LONG DISTANCE CALLING – Atmosphäre im Münchener Kältezelt

München. 6 Grad. Regen. Die Frisur sitzt! Nicht mehr! Sie befindet sich unter einer Mütze. Um in diesen Zeiten überhaupt Konzerte stattfinden lassen zu können, gibt es verschiedene Ideen und Möglichkeiten. Das Backstage in München hat sich für ein an den Seiten offenes Zelt entschieden. Dies schützt zwar vor der Nässe, aber die Kälte eines späten Septemberabends fährt ordentlich in die Knochen. Es kommt fast schon ein wenig Schlecht-Wetter-Festivalfeeling auf. Aufgrund der Beschränkung, an Bierbänken sitzen zu müssen, gab es jedoch leider keine Möglichkeit sich durch körperliche Bewegung aufzuwärmen. Immerhin wurden durch die Bedingungen die Getränke nicht warm. Der Veranstalter hätte wohl mit dem Ausschank von vorweihnachtlichem Glühwein ein Vermögen machen können.

Für Long Distance Calling ist es nichts Seltenes vor einem sitzenden Publikum aufzutreten. 2019 gingen sie auf ihre „Seats & Sounds“-Tour. Während dieser spielten sie an ungewöhnlichen, jedoch besonders stimmungsvolle Konzert-Locations, in denen es keine Stehplätze gab. Zur instrumentalen und atmosphärischen Musik der Münsteraner passt dies hervorragend. Deswegen sollte diesen Herbst eigentlich der zweite Teil der Tour erfolgen. Pandemiebedingt ist er auf nächstes Jahr verschoben worden. Aber ein offenes Zelt mit Bierbänken ist in gewisser Weise ja auch eine Location der etwas anderen Art. Außerdem können alle froh sein, dass es endlich wieder möglich ist, Livemusik zu bieten.

Punkt 20 Uhr geht es los. Als Intro fungiert „Curiosity (Part 1)“ vom aktuellen Album „How Do We Want To Live?“. Dann knallt es: Bumm, Tschack, Bumm, Tschack, Bumm Tschack….Gänsehaut! Es ist schon erstaunlich, welche Emotionen ein einfacher Schlagzeugeinsatz nach langer Konzertabstinenz freisetzen kann.

Nach drei Stücken bringt die Band mit ihrer ersten Ansage schließlich die Bedingungen auf den Punkt: „Guten Abend München! Scheiße, ist das kalt hier!“ Dementsprechend ist nicht nur das Publikum, sondern ebenso die Band dick angezogen.

Die Musik von Long Distance Calling lässt aber all die Umstände vergessen machen. Der Schwerpunkt der Tracklist liegt dabei auf dem aktuellen Album. Sieben von zehn Songs des Longplayers werden dargeboten. Mit seiner dystopischen Ausrichtung passen dessen Lieder wie die Faust aufs Auge in die aktuelle Pandemie-Zeit.

Die neuen Stücke fügen sich dazu wunderbar in das musikalische Gerüst der Band ein. Denn natürlich werden genauso Bandklassiker wie „Black Paper Planes“ oder „Arecibo (Long Distance Calling)“ zum Besten gegeben. Zu den Hits lassen sich bereits jetzt auch schon Tracks aus dem noch halbwegs frischen Werk „Boundless“ aus dem Jahr 2018 zählen. Vor „Out There“ erzählt die Band, dass sie sehr stolz auf das Lied sei. Den Resonanz des Publikums nach zu urteilen, kann sie das auch. Es ist einer der Stimmungshöhepunkte!

Nicht nur hierbei, sondern während der gesamten 14 Songs ist das Publikum begeistert. Ungewöhnlich beliebt sind die wenigen Stellen, in denen zum Mitklatschen aufgefordert wird. Vermutlich weil es die einzige Möglichkeit ist, sich körperlich aufzuwärmen. Aber auch sonst kann den Reaktionen, die von konzentriertem Zuhören bis zu beständigem Kopfnicken im Takt reichen, abgelesen werden, dass die Band ihre Zuhörer trotz der Sitzplätze voll erreicht. Dazu gehörte, dass Long Distance Calling äußerst sparsam mit Ansagen umgehen. Sie lassen lieber ihre Musik und ihre deutlich bemerkbare Spielfreude sprechen. Es ist genau die richtige Entscheidung, um gekonnt eine Atmosphäre aufzubauen, die die Zuschauer in ihren Bann zog. Einen Teil trägt dazu die Lichtshow bei, die zwar nicht so spektakulär wie auf regulären Hallentouren, jedoch bewusst pointiert und passend eingesetzt wird. Überraschend daran ist, dass die Band fast nie von vorne beleuchtet, sondern als Effekt nur von hinten angestrahlt wird.

Nach rund 100 Minuten endet das Konzert mit der Zugabe „Metulsky Curse Revisited“. Es ist ein äußerst gelungener Abend, der gezeigt hat, dass Konzerte und Musik unter erschwerten Bedingungen ihre Magie entfalten können. Ganz besonders dürften sich am Ende auch diejenigen gefreut haben, die auf dem Heimweg das Glück einer Sitzheizung genießen durften.

Fotos: André Schnittker

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Dominik

Groß geworden mit Punkrock und Power-Metal, weiterentwickelt mit Alternative und Thrash-Metal, erwachsen geworden mit ein bisschen Progressive-Metal. Und dennoch bleiben die All-Time-Favorites klassisch: Bad Religion, Die Toten Hosen, Machine Head, Iron Maiden, Blind Guardian, Faith No More.... und aus unerfindlichen Gründen mit einer heimlichen Zuneigung zu J.B.O. 

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