Mike Love

Unleash The Love

Nach der Tour zum fünfzigjährigen Bandjubiläum, für die sich alle überlebenden Mitglieder der Beach Boys noch einmal zusammenrauften, gingen die üblichen Streitereien wieder los und es folgte erst einmal – nicht viel. Brian Wilson kündigte ein experimentelles Kollaborationsalbum mit Jeff Beck an – und veröffentlichte stattdessen 2015 ein schwaches Soloalbum mit enttäuschend flachen Songs. Nun hat sein Erzrivale Mike Love endlich auch seine kreative Retourkutsche fertiggestellt: „Unleash The Love“.

Die Hälfte des Albums besteht dabei aus neuen Songs, die andere bietet Neueinspielungen von Klassikern der Beach Boys. Ähnlich wie bei seinem Ex-Bandkollegen Wilson krankt „Unleash The Love“ dabei an zwei Dingen: den bisweilen selbst für Sonnenschein-Freunde etwas ZU flachen, teils regelrecht schlagerhaften Songs und vor allem aber der übertriebenen Nutzung von technischen Hilfsmittel. Natürlich, Mike ist mittlerweile 76 Jahre alt – wieso das Produktionsteam es für angebracht hielt, solange an den Vocals herumzuspielen, bis man den Charakter und die Lebenserfahrung des Musikers nicht mehr heraushört, bleibt schleierhaft. Das Endergebnis klingt nämlich oftmals eher nach Computerstimme im Love-Preset als nach dem echten Mike, der in seinem Leben wirklich so Einiges geleistet hat und über eine der einprägsamsten Stimmen der Popmusik verfügt – oder verfügte. Ja, ich behaupte mal, ohne dieses akustische Botox wäre das Album deutlich besser geworden. Denn wer hätte sich nicht über ein adäquates Alterswerk von Love gefreut? Wer hätte nicht lieber ein paar schräge und raue Töne gehört als den Versuch, eine glattgebügelte Version des Jahres 1966 wieder aufleben zu lassen? Das hätte nämlich den – ohne Frage durchaus auch vorhandenen – besseren Songs des Albums, allen voran das mit Krishna-Chants ausgestattete, George Harrison gewidmete ‚Pisces Brothers‘ und den Barband-Boogie ‚Make Love Not War‘, einen definitiven Reiz gegeben, der so leider in der kanten- und emotionsfreien Produktionssoße verloren geht.

Die Neueinspielungen der Beach-Boys-Klassiker sind leider auch recht enttäuschend. Es handelt sich nämlich um ziemlich exakte Eins-zu-eins-Kopien, von denen aber nicht eine auch nur annähernd an das Flair und die jugendliche Energie der Originale heranreicht – wie auch, mehr als fünfzig Jahre später? Ob es nun notwendig war, daß auf einem Mike-Love-Album auch drei Songs enthalten sind, bei denen Mike überhaupt nicht als Leadsänger zu hören ist, ist ebenfalls fraglich. Aber offen gestanden stellen die mit den Indie-Poppern AJR eingespielte Version von ‚Darlin‘ und das beherzte, von Tour-Beach-Boy-John Cowsill gesungene ‚Wild Honey‘ sogar die Highlights des Albums dar, kommen sie doch endlich einmal ohne die nervtötenden Autotune-Vocals aus.

Schade, daß Mike Love so sehr in seiner „don’t fuck with the formula“-Einstellung gefangen ist, daß er auch mit 76 noch den Berufsjugendlichen geben möchte. Und auch aus den Songs hätte ein anderer Produzent – beispielsweise, nur mal so gesponnen, Beach Boys-Verehrer Elvis Costello – mit Sicherheit noch Einiges herausholen können. So bleibt ein höchst durchschnittliches Werk, das irgendwie nach einer verpassten Chance riecht. Schade – außer unter harten Beach-Boys-Allesssammlern wird „Unleash The Love“ vermutlich nicht viele Fans finden.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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