Dragonforce

Reaching Into Infinity

  • Artist: Dragonforce
  • Album: Reaching Into Infinity
  • Label: earMUSIC
  • Release: 2017-05-19
  • Medium:
  • Bewertung:2+

Mann, Mann, Mann. Ich glaub‘, so langsam werde ich zu alt für diesen Scheiß. Entweder setzt bei mir die Altersmilde ein, oder ich verliere so langsam einfach meinen bislang unfehlbar guten Musikgeschmack. Was vor einem Jahr noch unvorstellbar gewesen wäre, ist nun passiert: ich finde ein Drachenfurz-Album gar nicht mal so wirklich und komplett Scheiße.

Dabei haben alle Kritiker – und somit ich bis vor ein paar Tagen – natürlich absolut Recht. Mit Allem! Das klingt nämlich alles furchtbar cheesy, Abwechslung ist aufgrund des permaneten Highspeed-Gerödels kaum vorhanden, die Keys klingen nach Scooter, die Gitarrenharmonien nach dem Naabtal-Duo – und, ganz generell, die Super Mario-Gitarren sind ja wohl nur pure Selbstdarstellung. Und, überhaupt, sollte Metal nicht einen gewissen Grad an Rebellion und Dreck, ja Aggression transportieren? Darf man Deaths Abrißbirne ‚Evil Dead‘ als spaßige Power Metal-Hymne covern?

Und hier liegt der Hund begraben. „Reaching Into Infinity“ antwortet nämlich auf all diese Fragen und Vorwürfe mit einem „mir doch egal“-Grinsen und einem fetten Stinkefinger, der schlicht und einfach mindestens bewundernswert ist, vielleicht sogar, schluck, sympathisch. Dragonforce sind offenbar an dem Punkt angekommen, an dem sie gnadenlos einfach ihren Stiefel durchziehen, ohne irgendwelche Kompromisse einzugehen. Ob typische Singalongs wie ‚Astral Empire‘, ‚Midnight Madness‘ oder das epische ‚The Edge Of The World‘, bei dem auch wieder die Deathgrunts – im Gegensatz zum Großteil der Konkurrenz höchst effektiv und glaubwürdig – eingesetzt werden, so richtig kann man, außer in Geschmacksfragen, auch kompositorisch nix meckern. Und wenn im Finale von ‚Judgement Day‘ ganz explizit dem Hammerfall-Debüt „Glory To The Brave“ Tribut gezollt wird, dann kommt das nicht aufgesetzt, sondern als eine sympathische Verbeugung vor einer Band und einem Album, ohne die das Genre heute genauso tot wäre wie es im Jahr vor seiner Veröffentlichung war. Mit ‚WAR!‘ begeben sich Dragonforce sogar in schwer ziltoide Gefilde – ja, das erinnert tatsächlich deutlich an die Space-Opern von Kollege Devin Townsend. Sänger Marc Hudson beweist dabei auch, daß er nicht nur in höchsten Tönen jubilieren kann, sondern auch als Thrash-Sänger eine extrem gute Figur machen würde. Mehr davon, bitte!

Und, ja, das Cover von ‚Evil Dead’… orthodoxe Alte Schule-Death-Metaller kotzen natürlich schon beim Michael Kiske-Gedächtnis-„AAAAAAAAAAAHHHHHHHHH“ zum Einstieg, und die Nintendo-Pomp-Keyboards geben ihm dann den Rest. Aber a. passt der Song einfach zum Album und zu Dragonforce wie der Papa in die Mama, und b. wirkt das als Tribut ehrlicher und sympathischer als die Legionen von Schuldiner-Epigonen, die einfach nur seine Riffs klauen. Man stelle sich als Altmetaller einfach vor, das Töchterchen schleppe einem mit zum Katy Perry-Konzert, und als Zugabe gäbe es ‚Princess Of The Night’… Mir gefällt’s – vor allem auch, weil Marc Hudson wieder in seiner Thrash-Tonlage singt. Kann der das nicht immer machen?

So ist es nun also passiert. Ein Dragonforce-Album, das ich nicht explizit Scheiße finde. Im Gegenteil. Eigentlich finde ich „Reaching Into Infinity“ sogar ziemlich, räusper, gut. Auch wenn’s mir schwerfällt… macht Spaß, die Scheibe, und nicht zu knapp. Wer weiß, vielleicht kommt ja Frau Perry auf dem nächsten Album auch endlich mit ’nem Saxon-Cover…

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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