Fates Warning

Live Over Europe

  • Artist: Fates Warning
  • Album: Live Over Europe
  • Label: Inside Out
  • Release: 29.06.2018
  • Medium:
  • Bewertung:1

Der Sommer 2018 ist eine gute Zeit für Progmetal-Livescheiben. Fast zeitgleich mit dem Orchester-Scheibchen von Devin Townsend und dem ersten offiziellen Haken-Livemitschnitt kommen auch Fates Warning mit einem neuen Livezeugnis. Nun, nur wenige Monate zuvor hatte uns das im Kult-Line-Up mit John Arch eingespielte „Awaken The Guardian Live“-Album daran erinnert, wie großartig auch die frühen Fates Warning waren. „Live Over Europe“ ist nun der Nachschlag, der die Jahre von 1988 bis heute umfasst – und nicht nur erwartungsgemäß ziemlich knorke ist, sondern auch alle Klischees über Prog-Metal-Livealben über den Haufen wirft.

Seien wir ehrlich, Progmetal ist für gewöhnlich nicht unbedingt ein Genre, das sich für Live-Konzerte eignet. Ob Opeth, Tool oder Dream Theater, die Livemitschnitte schaffen es selten, die Atmosphäre der filigran-detaillierten und aufwändig produzierten Studiofassungen zu übertrumpfen. Selbst bei einem Devin Townsend, bei dem mit Sicherheit 50% des live Gehörten aus dem Sampler kommt (woraus er auch gar kein Geheimnis macht), muss man Abstriche machen. Umso überraschender, dass „Live Over Europe“ es für zweieinviertel Stunden schafft, auch komplexeste Songstrukturen derart tierisch losrocken zu lassen, dass die – durchaus zurecht – als unterkühlt bezeichneten Studiovorlagen dagegen richtig blass bleiben. Vielleicht liegt es an der Präsenz von Joey Vera und Bobby Jarzombek, die ja schon bei zwei der besten Livebands des US-Metal (Armored Saint bzw. Riot) aktiv waren/sind? Oder an Ray Alders mittlerweile hörbar tieferer, aber nach wie vor enorm charismatischer und gefühlvoller Stimme? Oder daran, das Jim Matheos und „Aushilfe“ Mike Abdow hörbar Spaß daran haben, neben den typischen zweistimmigen Harmonien eine ganze Reihe knackige Metalriffs mit ziemlich hohem Arschtrittfaktor rauszuhauen? Ja, „Live Over Europe“ ist ein vor Kraft und Spielfreude strotzendes Album geworden, das den Hörer so richtig in die Meute eines verschwitzten Liveclubs versetzt.

Auch die Setlist trägt ihren Teil zum hohen Unterhaltungswert bei. Die haut nämlich Hit an Hit raus und berücksichtigt dabei tatsächlich alle Alben der Alder-Phase. Auch aus schwächeren Alben wie „FWX“ und „Disconnected“ werden stilsicher die Rosinen herausgepickt, und über die letzten beiden Alben muss man schließlich genausowenig Worte verlieren wie über die Hochphase 1988-1994. Ein paar Beispiele? Ob eingängigere „Hits“ wie ‚Silent Cries‘, ‚One‘, ‚Eye To Eye‘, ‚Monument‘, ‚Still Remains‘, ‚Point Of View‘ und ‚SOS‘ oder ausladende Longtracks wie ‚And Yet It Moves‘, ‚The Eleventh Hour‘ und ‚Still Remains‘ – alles da, und noch mehr: mit ‚Acquiesce‘ und ‚Part XI‘ gibt’s auch noch Auszüge aus den Mega-Epen ‚Ivory Gates Of Dreams‘ und ‚A Pleasant Shade Of Grey‘, die das Geschehen piekfein abrunden. Es dürften hier tatsächlich nur wenige Fragen offen bleiben – für Einsteiger oder Fans ein pures Rundum-Glücklich-Paket.

Jens Bogren höchstselbst hat dem Album einen natürlichen (doch! das kann er auch!) und druckvollen Sound verpasst, der im Verbund mit der vor Energie berstenden Performance und dem deutlich und kräftig steilgehenden Publikum den Vorwurf, Progmetal sei schlapp und gekünstelt, völlig absurd wirken lässt. Anders ausgedrückt: wer kann, der kann. Und Fates Warning sind derzeit nicht nur in der Theorie – einmal mehr – auf dem Höhenflug. Nachzuhören und Gottseidank für die Ewigkeit festgehalten auf „Live Over Europe“. Kaufzwang!

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.