Mystery

Lies And Butterflies

Nach dem letztjährigen, großartigen Livalbum „Second Home“ gibt es nun bereits Nachschub der kanadischen Melodic-Progger von Mystery. Und, was soll man sagen, „Lies And Butterflies“ ist ein erneutes Pflichtalbum für alle Fans melodischer Progsounds mit großen Melodien geworden.

Der Mystery-Sound ist irgendwo zwischen klassischem Neoprog (IQ, Pallas), Saga, ein wenig Kansas (die Steve Morse-Ära) und Styx zu verorten, immer wieder abgeschmeckt mit ein wenig Queen-mäßigem Bombast (siehe das großartige ‚Something To Believe In‘). Das soll aber nur als Orientierung genannt sein, denn Mystery haben definitiv einen eigenen Stil mit hohem Wiedererkennungswert – nach mehr als zwanzig Dienstjahren ist wenig überraschend, dass die Band mittlerweile eigentlich selbst als Vergleich für Andere herangezogen werden sollte. Kaum eine andere Band schafft es, ihren Prog mit einem derart hohen Wohlfühlfaktor auszustatten. Ohne in den Kitsch abzurutschen, schaffen es Mystery, ein leicht melancholisches, aber immer optimistisches Flair zu verbreiten, das im sich gerne in Pseudodepressionen suhlenden modernen Progrock eine wirklich wohltuende Ausnahme darstellt. Natürlich wird jeder andere Assoziationen haben, aber über weite Strecken klingen Mystery für den Verfasser dieser Zeilen wie der Sonnenuntergang nach einem entspannten, warmen Mittsommertag mit alten Freunden, kühlem Bier und dem Schatzi… oder, anders gesagt, einfach schön.

Dabei ist qualitativ völlig egal, ob dem Hörer ein gepflegter Siebzehnminüter wie der Opener ‚Looking For Something Else‘ oder eine Fünf-Minuten-Terrine wie die durchaus radiotaugliche Ballade “How Do You Feel‘ angerichtet wird. Mystery haben die Gabe, ihre Musik mit einer geradezu verschwenderischen Menge an eingängigen Ohrwurmhooklines zu bestücken, die jeden AOR-Act neidisch macht. Auch die Produktion verrät, dass die Band schon seit einigen Jahren „dabei“ ist und ganz genau weiß, was sie macht: perfekt werden sämtliche Stärken in Szene gesetzt und den Songs trotz schwelgerischer Arrangements jederzeit genug Luft zum Atmen gelassen. Ein weiteres Plus ist natürlich die Stimme von Sänger Jean Pageau, ohne Frage einer der besten Sänger, die das Genre derzeit zu bieten hat. Von seinem beeindruckenden Stimmumfang ganz abgesehen, hantiert Pageau gerne mit den ganz großen Gefühlen, was natürlich exzellent zum groß angelegten Sound der Band passt. Die exzellente Gitarrenarbeit von Bandboss Michel St-Pére muss natürlich ebenfalls erwähnt werden, bietet sie doch genauso große Gefühle wie der Gesang. Ob sahnige Gilmour-Leads, knackige Bratriffs wie im ebenfalls überlangen Rausschmeißer ‚Chrysalis‘ oder cleane Pickings mit Folk-Schlag, St-Pére schüttelt sich das komplette Spektrum mit einer unfassbaren Lockerheit aus dem Ärmel. Nicht, dass der Rest der Band aus Luschen bestünde, aber die Herren Pageau und St-Pére sind eben schon irgendwo die Stars der Band.

Natürlich, wer mit Prog nur gnadenloses Mathematik-Gefrickel oder Düster-Dissonantes assoziiert, braucht hier überhaupt nicht reinzuhören. Alle, die aber melodische und irgendwie typisch kanadische Melodic-Prog-Klänge mögen, müssen hier ohne Frage zugreifen. Mystery sind mit Big Big Train derzeit ganz klar die Latte, an der sich der Rest der Traditionsprogger messen lassen muss, und „Lies And Butterflies“ wird mit Sicherheit in meiner Jahres-Top-Ten einen der oberen Plätze einnehmen. Ab zu Just For Kicks – und das erwähnte Livealbum „Second Home“ am Besten auch gleich mit einpacken!

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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