Nena

Oldschool

Es mag ja Menschen geben, die der Meinung sind, dass Nenas Tage vergangen seien – doch niemand wird der NDW-Ikone ihre Bedeutung in den 1980er Jahren absprechen wollen und niemand wird die Rolle der Eurodance-Queen in den Neunzigern anzweifeln. Enorme Umsätze mit Plattenverkäufen, ausverkaufte Konzerthallen, neunundneunzig Luftballons. Die Frau schaffte nicht zu relativierende Fakten, und auch wem die Musik nicht gefällt muss einleuchten, dass Nena eine wichtige Rolle in der Geschichte der deutschen Popmusik eingenommen hat.

Jetzt, in den ’10er Jahren mag die Welt sich geändert haben. Eurodance und Trance sind out, Untergrund ist angesagt. Psytrance-Parties in heruntergekommenen Heizkraftwerken und Indie-Rock Bands in angesagten Szene-Kaschemmen, eine individueller als die andere, lösen Blümchen und die Spice Girls ab, der Tresor ist wieder hip. Wo bleibt Nena in dieser Zeit?

Musikalisch schmeißt sie sich in ein Mischmasch aus Hip Hop, Elektro-Pop und seichtem Brit-Rock. Ein von Samy Deluxe produzierter Mix des populären Mainstreams, an dessen Popularität der aufsteigende musikalische Individualismus kreativer Kreuzberger nagt. Ob das eine zukunftsfähige Mischung ist, bleibt fraglich, auch wenn Nenas Gesangsstimme unverkennbar für einen Wiedererkennungswert sorgt.

Viel interessanter ist jedoch die Tatsache, dass das gesamte Album eine einzige Selbstdarstellung ist, eine Rechtfertigung der Sängerin, noch nicht Wollpullover häkelnd im Schaukelstuhl zu sitzen.

‚Ich bin so oldschool, ja / Das kannst du mir glauben / Doch das, was ich hier hab / Wird dir deinen Atem rauben / So oldschool! So, so cool! / N E N A !‘

ist die Quintessenz des ersten Titels. Ginge man jetzt vor wie damals im Deutsch-Unterricht, fragte man sich: Was will die Autorin uns damit sagen? Dass sie ‚oldschool‘ ist? Ziemlich, vermutlich. Als nächstes dann ‚Lieder Von Früher‘:

‚Denn wir singen hier die ganze Nacht / Unsere Lieblingslieder / Lieder von früher‘

. Das muss dann wohl mit diesem ‚oldschool‘ zu tun haben. Das heißt der dritte Track ist ‚Neunundneunzig Luftballons‘? Nein, er heißt ‚Genau Jetzt‘:

‚Manchmal sind zwei eins / Und manchmal sind zwei zwei / Manchmal heißt es Hallo / Und manchmal heißt es Bye bye‘

. Man hat von Nena schon Lyrischeres gehört – doch die Krone setzt sich die Drama-Queen auf diesem Album mit dem Titel ‚Berufsjugendlich‘ auf:

‚Darf ich nie wieder in die Disko gehn? / Bin ich zu gut drauf, hä, ist das ein Problem? / Bin ich alt geworden, bin ich jung geblieben? / Ich mach‘ Musik, das ist der Unterschied / Ich glaub, ich bin nicht normal!‘

Fühlt sich da jemand persönlich angegriffen? Und wenn ja, von wem? Fragen über Fragen. Erst oldschool und von früher, dann auf einmal berufsjugendlich. Diese Frau scheint mit sich selbst nicht ganz im Reinen zu sein. Und das ist schade, denn bei allem Mainstream hat Nena schon wesentlich rundere Alben veröffentlicht. Mit Songs, die selbst den truesten Metaller irgenwie berühren. Schade eigentlich.

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