Big Big Train

Grimspound

Die südenglische Retroprog-Big Band ist seit einigen Jahren zumindest in ihrer Heimat beileibe kein Geheimtipp mehr. Die tollen „English Electric“-Alben und das 2016er Werk „Folklore“ räumten alle möglichen Auszeichnungen im „Prog!“-Magazin ab, bei den „Progressive Awards“ waren sie auch schon dreimal Preisträger, und das Thema dieser Rezension, „Grimspound“, stieg tatsächlich in den UK-Albumcharts auf Platz 45.

Dabei sollte „Grimspound eigentlich überhaupt kein richtiges Album werden, sondern eher eine EP mit Überbleibseln von „Folklore“ – das ja auch gerade mal ein knappes Jahr alt ist. Und, um mal das Ende zu spoilern, das merkt man auch ein wenig. Nicht an der Spielzeit – „Grimspound“ enthält trotzdem satte 67 Minuten Musik. Doch die Begeisterung der Vorgängeralben kann „Grimspound“ leider nicht ganz auslösen. Die moderneren und rockigeren Elemente der letzten Jahre finden auf „Grimspound“ fast überhaupt nicht statt. Stattdessen orientiert man sich durchweg am Sound der frühen Genesis zur Anthony Phillips-Ära, mit einem bisschen Fairport Convention (deren Judy Dyble als Gastsängerin vertreten ist) abgeschmeckt. Also, viele Akustikgitarren, viele Folkelemente, viel getragenes, pastorales Material, statt zum Rock geht’s hier beim Uptempo-Material eher ins Jazzige – siehe das instrumentale ‚On The Racing Line‘. Das steht der Band ebenfalls ganz gut, dadurch fehlt „Grimspound“ allerdings auch ein wenig die Abwechslung und der „Kick“, den die Vorgänger besassen. Und auch die packenden, eingängigen Melodien, die Longtracks wie ‚East Coast Racer‘ und ‚The First Rebreather‘ ebenso unwiderstehlich machten wie kürzere, „kommerzielle“ Songs a la ‚Wassail‘, ‚Judas Unrepentant‘ oder ‚Folklore‘, kommen dieses Mal ein wenig zu kurz. Mit diesen Highlights können lediglich ‚Experimental Gentlemen‘ und ‚A Mead Hall In Winter‘ wirklich mithalten, der Rest bleibt dann für Big Big Train-Standards zwar guter, aber doch eher Durchschnitt.

Da liegt auch der Hund begraben: von Big Big Train erwartet man zur Zeit eben ausschließlich Großartiges. „Grimspound“ ist dabei wohl das „… And Then There Were Three“ oder „Tormato“ der Band: mit Sicherheit kein schlechtes Album, aber gemessen am Bandstandard eben doch eine kleine Enttäuschung. Die Band selbst bezeichnet „Grimspound“ übrigens auch nur als „companion album“ von „Folklore“, was das Ganze auch ein wenig ins rechte Licht rückt. Als Fan der Band oder ruhigen Retroprogs kann man aber natürlich dennoch bedenkenlos zugreifen, auch, weil das Album einmal mehr sehr schön aufgemacht ist, und neben den Texten auch ausführliche Liner-Notes enthält. Wenn man „Folklore“, „English Electric 1 & 2“ und „The Underfall Yard“ aber noch nicht besitzt, sollte man zum Kennenlernen der Band eher zu denen greifen. Allesamt übrigens bei den geschätzten Kollegen von Just For Kicks zu beziehen.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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