Maximilian Hecker

Spellbound Scenes Of My Cure

  • Artist: Maximilian Hecker
  • Album: Spellbound Scenes Of My Cure
  • Label: Eat The Beat
  • Release: 2015-01-16
  • Medium:
  • Bewertung:2

Da steht es geschrieben, das Wort der Wörter, weiß auf schwarz, nicht etwa anders herum: „Cure“. Lesen und Begreifen – eine Herausforderung. „Cure“ nämlich stünde für „Heilung“ und würde einer folgenschweren Entwicklung den Weg bahnen. Sollte Maximilian Hecker tatsächlich genesen sein, ausgerechnet jetzt, nach langen Jahren des Ringens um … na, um was eigentlich? Wohl am ehesten um sich selbst. Mit sich selbst. Um Wärme, Empathie, Erlösung und in fiebriger Sehnsucht nach einem Ende dieser ihn immerfort quälenden inneren Dürre. Wie ein Kind nach seiner Mama im Kaufhaus, nachdem es ein wenig zu lange bei den Spielsachen stehen geblieben ist.

Der selbsternannte Liebesbulimiker (

‚Oh I’ll misuse the well of lust / And I don’t know my bounds / So I will soak and later puke‘

– ‚Gangnam Misery‘) ist um die Welt gereist, hat sich bei den Flitterwochen mit sich selbst gefilmt. In Peking und Paris, in der ostwestfälischen Heimatgemeinde, aber auch in Kastrup und Hennigsdorf. Den Orten, die ihn seiner heißgeliebten Katharsis ein Stück näher brachten. Herausgekommen ist – neben einem neuen Album – haufenweise Outsider Art, wirre Zusammenschnitte, die wohl die Fremdkörperhaftigkeit des Aufnehmenden in seiner Umwelt, seine Blöße und Verletzlichkeit offenlegen sollen. Hecker (Lieblingsverb: „to belong“) sitzt labil im Taxi, läuft mit ernster Miene über belebte Straßen, rennt rückwärts durch den Schnee oder steht einfach nur doof in der Gegend herum und starrt ins Leere. Plötzlich Ulkvogel-Modus: Erst macht er den Psy, dann einen auf Friedrich Liechtenstein, nur um am Ende wieder seine eigenen Songs vor sich hin zu summen, als wären es die eines Anderen. Glücklich macht auch das ihn nicht.

‚Sie kommen‘

, haucht er paranoid in seine Digitalkamera.

‚Scheiße, sie kommen!‘

Der letzte Satz in Frischs Homo Faber. Ohne Scheiße. Wer kommt bei Hecker? Im nächsten Augenblick trinkt er Red Bull im Zeitraffer, Dose um Dose. Er kann nicht schlafen, merkt er dann. Verrückt!

‚Traurig, oder? Man will die Hand ausstrecken und es zurückhalten.‘

Eigentlich sind es ziemlich irdische Entbehrungen, die dem Bürdenbarden da auf den Schultern lasten. Unter seiner Feder geraten sie zu Tantalusqualen. Durch die zerbrechliche Kopfstimme, den endlosen Reverb, die zerpflückten und verschleppten Klavierakkorde. Ein humpelndes Schlagzeug unterfüttert sie mit dem verzagten Marsch des Durchhaltens. Es geht um unerreichbare Feenwesen, um kafkaeske Zerwürfnisse aus heiterem Himmel, kaputten Glamour, Stundenhotels und wodkainduzierte Karaoke-Exzesse. Und um die Fata Morgana eines seelischen Idylls, das der Musiker nur sehnsüchtig nachzeichnen kann. Außer in ‚Hennigsdorf‘ und ‚Kastrup‘. Das Hochgefühl, das ihn in der Einöde vor den Toren Berlins und Kopenhagens ereilte, lässt er mit wuchtigen Gitarren- und Orchesterausbrüchen in die beiden letzten Stücke des Albums hineinschwappen.

Musikalisch hat ‚Spellbound Scenes Of My Cure‘ wenig Neues, geschweige denn Überraschendes im Aufgebot. Maximilian Hecker baut auf das, was er am besten kann: phantasieren, piano Piano oder geknickt Gitarre spielen und seinen ebenmäßigen Gesang in ätherischem Hall verdampfen lassen. Schöngeistige Lieder aus der zerschundenen Seele eines missverstandenen Semi-Popstars. Die Texte sind dezenter als noch auf der letzten Platte, greifen sich oft untereinander auf, bilden Synapsen. Dadurch erinnern sie an die minimalistisch-intuitiven Heimaufnahmen vom Striptease-Album ‚I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son‘ von 2010.

Ob Hecker nun kuriert ist von sich selbst? Die letzten Einträge der Patientenakte zerstreuen diese Hoffnung:

‚I’ve come this far to come undone / Where life and death are rolled in one / There I will wallow in elusiveness‘

, prophezeit er sich.

‚And I know I’ll miss my aim / I will go unheard‘

. Tragisch zwar, für den Hörer jedoch ein Grund, aufzuatmen. Weil es manchmal eben doch der Blinde ist, der am besten von der Farbe reden kann.

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