Running Wild – Die Remasters (2)

Die zweite Welle der Noise-Ära-Reissues aus dem Hause Running Wild ist nun auch endlich da. "Blazon Stone", "Pile Of Skulls", "Black Hand Inn" und "Masquerade" zeigen dabei den Weg der Band vom kommerziellen Höhepunkt durch die schwierigen Wasser der Neunziger und erstmalig einer stabilen Bandbesetzung.

Unterm Strich stellen die letzten vier Alben der Noise-Ära auch für viele Fans die letzten als Klassiker gewerteten Alben der Band dar – sondern auch die letzten „echten“ Alben der Band Running Wild. Schließlich wurde mit dem Wechsel zum GUN-Label und spätestens dem Album „Victory“ die hier schon eingeleitete Transformation zum Rolf Kasparek-Soloprojekt abgeschlossen. Aber, beginnen wir vorne.

Die im Fan-Konsens als Bestbesetzung angesehene Running Wild-Inkarnation mit Majk Moti an der zweiten Gitarre und Jens Becker am Bass hatte bereits auf der vorangegangenen Tour zum „Death Or Glory“-Album zu zerbröckeln begonnen. So sah sich Rolf Kasparek – laut eigener Aussage wegen dessen Drogenmißbrauch – gezwungen, Moti noch vor den Aufnahmen zum Nachfolger zu feuern, und auch Drummer Iain Finlay bekam aus bis heute ungeklärten Gründen seine Papiere und wurde durch seinen Drumroadie „A.C.“ ersetzt. Neu-Gitarrist Axel Morgan bekam dabei erst gar keine Gelegenheit, Moti als Songwriter zu ersetzen. Auch wenn das daraus resultierende Album „Blazon Stone“ zum erfolgreichsten Album der Band wurde, begannen nicht wenige Kritiker und auch Fans Running Wild Stagnation vorzuwerfen. In der Tat ist „Blazon Stone“ eine bis ins Detail genaue Kopie des Vorgängers. Vom an ‚Riding The Storm‘ erinnernden Pomp-Intro des eröffnenden Titelsongs über die ‚Bad To The Bone‘-artigen, kommerziell angehauchten ‚Lonewolf‘ und ‚Little Big Horn‘ und dem obligatorischen Jens Becker-Instrumental, das diesmal ‚Over The Rainbow‚ hieß, hier begann die „Running Wild spielt Running Wild„-Phase, die die Kollegen von JBO seinerzeit so köstlich parodierten. Dennoch bietet „Blazon Stone“ aber immer noch fast durchweg exzellenten Stoff. Neben den Erwähnten stechen noch das Thin Lizzy-mäßige ‚Bloody Red Rose‘ und das, ähem, Thin Lizzy-Cover ‚Genocide‘, welches auf der Erstauflage der CD und auch hier beim 2017er Remaster als Bonustrack enthalten ist. Über die als „2003 Reworked Versions“ ausgegebenen Doubletten ‚Blazon Stone‘ und ‚Little Big Horn‘, die keinesfalls „überarbeitet“ sind, sondern – wie beim Rest angeblichen „2003 Versions“ der Remasters – identisch mit den Albumversionen sind, decken wir hier lieber den Mantel des Schweigens. Man könnte sonst auf die Idee kommen, daß beim Zusammenstellen der Reissues ein wenig geschlampt worden sei.

Nach der Tour zu „Blazon Stone“ und dem „First Years Of Piracy“-Albums (dessen Songs über die ersten drei Alben der Remasters-Serie verteilt wurden) mußte schließlich die Rhythmusgruppe inklusive Jens Becker gehen. Die Ersatzleute Stefan Schwarzmann (dr) und Thomas Smuczynski (bs) wurden erneut nicht am Songwriting beteiligt, und bei „Pile Of Skulls“ machte sich das erstmals wirklich negativ bemerkbar. Denn neben typisch knackigen Running Wild-Rockern wie ‚Whirlwind‘, ‚Fistful Of Dynamite‘ und der Singleauskoppelung ‚Lead Or Gold‘ gab’s diesmal auch einiges an Füllern wie ‚Black Wings Of Death’oder dem ‚Chains And Leather‘-Abklatsch ‚Roaring Thunder‘. Auch das elfminütige Epos ‚Treasure Island‘ ließ zwar einerseits hoffen, daß immer noch Weiterentwicklung für die Band möglich war, kam aber nicht ohne ein paar Längen aus. Mit ‚Jenning’s Revenge‘ und ‚White Buffalo‘ finden sich gegen Ende des Albums aber dann noch zwei echte Highlights, die leider auch von der Band selbst oft übersehen wurden und meines Wissens nie live gespielt wurden. Als Bonustracks gibt’s die B-Seiten der ‚Lead Or Gold‘-Single und die seinerzeit für eine geplante, aber nie veröffentlichte zweite Single aufgenommenen Neuversionen von ‚Uaschitschun‘ und ‚Beggar’s Night‘, die den Originalen aber nicht das Wasser reichen können.

Mit „Black Hand Inn“ wagte sich Kasparek dann erstmals an ein Konzeptalbum, und, ermutigt von den positiven Reaktionen auf ‚Treasure Island‘, sollte es gekrönt werden von einem fünfzehnminütigen Mammutwerk namens ‚Genesis (The Making And The Fall Of Man)‘. Prätenziös? Ach wo. Denn natürlich gab’s auf „Black Hand Inn“ wieder den gewohnten Running Wild-Sound. Deutlich fallen hier erstmals die enorm künstlich klingenden, getriggerten Drums auf, die das Album soundtechnisch sehr in die Richtung der Judas Priest-Alben „Painkiller“ und „Ram It Down“ rückten. Generell erschien „Black Hand Inn“ ein gutes Stück heavier und weniger melodieverliebt als seine Vorgänger, weshalb so richtige Überflieger leider diesmal nicht zu finden waren. Selbst die Single ‚The Privateer‘, die musikalisch ziemlich stark an ‚Beggar’s Night‘ angelehnt war, kam in deutlich erhöhtem Tempo und ziemlich straight daher. Und wo wir gerade beim Thema sind: ‚Freewind Rider‘ hieß früher auch mal ‚Raw Ride’… Ja, und dann war da noch der Longtrack ‚Genesis‘. Der wurde zwar mit durchaus verzichtbarem Spoken Word-Intro und -Outro künstlich gestreckt (ansonsten wäre er auch nicht länger als ‚Treasure Island‘ geworden), konnte aber durchaus gefallen. Natürlich kein abwechslungsreiches, progressives Meisterwerk wie Helloween (‚Halloween‘, ‚Keeper Of The Seven Keys‘) oder Iron Maiden (‚Rime Of The Ancient Mariner‘) das vorgelegt hatten, aber ein gelungenes Stück epischen Metals, das fraglos zu den Höhepunkten des Albums gehört. Die beiden Bonustracks ‚Dancing On A Minefield‘ und ‚Poisoned Blood‘ erinnern mit ihrem Achtziger-Priest/Accept-Einschlag an die „Under Jolly Roger“-Ära und hätten besser auf das Album gepasst als die auch noch direkt hintereinander platzierten, schwachen und offensichtlichen Füller ‚Freewind Rider‘, ‚Dragonmen‘ und ‚Powder And Iron‘.

Das letzte Album für Noise Records konnte mit zumindest einer Überraschung aufwarten: „Masquerade“ war das erste Album, das mit der gleichen Besetzung wie sein Vorgänger aufgenommen worden war! Vielleicht auch deshalb klingt die Scheibe erstmals seit „Death Or Glory“ nicht wie ein Solowerk, sondern wie ein echtes, zupackendes Bandalbum. Laut Kaspareks Aussage wurde „Masquerade“ auch in sehr kurzer Zeit aufgenommen und war insgesamt eine spontanere Angelegenheit als die Vorgänger. Nun, das hört man. So frisch und speedig wie im Opener/Titelsong und auf ‚Wheel Of Doom‘ hatten Running Wild schon lange nicht mehr geklungen, und daß das Album mit 52 Minuten Spielzeit deutlich kürzer war als die Vorgänger machte sich auch bemerkbar: Füller gab’s diesmal nämlich nicht. Auch die Drums klangen wieder natürlicher als auf „Black Hand Inn“. Mit ‚Lions Of The Sea‘, Men In Black‘ und dem ebenfalls oft übersehenen, mit einer Mörderhookline gesegneten ‚Rebel At Heart‘ waren auch unbedingte Kandidaten für jede Running Wild-Best Of vorhanden – und trotzdem verkaufte sich ‚Masquerade‘ nicht besonders, was schließlich zur Trennung vom Noise-Label und, nach einem weiteren, in der gleichen Besetzung (!) aufgenommenen Album schließlich die endgültige Umwandlung von Running Wild in ein studiobasiertes Soloprojekt von Rolf Kasparek zur Folge hatte. Bonustracks gibt’s hier keine – außer den üblichen Fake-Neuaufnahmen. Dennoch das stärkste der vier Alben dieser zweiten Welle an Reissues – und auch das letzte Running Wild-Album, daß als „Muss“ zu bezeichnen ist.

Wie bei den ersten fünf Ausgaben der Reihe kommen alle Alben als Digipacks in mattem Finish und enthalten Linernotes, bei denen Rolf Kasparek einen guten Einblick in die Umstände der jeweiligen Albumproduktionen gibt. Das Fehlen jeglicher Texte ist ärgerlich, doch dafür gibt’s bei jedem Album ein Fotos aus Rolfs Archiv, Bandportraits, Backstagepässe, Tickets, Plakate, Magazincover und so weiter. Insgesamt also – bis auf den Versuch, den Käufer mit angeblichen „2003 Re-Recordings“ zu verscheißern – eine lohnenswerte und der Bedeutung der Band und ihrer ersten Alben angemessenen Umsetzung.

Noten:

Blazon Stone: 2
Pile Of Skulls: 2-
Black Hand Inn: 2-
Masquerade: 2+

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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