Illegale Farben

unbedeutend ungenau

  • Artist: Illegale Farben
  • Album: unbedeutend ungenau
  • Label:
  • Release: 2021-02-12
  • Medium:
  • Bewertung:1

Ein Konzeptalbum ist auch eine Art, auf Corona zu reagieren. Und all die Veränderungen, die wir gerade erleben, komplett und allumfassend. So, wie es ein gutes Konzeptalbum eben auch ist.

Ob es bei „unbedeutend ungenau“ (Rookie Records) aber wirklich um Corona geht? Sicher nicht nur. Aber ebenso sicher sind die guten Texte immer die, die verschieden interpretiert werden können – und trotzdem funktionieren. Kann daher sein, dass es auch Leute gibt, die hierbei nicht an Lockdown denken:

Wirft es dich auf dich zurück
Von den Beinen auf den Rücken
Lässt dich weiter ratlos stehen
In den allerletzten Lücken
(…)
Es sind Wochen und Tage und Wochen und Tage…

In Wahrheit sind es schon Monate, und vielen kommt es vor wie Jahre – die Zeit und der Zustand, in der und dem alles anders ist. Also haben auch Illegale Farben ein Album gemacht, das ganz anders ist als seine beiden Vorgänger. Aber vermutlich sind die fünf Bandmitglieder in gewisser Weise auch andere Menschen, als sie es noch anno 2016 waren. Zumindest ist ihnen das, wie uns allen, zu wünschen.

Vielleicht ist aber „anders“ gar nicht das richtige Wort. „Besonders“ passt viel besser. Die Band jedenfalls hat alles getan, um „unbedeutend ungenau“ zu einem solchen zu machen. Nicht nur, weil die Platte physisch in streng limitierter Auflage von 100 Stück erscheint. Bis auf’s letzte Detail durchdacht ist außerdem die Songanordnung und die Bebilderung, eine Kurzgeschichte ist beigegeben, und die Veröffentlichung wird durch einen halbstündigen Film begleitet. Mehr Konzept geht kaum.

Illegale Farben verarbeiten den Lockdown nicht nur in Wort und Ton. Sie setzen zugleich die Abkehr von alten (zumeist schlechten) Gewohnheiten durch. Denn irgendwie hat uns doch die Pandemie gelehrt, dass im Leben mehr drin sein sollte als Tretmühle, Hetze, alltägliches Stückwerk. „unbedeutend ungenau“ jedenfalls ist und will das große Ganze. Es zu hören erfordert Konzentration und … Zeit. Es soll nicht zwischen Tür und Angel konsumiert, sondern als Kunstwerk erlebt werden.

Dabei geht es nicht um die einzelnen Songs. Wohl aber um die Musik. Und immer diese starken Worte. Wenn sie auch so manches Mal verklausuliert werden, sind die Beobachtungen doch immer ganz nah dran an der Situation und das Fazit daraus immer so verblüffend klar:

Die Wahrheit ist
Es muss einfach gehen

Eine fast genauso wichtige Rolle wie die sechs Songs spielen auf „unbedeutend ungenau“ die Zwischentöne. Soundfetzen lassen die Tracks gar nicht richtig enden, leiten von einem in den anderen über und machen aus dem Album ein in sich geschlossenes Element. Die Band will explizit, dass man es am Stück anhört. Und das ist genau richtig. Begleitet von Textlektüre und Film wird ein selten intensives Hör-, Seh- und vor allem Denkerlebnis geboten. An dieser Stelle kann nur empfohlen werden, auf diese Weise eine sehr bedeutsame Stunde, oder zwei, mit Illegale Farben zu verbringen. Das bringt die deprivierten Sinne auf Touren und macht Lust auf das Leben nach dem Lockdown, in dem so vieles besser werden könnte:

Bis ein neuer, schlichter Tag
Dich in die Arme nimmt
und zu den Anderen bringt

 

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Rookie Records

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