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Legacy

Myrath sind fünf tunesische Metal-Prinzen aus 1001 Nacht. Die Gruppe, die mit „Legacy“ ihr viertes Studioalbum veröffentlicht und nun auch endlich auf einem ordentlichen Label gelandet ist, geistert schon seit 2001 als Progressive-Metal-Fata-Morgana durch die Prog-Wüste. Erst ab zirka 2010, nach sehr guten Kritiken in der internationalen Metal-Presse für ihr Zweitwerk „Desert Call“ tauchte die exotische Band auf dem Radar einer wachsenden Zahl von Metalfreunden auf. Auf Touren mit den Oriental-Metal-Brüdern Orphaned Land und Dream Theater sowie auf den ProgPower Festivals in Europa und den USA erspielte sich die dynamische Live-Band eine stetig grösser werdende Fangemeinde. Den vorläufigen Höhepunkt stellte das exzellente Album Nummer Drei von 2010, „Tales of the Sand“ dar. Ende 2015 lancierten die Tunesier einer erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne zur Produktion eines aufwändigen Musikvideos im Stil des Hollywood-Blockbusters „Prince of Persia“, für das die Fangemeinde unter anderem mit dem selbstproduzierten neuen Album belohnt wurde. Im Februar und März diesen Jahres stellte man das neue Album als Support der grossen Vorbilder Symphony X den europäischen Fans vor und stahl nach Meinung nicht weniger dem Headliner die Show.

Das verwundert nicht. Die noch jungen Musiker (Gitarrist Marek Ben Aliba gründete die Band 2001 mit 13 Jahren) bringen die richtige Mischung aus Talent, Ehrgeiz, musikalischer Klasse und authentisch-melodischen Kompositionen mit. Mit den Jahren ist jetzt noch Erfahrung dazu gekommen. Keyboarder Elyes Bouchoucha ist studierter Pianist und liefert geschmackvolle Background-Vocals, Drummer Morgan Berthet ist vor allem live eine wahre Macht mit Rhythmusgefühl und viel Power! Letztlich verleiht jedoch Frontmann und Sänger Zaher Zorgati dem Album und der Band das entscheidende Quentchen Würze. Nicht mit exotischen Gewürzen, sondern im übertragenen Sinne mit seinem beachtlichen Stimmumfang, der sowohl den typisch arabisch-orientalischen Gesang als auch den des klassischen Metal schlafwandlerisch umfasst und so sehr viel zur Ausstrahlung der Band beiträgt.

Der bombastische Opener ‚Believer‘ (der mit dem erwähnten Fantasy-Video) haut gleich den grossartigsten Refrain des Albums raus, der einem tagelang im Ohr liegt. Die meisten Songs wie beispielsweise die melancholische Ballade ‚Nobody’s Lives‘ kombinieren orientalische Streich- und Perkussionsinstrumente auf eine Art, die beweist, dass die Musik von Myrath durchaus auch (bauch)tanzbar wäre. Da kämen dann endlich auch mal die Metalheads mit kurzen Haaren aber Bierbauch zum Einsatz! Keyboard- und Gitarrensoli gibt’s natürlich ebenfalls, diese drängen sich aber nie in den Vordergrund, sondern stellen sich in den Dienst des Gesamtbildes. Zum Beispiel zur wundervollen Unterstützung der orientalischen Streicher bei ‚Duat‘ oder der symphonischen Ballade ‚Endure the Silence‘.

Diese Band, dieses Album ist perfekt für denjenigen, dem bei den israelischen „Cousins“ Orphaned Land schon immer der klassische Gesang aus dem Powermetal oder ein Hauch Pathos des symphonischen Metal fehlten. Denn genau diese Qualitäten vereinen Myrath mit einer ordentlichen Prise cinematischem Prog-Rock und natürlich ihrem orientalisch-kulturellen Erbe. Letztlich sollte das kristallklar produzierte Album aber jedem aufgeschlossenen Metal-Jünger gefallen. Auch der Vorgänger „Tales of the Sand“ ist übrigens eine uneingeschränkte Empfehlung wert!

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