ROCK YOUR BRAIN FEST – Vive la France en Rock!

Was wollte dieses Jahr nach gefühlten Ewigkeiten von Pandemiebedingten Absagen jeder Rock-Fan unbedingt? Endlich wieder raus vor die Festivalbühnen, an lauen Sommerabenden die Lieblingsmusik mit Freunden genießen! Einfach mal wieder richtig abrocken. Da ist die Devise "Rock Your Brain" Programm. Überall. Aber besonders beim gleichnamigen zweitägigen Festival am Oberrhein im französischen Séléstat. Aus logistischen Gründen konnten wir nur am Sonntag teilnehmen und konzentrierten uns bei glühender Hitze auf die hochkarätig besetzte, internationale Mainstage.

In der prallen Nachmittagssonne suchten zunächst die meisten der rund 300 Rock-Fans vergeblich irgendwo ein Schattenplätzchen zum Auftritt der wunderbaren Schweizer Folk-Progger Cellar Darling. Nur das kleine Häuschen mit der Technik und einige abgespannte Zeltplanen boten zwei Handvoll Festivalbesuchern etwas Schutz vor der brennenden Sonne. Der Rest war dankbar für den Gartenschlauch, mit dem die Security im Fotograben ein wenig kühles Nass in die Menge spritzte. Cellar Darlings Auftritt war wie immer musikalisch souverän und die Reaktionen des Publikums gemessen an den deutlich über 30 Grad im Schatten euphorisch. Frontfrau Anna Murphy führte „ihre“ Band mit klagendem Gesang, Keyboard, Drehleier und Querflöte sympathisch-professionell durchs Programm und bedankte sich in besonderem Maße für die „hitzebeständigen“ Fans. Manch einer hätte sich zu der Uhrzeit vermutlich etwas leichter verdauliche Kost gewünscht. Die eher anspruchsvoll-proggigen Klänge hätte man nach dem Untergang der Sonne möglicherweise mehr genießen können. Nach einer knappen Stunde bedankte sich Murphy nochmals mit der Bemerkung, daß dies der heißeste Auftritt ihrer bisherigen Musikerlaufbahn gewesen sei.

Nach einer Umbaupause sorgten die schwer tätowierten, australischen Deez Nuts bei großem Jubel für die nächsten schweißtreibenden Aktivitäten vor der Bühne. Irgendwie scheint der Rap-Metal ein wenig aus der Zeit gefallen, liegen die glorreichen Zeiten des Genres auch schon deutlich über 20 Jahre zurück. Andererseits macht das Quartett aus Melbourne alle Zweifel durch die schrille Hardcore-Attitüde mehr als wett, so daß die Fangemeinde auf dem Grün des Tanzmatten-Geländes merklich anwächst. Dennoch: Sehr viele Rockmusikfreunde suchen Schutz im Schatten der Bäume am Rande des Geländes. Ebenso gibt es lange Schlangen an den Trinkwasserstellen, an denen man gratis seine Becher und Flaschen auffüllen kann. Ebenfalls beliebt ist der Torbogen, der mit zerstäubtem Wasser für einen kühlenden Nebel sorgt.

Jinjer sind in den letzten Jahren zu einer der beachtetsten, aufsteigenden Bands des Genres geworden. Mit ihrem vor einem knappen Jahr veröffentlichten, aktuellen Album „Wallflower“ schaffte man es mit dem anspruchsvollen Mix aus Metalcore, Djent, Groove-Metal und Death-Metal erstmals in die deutschen Top-10-Album-Charts. Natürlich thematisierte Frontfrau Tatjana Shmailyuk mehrmals den Krieg in ihrem Heimatland mit deutlichen Worten und widmete einen der wütend-energiegeladenen Songs den kämpfenden ukrainischen Soldaten an der Front. Wer die Energie der Band und vor allem der zierlichen, hübschen Frontfrau noch nicht live erlebt hat, hat etwas verpasst! Es ist immer wieder unglaublich, welche derben Growls und Screams Shmailyuk ins Mikrofon bläst. Daß sie es bei sengender Hitze genauso tut, ist umso mitreißender. Doch auch die Herren an Gitarre, Schlagzeug und Bass verstehen ihr Handwerk. Bei Jinjer ist nicht nur Power, sondern auch Fingerfertigkeit und jede Menge unkonventionelle Takt- und Rhythmusarten garantiert. Definitiv ein weiteres Highlight des Festivals.

Um 19.45 Uhr betraten The Sisters of Mercy die Bühne. „Gibt’s die noch?“, war die häufigste Frage älterer Semester, die die Band noch aus ihren Jugendtagen in den späten 80ern und frühen 90ern kennen. Zu dieser Zeit hatte die englische New-Wave-Gruppe mit „Temple of Love“ und „More“ ihren Höhepunkt. Neben Depeche Mode dürfte sie eine der prägendsten Band Genres gewesen sein, auch wenn sie nie deren Erfolg erreichte. Dennoch darf die berechtigte Frage gestellt werden, ob Bands wie Paradise Lost, Type o Negative oder Moonspell jemals ohne die prägenden New Wave Bands entstanden wären. Wohl kaum. Mit den treibenden, tanzbaren Drum-Computer-Beats, den Synthies und der tiefen Stimme von Frontmann Andrew Eldritch machte sich tatsächlich jede Menge gute Laune breit: Zahlreiche ältere Semester konnten den Bewegungsdrang in den Beinen nicht zügeln. Eine nostalgische Reise in die eigene Musikalische Vergangenheit ist immer noch eines der emotionalsten Dinge, die es gibt. Der Sound war sehr gelungen, was man allerdings vom Auftreten des Frontmanns nicht behaupten konnte. Mr. Eldritch machte mit mehreren zynischen Bemerkungen keinen Hehl daraus, daß er von der Größe des Publikums enttäuscht war. Sehr schade, denn die unangebrachte Rockstar-Arroganz trübte den eigentlich gelungenen Auftritt doch deutlich.

Dann war es nach einer weiteren Umbaupause Zeit für das potentielle Highlight des Tages. Gemessen an der T-Shirt-Dichte war offensichtlich, daß Powerwolf die am meisten erwartete Band beim Rock Your Brain war. Nur „Hellfest“ T-Shirts wurden auf dem Gelände noch mehr gesichtet. Powerwolf dürften als die Speerspitze der jüngeren, deutschen Power-Metal-Bands gelten. 8 Studioalben in 15 Jahren, zahlreiche Nummer-1-Charts-Platzierungen und europäische Tourneen sprechen eine deutliche Sprache. Egal ob man die Gruselwölfe mit Pathos nun mag oder nicht, die fünf Herren verstehen ihr Handwerk und wissen, eine gelungene Show abzuliefern und super-eingängige, melodiöse Songs zu schreiben. Frontmann Attila Dorns Charisma, Keyboarder Falk Maria Schlegels begeisterndes Herumrennen und die grimmigen Gesten zwischendurch haben nur einen Zweck: Das Publikum mitzureißen und nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Da wird die Zuschauerschar in zwei Hälften geteilt, die sich dann in einem „Huh!“-Lautstärke-Wettbewerb messen darf. Immer wieder wird zum Mitsingen aufgefordert und das französische Publikum vom klassisch ausgebildeten Sänger explizit gelobt.

Ein besonderer Höhepunkt war das Live-Debüt von „Bête du Gévaudan“, – auf Französisch vorgetragen. Natürlich kann sich eine Band aus „Werwölfen“ nicht die Sage einer Wolfsbestie, die u.a. auch im Film „Pakt der Wölfe“ verfilmt wurde, entgehen lassen. Die Begeisterung der französischen Fans war grenzenlos. Egal ob „Demons Are A Girls Best Friends“, „We Drink Your Blood“, „Amen & Attack“ oder „Dancing With The Dead“: Zu Powerwolf wurde bei Feuer und Nebel durchgehend geklatscht, gesungen, gefeiert und getanzt. Die fünf Herren aus Saarbrücken waren die ungeschlagenen Bühnenhelden des Tages und hatten das Publikum jede Sekunde ihrer Show voll in der Hand!

Und wie bekommt man eine solche adrenalingetränkte, aufgepeitschte Metal-Fangemeinde am besten wieder auf den Boden? Na, mit den ätherischen Klängen der Ambient-Dark-Folker Wardruna! Metal ist das nicht, nicht mal Rock. Was nicht bedeutet, daß die sechsköpfige, norwegische Gruppe um Frontmann Eivar „Kvitrafn“ Selvik nicht äußerst faszinierend, ja sogar beeindruckend ist. Mit Gesang, der im Vordergrund steht, und jeder Menge skandinavischer Folklore-Instrumente wie Lyra, Handtrommeln, Bockhorn oder Flöten, zelebrierten Wardruna ihre ganz eigene „Show“. Licht und Schatten spielen bei der optischen Präsentation die prominenteste und zugleich emotionalste Komponente, beinahe einem Schattentheater scheint man beizuwohnen. Die Stimmung ist still, fast andächtig und wunderschön. Wenn auch inhaltlich völlig anders, ist die Bühnenproduktion in sich genauso stimmig und rund wie der Auftritt von Powerwolf. Und auch wenn Selvik scheinbar auch spirituell dem Neopaganismus nahesteht, kann man sich auch hier fragen, wie ernst das „Ritual“ tatsächlich gemeint ist. Dem Spaß und Genuss tut das keinen Abbruch – auch wenn die Zuschauer wellenweise noch während des Auftritts vom Festivalgelände strömen. Es war ein langer, heißer, erschöpfender Tag mit einem mehr als passenden Abschluss mit Wardruna. Auf einem sehr sympathischen, mittelgroßen Festival.

Text und Fotos: Daniel Frick

Foto Luftaufnahme: Copyright Theo Rohmer

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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