Don’t Look Back in Anger – Wolfgangs musikalischer Jahresrückblick 2020

Wenige Wochen vor Ende des Jahres stolperte ich auf dieser Seite über den Aufruf, sich bei Whiskey-Soda als Redakteur zu bewerben, inzwischen bin Redakteursanwärter. Als der schreibe ich meinen musikalischen Jahresrückblick, nach diesem extrem denkwürdigen Jahr.

Das Jahr 2020 sollte gut starten. Kurz vor Weihnachten 2019 war ich einer der Glücklichen, der Tickets für Die Ärzte ergattern konnte. Viele meiner Lieblingsbands und -künstler hatten neue Alben und/oder Touren angekündigt. Ein verheißungsvolles Jahr mit vielen Konzerten stand an. Wir wissen alle, was daraus wurde: Ab Ende Februar ging im Live-Sektor nichts mehr. Der ursprüngliche Optimismus der Veranstalter, der die Shows aus dem Frühjahr in den Juni verlegen ließ, war schnell der Realität gewichen.

Aus der Not heraus streamten Bands Konzerte aus dem Proberaum oder aus leeren Clubs. Aber hier war das gleiche Gefühl beim Ansehen, wie aktuell beim Fußball: wenn die Musik bzw. der Fußball das Yin ist, fehlt einfach das Yang. Deutschlands führender Virologe Christian Drosten hat vor einigen Tagen beim Podcast „Fest und Flauschig“ einen vorsichtigen Hoffnungsschimmer mit Kulturveranstaltungen ab Herbst 2021 gegeben. Virtuelle Konzerte, auch wenn sie technisch mit Effekten aufbereitet werden (wie z.B. KISS es an Silvester oder Nightwish mit 3D-Konzerten im Frühjahr planen), können einfach nicht an echtes Livefeeling heranreichen.

Trotz der fehlenden Konzerte hatte das Jahr gute musikalische Momente. Ab dem Frühjahr hielten sich die Gerüchte über neue Alben von AC/DC und Pearl Jam. „His Bobness“ Dylan hat dazu ein neues – grandioses – Alterswerk rausgehauen. Sogar die Stones hatten mit „Living in a Ghost Town“ eine neue Single am Start. Außerdem gab es einige unerwartete Überraschungsalben (z.B. Madsen, AnnenMayKantereit), die in der Leere der Coronazeit entstanden sind und somit einige erfreuliche Aspekte zu bieten hatten. Hier nun also meine Top 5:

5. Bob Dylan – „Rough and Rowdy Ways“

Zunächst kam aus dem Nichts die Single „Murder Most Foul“. Wenige Wochen später folgte dann das Album, mit dem nicht zu rechnen war. Musikalisch tiefenentspannt erzählt Dylan in 10 Songs von „False Prophets“ und „Crossing the Rubicon“ und singt „Goodbye Jimmy Reed“. Sollte das sein letztes Album gewesen sein, wäre es ein gelungenes Abschiedswerk.

4. Pohlmann – „Falschgoldrichtig“

Musikalisch und textlich entwickelt sich Singer-Songwriter Ingo Pohlmann („Wenn jetzt Sommer wär“) ein ganzes Stück weiter, bleibt aber doch er selbst. Insgesamt ist „Falschgoldrichtig“ das persönlichste und ruhigste Album seiner mittlerweile 15-jährigen Karriere. Ob er „In deinen Schuhen“ an seinen verstorbenen Bruder denkt, oder in „Unterwasser Atmen“ einen sehr intimen Einblick in sein Privatleben gibt, macht er das, ohne dabei in Pathos zu verfallen.

3. AC/DC – Power Up

Um Kollege Michael zu zitieren: „Die gute zuerst: „Power Up“ klingt wie AC/DC. Die schlechte: „PWR UP“ klingt wie AC/DC.“ Ich finde: Ein Glück!

2. Die Ärzte – „Hell“

Nach dem extrem schwachen Album „auch“ hatte ich Sorge, dass BelaFarinRod ein weiteres Album mit musikalischen und textlichen Belanglosigkeiten veröffentlichen. Die lange Pause hat den Herren aber in jeder Hinsicht gutgetan. Der bunte Mix an Songs, ohne jede Rücksicht auf Genregrenzen und eigene Egos, ergibt ein gelungenes Album: Manchmal herrlicher Quatsch, dann politische Standpunkte oder ethische Denkanstöße. Diese Mischung – mit Message, aber ohne erhobenen Zeigefinder – macht „Hell“ zum besten DÄ Album dieses Jahrtausends. Ich hoffe, dass viele Songs im Herbst auf der Setliste stehen.

1. Donots – „Birthday Slams – Live“

Nachdem ich bei einem Teil der Songs auf dem Heimat-Open-Air dabei sein durfte, bin ich vielleicht ein wenig voreingenommen bei diesem Album. Aber es ist auch ohne eigene Konzerterinnerungen eine grandiose Platte und macht unbedarften Hörern Lust auf einen Showbesuch. Mehr dazu in der Review.

Es bleibt zu hoffen, dass Christian Drosten Recht behält und ich im kommenden Jahr wieder mit Piepen auf den Ohren, neuen Band-Shirts und von der Bühne fotografierten Setlisten nach Hause fahren und hinterher für diese Seite davon berichten kann! Bis dahin bin ich gespannt auf die angekündigten neuen Alben von u.a. den Foo Fighters, Selig oder den Chili Peppers.

(verfasst von Wolfgang Gouterney)

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.