läden – und darauf gab es diesmal überhaupt keinen Platz für Akustik- oder Orchesterexperimente.

Andi Deris hatte bereits in Interviews gelegentlich zu Protokoll gegeben, daß er durchaus auch Bands wie Disturbed oder In Flames goutierte, und auf „7 Sinners“ war dies nun auch deutlich zu hören. Die harte, zeitgemäße Linie von „Gambling With The Devil“ wurde beibehalten und sogar noch ein wenig weiter in die Extreme getrieben. Die erste Single ‚Are You Metal?‘ beinhaltete gar die ersten Blastbeats der Helloween-History, und der Opener ‚Where The Sinners Go‘ war tasächlich eine düster-groovige Nummer, die durchaus dem Zeitgeist entsprach. Dagegen hielten Songs wie Saschas ‚Who Is Mr. Madman?‘, Michael Weikaths ‚Raise The Noise‘ und Markus‘ ‚World Of Fantasy‘ die Flagge des traditionellen, melodieverliebten Helloween-Sounds hoch. Statt des Zickzackkurses der 1990er und frühen 00er Jahre baute „7 Sinners“ klar auf dem mit „Gambling With The Devil“-Sound auf und entwickelte ihn logisch und nachvollziehbar weiter. Belohnt wurde das mit der höchsten Chartplatzierung seit Jahren: „7 Sinners“ kletterte auf Platz 25 der LP-Charts. Auffällig auch, daß die Outtakes des Albums, z.B. Markus‘ ‚Raise The Noise‘, absolut das Niveau der Albumtracks halten konnten. Helloween waren eindeutig in ihrem zweiten Frühling angekommen.

Im selben Jahr konnte man auch Michael Kiske erstmals seit seinem Helloween-Ausstieg wieder live bewundern. Alles hatte damit begonnen, daß das italienische Frontiers-Label, „berühmt“ für seine im Zweiwochentakt herausgehauenen Allstar-Projekte, an Kiske herangetreten war mit der Idee, seine Stimme einem Hardrock-Projekt zu leihen. Kiskes Vorbehalte der Metal-Szene gegenüber hatten sich zwar ein wenig gelockert, so hatte er neben Avantasia unter anderem auch auf Alben von Timo Tolkki, Tribuzy und Edguy seine Stimme erklingen lassen. Doch so richtig als eigenständiger Künstler in den harten Rock zurückzukehren war immer noch eine Sache, die Kiske nicht sonderlich sympathisch war. Labelboss Serafino Perugino nahm sich aber die Zeit, Kiske zu umgarnen und schließlich stimmte er zu – unter der Bedingung, die Songs notfalls mit Veto ablehnen zu dürfen. So entstand das Projekt Place Vendome, dessen Debüt 2005 erschien. Pikanterweise bestanden Place Vendome außer Kiske und Vanden Plas-Keyboarder Günter Werno aus drei ehemaligen Pink Cream 69-Musikern – der Band, der Jahre zuvor ja Andi Deris als Sänger „vorgestanden“ hatte. Doch alles halb so wild – Pink Cream 69– und Place Vendome-Drummer Kosta Zafirou war ja bekanntlich seit Jahren im Helloween-Management involviert. Das Place Vendome-Debüt öffnete den Weg für weitere Alben. Das schlicht „Kiske“ betitelte Werk zeigte Michael als vornehmlich im Akiustik-Bereich agierenden Singer/Songwriter. Auch hatte er sich seiner Helloween-Vergangenheit mit dem Album „Past In Different Ways“ gestellt, welches ebenfalls akustikgitarrenlastige Arrangements seiner für Helloween geschrieben Songs enthielt. Unter der Regie von Mat Sinner war ein Projekt mit Amanda Sommerville in Planung, und 2009 erschien auch ein zweites Place Vendome-Album. Ein echter Gamechanger kündigte sich aber in Form einer kleinen Textbox in der Juni-Ausgabe 2010 des Rock Hard an. Frank Albrecht schrieb:

„Nach fast zwei Dekaden zieht es Ex-Helloween-Frontmann Michael Kiske wieder mit einer festen Band auf die Bühne. Mit seiner neuen Formation Unisonic wird der Ausnahmesänger aus Hamburg drei von uns präsentierte Warm-Up-Shows spielen, bevor es auf die großen Festivals geht.“

(Rock Hard, Ausgabe 277, 2010)

Unisonic bestanden aus Michael, ex- Krokus und –Asia-Gitarrist Armand „Mandy“ Meyer und der Pink Cream 69-Rhythumsgruppe Dennis Ward und Kosta Zafirou, und nach drei sehr intimen Clubshows spielte die Band in dieser Besetzung auf dem Masters Of Rock- und dem Sweden Rock-Festival. Da Unisonic bislang erst einen einzigen gemeinsamen Song namens ‚Souls Alive‘ fertig hatten, bestand die Setlist in dieser Frühphase vornehmlich aus den in ähnlicher Besetzung eingespielten Place Vendome-Songs – und, in den Zugaben, den Helloween-Songs ‚A Little Time‘ und ‚Kids Of The Century‘. Kiske bewies bei den Shows nicht nur, daß er auch ein ganz ordentlicher Rhythmusgitarrist war, sondern auch vor allem, daß seine Stimme zur Überraschung aller in den vergangenen 17 Jahren nichts an Kraft, Ausstrahlung oder Reichweite eingebüßt hatte.

Nach den Unisonic-Gigs zog es Kiske noch im selben Jahr gleich wieder auf die Bühne: als Gast von Tobias Sammets zweiter großer Avantasia-Tour. Neben Michael standen dabei unter anderem Magnum-Stimme Bob Catley, Jorn Lande und, nun ja, Kai Hansen auf der Bühne. Die beiden hatten das Kriegsbeil ja schon Mitte der 1990er begraben, doch auf der Avantasia-Tour erneuerten sie ihre Freundschaft. Ganz offensichtlich stimmte nach wie vor die Chemie zwischen den beiden – und Kai bot Michael an, als Sänger bei Gamma Ray einzusteigen. Als der das Angebot dankend ablehnte – Gamma Ray waren ihm dann insgesamt doch entschieden zu heavy – beschloß Kai, daß er dann eben bei Unisonic einsteigen müsse. Der Rest der Band war natürlich damit einverstanden – und so erschien 2012 nach der EP ‚Ignition‘ (inklusive einer Liveversion von ‚I Want Out‘) das selbstbetitelt, erste Unisonic-Album. Das schaffte es aus dem Stand in deutschen LP-Verkaufscharts – und schlug mit der Peak-Position 24 sogar Helloweens „7 Sinners“, das lediglich bis auf Platz 25 gekommen war.

Die nahmen die Konkurrenz wohl zur Kenntnis – sonderlich unter Druck gesetzt fühlten sie sich aber mit Sicherheit nicht. Die Reihe an exzellenten Alben, die mit „Gambling With The Devil“ begonnen hatte, setzte sich mit dem Folgealbum „Straight Out Of Hell“ direkt fort. Das Anfang 2013 erschienene Album baute musikalisch freilich ebenfalls auf den beiden zeitgemäß produzierten Vorgängern auf, zeigte sich aber deutlich launiger als die eher düster-seriösen letzten Alben. Mit ‚Waiting For The Thunder‘ und der Queen-Hommage ‚I Just Wanna Be God‘ gab’s sogar zwei waschechte Hardrock-Hymnen, die erste Single ‚Nabatea‘ war ein progressiv angehauchtes Epos mit Ohrwurmmelodie, und einmal mehr fiel auf, daß das Songwriting mittlerweile sehr demokratisch verteilt war. Sascha und Andi hatten je fünf Songs beigesteuert (einen davon gemeinsam), Markus und Michael jeweils zwei – wobei Markus noch die beiden exzellenten B-Seiten ‚No Eternity‘ und ‚Another Shot Of Life‘ geschrieben hatte. Die Tatsache, daß Unisonic in jedem Interview unweigerlich auch über Helloween befragt worden waren, hatte sicher geholfen, den Bandnamen in den zwei Jahren nach „7 Sinners“ nicht in Vergessenheit geraten zu lassen – doch dürften Helloween trotzdem nicht wenig überrascht gewesen sein, als „Straight Out Of Hell“ sozusagen straight auf Platz 4 in den deutschen LP-Verkaufscharts einstieg – und sogar, wenn auch nur auf Platz 97, wieder den Sprung in die US-Billboard Charts schaffte. In der Folge begab sich die Band erneut auf eine „Hellish Rock“-Tour mit Gamma Ray, bei der die beiden Bands sich wieder ausgiebig gegenseitig auf der Bühne besuchten – die Hoffnung, daß auch Michael Kiske einer dieser Jams beiwohnen könnte, blieb allerdings vergeblich.

Der meldete sich im Folgejahr mit dem zweiten Unisonic-Album „Light Of Dawn“ zurück. Aufgrund der zur selben Zeit stattfinden Sessions fürs nächste Gamma Ray-Album enthielt „Light Of Dawn“ diesmal zwar keine Songwriting-Beiträge von Kai, doch dafür machte schon die Vorab-EP „For The Kingdom“ deutlich, daß Kiskes Vorbehalte gegen Metal-Sounds sich eventuell doch in Wohlgefalen aufgelöst haben könnten. Denn statt des traditionellen Hardrocks, den die Band auf dem Debüt gespielt hatte, gab’s mit dem Titelstück ‚For The Kingdom‘ ein ganz und gar nach Kürbis schmeckendes, knackiges Stück melodischen Speed Metal, mit Double Bass-Drums und allem, was das Herz begehrte. Der Rest des Albums bot noch mehr Stoff der selben Klasse, aber auch die mittlerweile gewohnten Kiske-Pop-Rocksongs, melodischen Hardrock und Singer-Songwriter-Balladen. Auf der Tour zum Album gab’s sogar den Speedie ‚March Of Time‘ vom zweiten „Keeper“-Album – ganz generell schienen sich Unisonic gefunden und Michael Kiske sich „seinem Schicksal ergeben“ zu haben, einfach am Besten im melodischen Metal zu funktionieren.

Doch erst einmal konterten Helloween mit einem neuen Studioalbum. „My God-Given Right“ war so großartig ausgefallen, wie man das von Helloween in den letzten Jahren wieder erwarten konnte, und obwohl die Band vom Branchenriesen Sony wieder zu Nuclear Blast gewechselt war, tat das den Verkaufszahlen kaum einen Abbruch. Die Kritiken waren begeistert, die Fans auch – und noch begeisterter waren die Fans von der folgenden Tour. Aufgrund der Tatsache, daß nun auch Kiske und Hansen Songs der „Keeper“-Jahre live spielten, hatten Helloween sich nämlich entschieden, ein Großreinemachen im Set zu veranstalten und eine ganze Menge Songs der Prä-Deris-Ära ausgemistet. Dafür wurden eine Menge lange nicht mehr gehörter Highlights der Neunziger ausgegraben. So durfte man sich endlich wieder über den ‚Steel Tormentor‘ freuen, auch ‚Before The War‘ wurde sehr zur Freude der Doublebass-Fanfraktion wieder ausgegraben. Mit einem aufwändigen Stageset, der ans Cover des Albums angelehnt war, präsentierten sich Helloween in bester Form und hinterließen überall nur zufriedene Gesichter. Nach elf Jahren im unveränderten Lineup waren Helloween endlich unabhängig von irgendwelchen Keepern oder Exmitgliedern eine perfekte, sich ideal ergänzende Einheit.

Nach einer ausgiebigen zweiten Tour in 2016 schien es sicher, daß sich Michael, Markus, Andi, Sascha und Dani erst einmal eine kurze Pause gönnen würden, um dann irgendwann 2017 mit einem neuen Studioalbum zuzuschlagen. Doch es sollte ganz anders kommen. Vier Wochen nach dem letzten Gig der „My God-Given Right“-Tour in Tokyo wurde zunächst ein ominöser silhouettenhafter, ans Artwork des „Live In The UK“-Album erinnernder Cartoon auf Helloweens Social Media-Plattformen geteilt, und am 14. November schließlich ließen Helloween die Katze aus dem Sack: unter dem Motto „Pumpkins United“ würde die komplette aktuelle Besezung der Band, erweitert um Michael Kiske und Kai Hansen, 2017 und 2018 eine großangelegte Reuniontour fahren.

Dies kam aufgrund der perfekt laufenden Karrieren von Helloween und Unisonic durchaus überraschend – wenn auch vielleicht nicht ganz so abwegig wie die Idee noch zehn Jahre zuvor gewirkt hatte. Doch dazu wird Euch im dritten Teil unserer großen Helloween-History Gitarrist Michael Weikath im Interview den kompletten Hintergrund der Reunion erläutern – eine Geschichte, die genauso unkonventionell verlaufen ist wie die restliche Karriere der Kürbisse und ihrer Ex-Mitglieder…

Falls Ihr Teil 1 der History verpasst habt, findet Ihr sie HIER, und das Interview mit Weiki gibt es HIER zu lesen (Follow the sign…oder so)!

Foto: Franz Schepers

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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