The Cyberiam

The Cyberiam

  • Artist: The Cyberiam
  • Album: The Cyberiam
  • Label:
  • Release: 2019-01-11
  • Medium:
  • Bewertung:2-

Der Nerd in mir freut sich ja immer, wenn er sich auf einem Prog-Album wiedererkennt. Speziell die britische Kultserie Doctor Who scheint in Progkreisen recht beliebt zu sein: Rob Reed coverte die Titelmusik, I Am The Manic Whale schrieben einen Song über den Doctor (aus Sicht seiner Erzfeinde von Skaro). Vor ein paar Jahren eröffenete Arjen Lucassen das Star One-Debüt mit einem Song über das Reisen in der TARDIS – noch früher adaptierten Pink Floyd das Thema der Serie für ‚One Of These Days‘. Die amerikanische Band The Cyberiam befindet sich also in guter Nerd-Gesellschaft, hat sie doch auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum einen Song namens ‚Don’t Blink‘ verewigt, der mit den Worten ‚If I had a TARDIS‘ beginnt – ja, so gewinnt man die Aufmerksamkeit eines Doctor Who-Fans!

Aber das Debüt der Band hat weit mehr zu bieten als nur nerdige Lyrics. Irgendwo zwischen weniger heavy geratenen Coheed And Cambria, den Post-Morse-Ära-Alben von Spock’s Beard und Neunziger-Jahre-College-Rock-Akustikgitarren machen sich die vier Musiker auf ihrem Erstling ganz entspannt breit. Herausragend dabei das Gespür für exzellente Gesangslinien, die durchaus kommerzielles Flair versprühen und von Sänger/Gitarrist Keith Semple mitreißend umgesetzt werden. Seine hohe Stimme erinnert ein wenig an eine Mischung aus Claudio Sanchez (Coheed & Cambria) und Tommy Shaw (Styx) und ist bereits die Hälfte der Miete auf dem Album. Mit ‚The Fall‘, bei dem die erwähnten College-Rock-Anleihen besonders in den Vordergrund treten, hat die Band sogar einen Song, der in der Ära von Counting Crows und The Connels durchaus Hitpotenzial gehabt hätte. Dieser Fünfminüter ist aber eine von drei kürzer gefassten Ausnahmen, die meisten Songs des Albums haben eine Laufzeit von acht bis neun Minuten. Das ist im Prog ja erstmal nichts Ungewöhnliches. Da The Cyberiam aber generell einen ganzen Haufen Musik – über 76 Minuten! – auf ihrem Album verewigt haben, besteht durchaus die Gefahr des Verzettelns, in diese Falle sind schon Genre-Veteranen mit beiden Füßen hineingetappt. So ist das größte Problem des Albums auch, dass sich im letzten Drittel aufgrund der durch die stilistisch ziemlich eindeutig ausgerichteten Musik relativ dünn gesäten Abwechslung ein paar Ermüdungserscheinungen breitmachen. Die herausragendsten Stücke befinden sich mit Ausnahme des schönen Abschlusstracks ‚Nostalgia‘ alle in den ersten vierzig Minuten des Albums, bei den aufeinanderfolgenden ‚My Occupation‘, ‚Juxtaposer‘ und ‚Brain In A Vat‘ hingegen fehlen ausgerechnet die erwähnten herausragenden Gesangslinien, und auch die Arrangements wirken weniger zwingend, als sei der Band die Inspiration ein wenig ausgegangen. Oder vielleicht war es auch das Aufnahmebudget – die letzten beiden Songs ‚Brain In A Vat‘ und ‚Nostalgia‘ klingt nämlich auch soundtechnisch weniger schlüssig als der Rest des Albums, gut zu hören an den viel zu weit in den Vordergrund gemischten Drums in ‚Nostalgia‘. Ganz generell klingt die Band am Besten, wenn sie sich an eher entspanntem pathosbeladenem Prog- und Artrock versucht – die gelegentlich eingestreuten Metal-Riff-Parts wirken hingegen ein wenig statisch bis repetitiv und im Vergleich zum Rest des Songmaterials eher austauschbar.

Das ist aber Meckern auf hohem Niveau. The Cyberiam haben mit ihrem Debüt einen durchaus beachtlichen ersten Eindruck hinterlassen können. Fans der erwähnten Coheed And Cambria, die auch mal klassischen Retro-Prog und New Artrock goutieren, sollten sich an der basischen, aber kompetenten Underground-Produktion nicht stören und The Cyberiam ruhig einmal antesten. Zu beziehen im Webshop von Just For Kicks.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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