Man Without Country

Maximum Entropy

Eines gleich vorweg: In gesanglicher Hinsicht kann ‚Maximum Entropy‘ keine erheblichen Duftmarken setzen. Die Scheu vorm Pop ist zu absent, die Glattheit und Konformität der Vocals lässt ebendiese bei der Beurteilung des Sounds der Band aus Südwales in den Hintergrund treten. Macht aber nichts, denn Man Without Country heben tiefe Gräben aus, um ihre voluminösen Elektronik-Arrangements platzgerecht unterzubringen. Oder begeben sich mit den Dingern gleich in die Stratosphäre.

Das Album birgt dick aufgetragene Ölgemälde (tatsächlich und zu Recht heißt da ein Song ‚Oil Spill‘!) von Stücken, die sich über ihre poppigen Referenzen im Lebenslauf zu profilieren suchen. Das mag Ryan James und Tomas Greenhalf zu so etwas wie – bitte nicht hauen! – den welt- und farboffeneren The Birthday Massacre machen. Zuvorderst jedoch werden sie dadurch zu interessanteren Künstlern. Der grimmig-treibende Remix, den sie von Interpols ‚My Desire‘ anfertigten, hat übrigens wenig mit dem zu tun, was das Duo auf seinen amtlichen Tonträgern veranstaltet. Dort haben sie es sich gemütlicher, polstriger eingerichtet und bittersüßes Räucherwerk angesteckt.

Spacig verhallende Melodien schweben durch überdimensionale, plüschige Synthesizersizerwolken, zerstäuben sich dann mit Einsetzen von Gesang und/oder Refrain zu elektronischem Glitterfunkenregen. Ob den Pet Shop Boys da einer abgeht? Möglich! Hin und wieder säuft die tragende Wolkendecke ab in tief blubbernde Frequenzbereiche; die herzhaften Beats treiben dunkel grundierte Kulissen über das innere Sichtfeld. Darüber liegt ein friedlicherer Kill Hannah-Singsang, der schüchtern die Pfoten von alledem lässt, die raumgreifende Soundzuckerwatte nicht anrührt.

Letztere baut ohnehin von selbst ab. Die zweite Albumhälfte nämlich haben Man Without Country nocht unerheblich entrümpelt. Freie Sicht auf ebenere, reduziertere Arrangements wie den treffend betitelten Drone-Track namens ‚Incubation‘, der sich als die offizielle Ursuppe zum Album zu erkennen gibt und und weite Teile seines unheilvollen, winddurchwehten Nachfolgers ‚Deliver Us From Evil‘ gleich mit verpestet. Musiziert da etwa der Teufel auf der Schulter mit?

Die beiden Klangarchitekten verzichten darauf, ihre im Übrigen glukosigen Landschaften in Brand zu stecken oder sonstwie ins avantgardistische Chaos zu stürzen. Obschon die Substanz vorhanden wäre. Stattdessen zieht man es vor, die Abweichungen letztgenannter Stücke ohne viel Aufhebens in den Albumverlauf zu integrieren und überschüssige Energien in einem Cover des – kein Witz! – The Beloved-Hits ‚Sweet Harmony‘ aufgehen zu lassen – eine lasche Afterparty, die nun wirklich nicht nötig gewesen wäre. Auch nicht für die ins Auge gefasste „new generation of clubbers“ (Gibt es die? Wer sind sie?). Hier ist Wegdenken angesagt, was aber angesichts der irgendwie noch immer schwadenweise umhergeisternden übrigen Tracks ein Leichtes sein wird. Ergo: Gut gedampft, Kessel! Was aber nun Entropie bedeutet, sollte besser jemand erklären, der sich wirklich damit auskennt.

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