Devin Townsend – Geschlechtsteile unspezifizierter Herkunft

Die einzige Clubshow als Headliner, die der Kanadier Devin Townsend in Deutschland während seiner aktuellen Festivaltour gab, war im schönen Saarbrücken - ihr wisst, da, wo Die Ärzte gerne mal wären. Ob das Zufall oder ein grobes Versäumnis ist, daß Devin selbst noch keinen Song über Madonnas Dickdarm verfasst hat, steht ab sofort offen zur Debatte.

Devin Townsend ist einer der wenigen Musiker, die wirklich ALLES dürfen. Von extremem Industrial-Metal (die Strapping Young Lad-Scheiben sind heute noch Lehrstunden in Sachen hochkomplexer Lärm) über poppige Klänge, Prog-Metal, Punk, Rockopern, Ambient und New Age bis hin zu Country- und Folk-Anleihen hat Devin bereits so ziemlich alles ausprobiert, was ihm in die Finger kam. Am Beachtlichsten dabei ist aber definitiv, daß Devin bei alledem ganz klar seine ureigene Handschrift erkennen läßt. Dazu gehört auch sein schräger, gerne jenseits aller Geschmacksgrenzen angesiedelter Humor, den er immer in den unerwartetsten Momenten durchblicken lässt.

Relativ harmlos ist dabei noch, daß Devin zum Konzertbeginn mit dem Fahrrad auf die Bühne Einzug hält wie einst Rob Halford auf der Harley. Noch vor dem ersten Song entschuldigt er sich dafür, eine Halsentzündung zu haben. Auch wenn er beim nachfolgenden ‚Rejoice!‘ von „Sky Blue“-Album ein paar Screams durch clean gesungene Passagen ersetzt, kann das der Begeisterung der ca. 350 Anwesenden keinen Abbruch tun.

„Wenn Ihr Euch jetzt schon blöd vorkommt beim Mitklatschen, dann wartet nur ab, was ich mir zum Ende für Euch aufhebe!“

droht er. Ja, und in der Tat, Devins amüsante und sympathische Ansagen, die schon einmal in philosophische Diskurse ausarten können, sind das Salz in der Suppe und sorgen auch dann für Unterhaltungswert, wenn das Set, wie auf der aktuellen Tour, eher den melancholischen und progressiven Songs im Townsend-Kanon zugeneigt ist.

Die insgesamt nur drei Songs vom aktuellen „Transcendence“-Album, die dargeboten werden, erweisen sich auch in der Livesituation als recht sperrig. Zwar werden auch ‚Stormbending‘ und ‚Failure‘ durchaus höflich aufgenommen, doch so richtig Bewegung kommt erst wieder in die Meute, als mit ‚Hyperdrive‘ einer der Höhepunkte des „Ziltoid The Omniscient“-Albums ausgepackt wird. Passend zur Ballade ‚Where We Belong‘ gibt es ein paar Überlegungen zum Thema Geschlechtsteile – zu was auch sonst. Schließlich, so argumentiert Devin, sei es doch seltsam, daß das Wort „Pussy“ für Schwäche stehe und „Balls“ für Härte und Aggressivität, wo doch die Besitzer von „Balls“ wehrlos winselnd zusammenbrächen, wenn man besagte „Balls“ auch nur etwas ungeschickt berühre.

„Also, feiern wir zusammen den nächsten Song wie Geschlechtsteile unspezifizierter Herkunft“

, so die Schlußfolgerung des kanadischen Ein-Mann-Debattierclubs.

Das wunderbare, Gänsehaut erzeugende ‚Deadhead‘ widmet er seiner Frau, der er, sobald er wieder nach Hause kommt, „den Rasen mähen muss – und ja, das ist ein Euphemismus!“ Vielleicht, um sich bei seiner Tracy für den Scherz zu entschuldigen, sitzen hier dann auch trotz Halsschmerzen die ganz hohen Screams absolut treffsicher, und mit ‚Ziltoid Goes Home‘ darf sich dann auch Drum-Tier Ryan Van Poederooyen austoben. Leider leitet das nachfolgende ‚Supercrush‘ schon das Ende des Sets ein, der mit ‚March Of The Poozers‘ und dem unkaputtbaren ‚Kingdom‘ beschlossen wird. Als Zugaben gibt es ‚Ih-Ah!‘ in der Akustikversion, freilich nicht ohne eine Unterbrechung, weil Devin sich über seinen eigenen Witz amüsiert und das zehnminütige „Transcendence“-Epos ‚Higher‘. Kein schlechter Song, aber als Rausschmeißer doch etwas antiklimaktisch.

Wie oben erwähnt, ist Devin Townsends größte Stärke seine Variabilität, die sich bislang in über zwanzig Studioalben manifestiert hat. Das hat natürlich den Nachteil, daß die gerade mal 85 Minuten Spielzeit inklusive Zugaben einfach viel zu kurz sind. Deshalb sind am Ende des Konzertes nicht wenige Besucher durchaus enttäuscht, daß es das schon gewesen sein soll. Die Qualität stimmt immer, aber in Sachen Quantität hat das Devin Townsend Project im Vergleich zum Rest der Prog-Welt eindeutig noch Nachholbedarf.

Setlist Devin Townsend Project – Saarbrücken, 18.8.2017

Rejoice!
Night
Stormbending
Failure
Hyperdrive
Where We Belong
Deadhead
Ziltoid Goes Home
Supercrush!
March of the Poozers
Kingdom

Ih-Ah!
Higher

Profilfoto: Michael Buch /BlueCobalt.de

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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