Slime

Sich fügen heißt lügen

  • Artist: Slime
  • Album: Sich fügen heißt lügen
  • Label:
  • Release: 2012-06-15
  • Medium:
  • Bewertung:1

Ist das die Rückkehr der lebenden Toten? Slime-Reunions kann man kaum an einer Hand abzählen. Die letzte ist 18 Jahre her, begann eher uninspiriert mit der nicht ganz überzeugenden „Viva La Muerta“, die starke Momente hatte, aber auch ebenso viele schwache. Eigentlich sollte einer die Hamburger Punklegende mit der grandiosen „Schweineherbst“ in besten Gedenken behalten. Denn diese Scheibe hat einfach alles: großartige Songs, intelligente, mitreißende Texte und die Energie, die eine herausragende Punk-Schallplatte haben muss. Perfekt. Die Live-Reunion in 2010 war auch sehr gelungen mit großartigen Konzerten unter anderem dem Highlight beim Wacken Open Air. Aber ein neues Album? Skepsis überall: Slime-Songs nicht von Stefan Mahler? Texte nicht von dem Schlagzeuger, der „Schweineherbst“ geschrieben hat? Kann das gut gehen? Kein Problem! „Sich fügen heißt lügen“ steht dem letzten Spätwerk in nichts nach! In keiner Hinsicht, weder musikalisch, noch inhaltlich.

Schon der Opener und Titeltrack deutet an, in welcher Topform die alten Herren sind. Nach spätestens 23 Sekunden ist es um einen geschehen, „Sich fügen heißt lügen“ hat einen gepackt. Kämpferisch reckt sich die Faust in die Höhe. Alte Ideale flammen vor den Augen auf. Der fette, rauhe Sound bläst einen um. Das reggae-mäßige „Rebellen“ passt so gut zu Slime und zum rebellischen Text von Erich Mühsam. Damit haben wir auch die Textebene geklärt. Das Quintett hat sich nicht hingesetzt und versucht, Texte zu schreiben, haben Christian, Dirk und Elf doch schon oft zugegeben, dass sie keine anspruchsvollen Lyriker sind. Sie bedienen sich der Texte des Anarchisten und Kabarettisten Erich Mühsam, der 1936 von der SS zu Tode geprügelt worden ist. Und die Texte passen perfekt zu Slime, auf der einen Seite engagiert und kritisch, auf der anderen Seite humorvoll und süffisant. Und aktuell wie es nur geht. Ein Blick auf das Textblatt und in die Werke Mühsams lohnt sich, auch für den, der sich nicht so gern mit Lyrik herumärgern möchte.

Der Kampf geht weiter!

„Freiheit in Ketten“ ist kein Rührstück, der Anfang täuscht, sondern ein frischer Wirbelwind direkt von der Waterkant. Das Einbetten der mühsamen Texte ist überaus gelungen, die Refrains der ersten drei Songs sind schon beim ersten Hören abgespeichert. Elfs leicht metallische Riffs, der melodische Chorus und der druckvolle Rhythmus sind zu einer kompakten Punkhymne kombiniert. „Wir geben nicht nach“ ist eine Gänsehautnummer, die einem Mut macht, den nächsten Tag in der Maschinerie durchzustehen. Dirks Gesang ist so rotzig wie eh und je und bleibt das Markenzeichen Slimes. Das Bankensystem in „Seenot“, so sehr am Puls der Zeit. Der Text ist von 1925 und immer noch brandaktuell: „… wenn die Banker über Leichen gehen.“. „Bürgers Alptraum“ fühlt sich beim ersten Hören ein wenig altbacken an, da er nicht so los prescht wie seine Vorgänger. Seine Eindringlichkeit entfacht er einfach erst beim dritten Hören. Toller Chorus!

„Bett aus Lehm und Jauche“ ist sehr düster und manisch und wird von „Revoluzzer“ stimmungsvoll abgelöst. „Sich fügen heißt lügen“ hat hier in der Mitte eine ruhigere Phase, nur um sich dann noch mal bierseelig mit dem rockigen „Trinklied“ zu geben. Darauf ’n Astra! Als Kampfansage gegen das Schweinesystem hält „Zum Kampf“ auf rock’n’rollige Weise perfekt her. Schon wieder recken sich die Fäuste zum Kampf. Drei Songs vor dem Ende geht „Bauchweh“ noch mal so richtig ab. Absolut Pogo-tauglich! Wir sind das Lumpenpack des Kapitalismus, ausgebeutet und nach Strich und Faden verarscht. Deshalb holen wir am Ende des Tages noch mal „das Beil“ raus und tanzen uns den Frust vom Leib.

So frisch und engagiert haben wir die fünf seit langem nicht erlebt, weder bei den Mimmis, noch bei C.I.A., Rubberslime oder Elf solo. Man spürt förmlich den Spaß, den Slime die Arbeit an den Songs gemacht hat. Nicht ein Ausfall, nicht mal an kleiner Ausrutscher, dem gebührt Respekt. Aber am besten ist es, sich darüber freuen, dass sich Slime noch mal ein so grandioses Album aus den alten Knochen geleiert haben. Auch wenn viele jetzt „Ausverkauf!“ schreien, „Sich fügen heißt lügen“ beweist das Gegenteil. Hier steckt viel Herzblut und Überzeugung drinnen. Viva Slime!

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