Jürgen sagt: 2020? Augen zu, Kopfhörer auf und durch….

Ja, alle meckern über Corona und seine Folgen. Zu Hause sitzen, nichts unternehmen. Nun…. Was tun, wenn Deine Lieblingshobbys gutes Essen in Gourmetrestaurants, Kino und Musik sind? Konzerte auf Nimmerwiedersehen gestrichen, Kinos und Restaurants geschlossen. Wohl denen, deren Hobbies nicht von Ausgangssperren betroffen sind. Der Musikkonsum verlagerte sich also von außen nach innen. Zum Glück ist meine Musik besonders laut besonders gut – wie sonst sollte man die homeschoolingbedingt zuhause herumlärmenden Kinder übertönen? Also, Kopfhörer auf und voll aufdrehen.

Zum Glück hat zumindest die kreative Ader der meisten Künstler nicht gelitten – im Gegenteil. Das Jahr 2020 hat so dermaßen viele grandiose Alben gesehen, dass man sich zumindest was die Releasefreude angeht, wünscht, dass Corona nie zu Ende geht. Denn danach werden ausgiebigste Touren erfolgen, die alles aufholen werden, was in diesem Jahr verloren ging – vermutlich wird 2021/22 ein schwaches Release-Jahr. Umso mehr Grund, sich an den Releases des Jahres 2020 zu erfreuen.

Eine Top 10 zusammenzustellen ist schwierig. Üblicherweise ist das machbar, in diesem Jahr allerdings gibt es in zu vielen Genres zu viele gute Alben. Daher gibt es von mir jetzt erstmal ein Potpourri sortiert nach (groben) Genres.

NEOFOLK

Im Neofolk/Martial – Bereich war es halbwegs ruhig – außer an der obersten Spitze. Mit Ostara („Eclipse Of The West“), Rome („The Lone Furrow“) und Darkwood („Twilight Garden“) gab es drei überragende Alben – Ostara so wie immer, bloß eingängig; Darkwood aufgrund des hochgradigen Kitschfaktors noch dazu komplett in Englisch am Anfang etwas schwierig, aber sich immer weiter öffnend wie eine Blume der Nacht; und dann Rome, die mit „The Lone Furrow“ DAS Neofolk-Album des Jahres veröffentlicht haben. Viele Kooperationen mit bekannten und befreundeten Sängern von Primordial bis Behemoth machen das neueste Werk von Jerome Reuter zu einem Über-Album.

Dahinter sortieren sich 1920, Les Chasseurs de la Nuit, Arditi und Haus Arafna ein – die letzgenannten mit dem wohl 2020sten Album überhaupt, Selbstmordgedanken selbst für gut gelaunte Menschen inklusive.

BLACK METAL

Auch im Black Metal- Bereich gibt es eine Top 3 – vor einer ganzen Armada an Alben, die alle eher überdurchschnittlich als unterdurchschnittlich waren – was im Black Metal dann schon eine Seltenheit ist, da dort doch im Namen des Underground unglaublich viel Müll auf den Markt losgelassen wird. Halten wir uns an die Top 3 – die kommen von Uada („Djinn“), Dark Fortress („Spectres From The Old World“) und Yaotl Mictlan („Sagrada Terra Del Jaguar“). Dark Fortress und Uada haben beide ihre Musik verfeinert, etwas sperriger gestaltet, mehr Elemente integriert und die Komplexität erhöht, was beiden Bands gut zu Gesicht stand. Die dritten im Bunde – Yaotl Mictlan aus Utah – sind in Europa eher unbekannt, zeigen mit ihrem obskuren Black Metal, der musikalisch und lyrisch zu den alten Texten der Mayas zurückgeht, aber eine neue Seite, besonders aufgrund der in den alten Sprachen gehaltene Texte und den stellenweise seltsamen Instrumenten, die in einen eher Burzum-lastigen Sound verpackt werden. Nicht nur in puncto Originalität das beste Black Metal – Album des Jahres.

Auf den zu erwähnenden Plätzen landen Audn und Fortid.

VIKING METAL

Auch die Spaßfraktion konnte 2020 punkten – wenn auch eher als Gegenpol zu einer verrückten Welt. Finntroll („Vredesvävd“) , Ensiferum („Thalassic“) und Hulkoff („Pansarfolk“) sind hier die drei Alben der Wahl. Finntroll wie immer, Ensiferum mit einem Langboot voll mit übelsten Ohrwürmern. Den Odinsraben abgeschossen haben aber Hulkoff, die bei „Hildisvin“ die wohl Häwwi Meddel-mäßigsten Heavy Metal-Lyrics aller Zeiten anbieten. So würde es wohl klingen, wenn Sabaton Rammstein bei einer Midsommar-Feier vergewaltigen. Humppa mit Panzern. Beispiel gefällig?

By The Spear of Odin and The Hammer Of Thor

I wallow in Guts, I root in the Gore

We are The War Pigs , the Hogs Of War

We are The Swine Cult, we worship The Boar

The Hogs of War cometh, woe to the fray

we bring the havoc, we smite and we slay.

Neben „Hildisvin“ sind auch „Ride Hard“ und „Lone Wolf“ DIE Rausschmeißer 2020 und zaubern selbst in den dunkelsten Stunden ein Blut & Met-geschwängertes Grinsen aufs Gesicht.

DEATH & THRASH METAL

Wie jedes Jahr gibt es auch genügend oldschoolig auf die Fresse – sowohl im Death Metal-Bereich als auch im sonstigen Metal. Death Metal hatte einige lichte Momente im Jahr 2020, hinkte dem Black Metal aber in puncto Qualität schon etwas hinterher. Die Top 3 Alben jedenfalls kommen von Crafting The Conspiracy („The Cosmic Key II“), Benediction („Scriptures“) und Insidious Disease („After Death“). Als Erster über die Ziellinie gehen hier Benediction, die auf „Scritpures“ mit ihrem messerscharfen Riffing zeigen, wie zeitlos Death Metal sein kann.

Auch hier gab es einiges an Masse, aus der noch Necrot, Undeath und Frozen Soul herausragten.

Beim härteren Metal ohne Grunts und Growls gab es zwei Alben, die alle andereren überragten – Testament („Titans Of Creation“) und Killer Be Killed („Reluctant Hero“). Zu beiden Alben muß man wenig sagen außer eben: überragend.

DOOM/GOTHIC METAL

In einem Jahr wie 2020 kommt der Doom nicht zu kurz – im Gegenteil. Der einzig wahre Soundtrack zu einem Jahr wie diesem ist düster, traurig, melancholisch und bösartig. Dementsprechend waren die Alben auch auf hohem Niveau in überdurchschnittlich hoher Zahl vorhanden. Dunwich , Solstafir, Kvelertak, Paradise Lost, Secrets Of The Moon, Ulver, En Minor, Katatonia. Die letztgenannten haben mit „Dead Air“ eines der wichtigsten Alben des Jahres veröffentlicht – ein Genre, das es so wohl nur 2020 und vielleicht 2021 gab und geben wird – das Live-Album ohne Publikum. Mehrere Bands haben ein solches veröffentlicht, das von Katatonia ist schlichtweg faszinierend. Das Über-Album des Jahres kommt mit „Obsidian“ aber von Paradise Lost. Die Briten haben es 2020 geschafft, das mit beste Album in ihrer langen Karriere zu veröffentlichen, die voll mit Meilensteilen, Klassikern und legendären Songs ist.

Gothic (Metal) gab es auch, aber die Vogelnester-im-Haar-Szene scheint langsam aber sicher auszusterben. Gerade in einem Jahr wie 2020 hätte man erwarten können, dass es analog zum Black- oder Doom Metal Dutzende Bands gibt, die ihre Düsternis verarbeiten – aber nichts. Mono Inc. sind die legitimen Nachfolger von Unheilig und machen mit dem grandiosen Gesang immer Punkte, aber auch dieses Album ist eher reißbrettartig gestrickt. Lediglich Anna Varney hält mit Sopor Aeternus die Fahne des grandiosen Goth hoch und hatte noch vor der Pandemie mit „Island Of The Dead“ ein wie immer grandios düsteres Werk am Start. Wäre Eric Claytons „A Thousand Scars“ etwas abwechslungsreicher, hätte er vermutlich auch in die Top 20 Eingang gefunden. (Und ja, man kann Eric Clayton und Nergal gemeinsam in eine Liste sperren!)

PROG METAL & DER REST

Viel Zeit, viel Gitarre. Die frickelige Fraktion hat definitiv gestrahlt. Enslaved („Utgard“), Psychotic Waltz („The God-Shaped Void“) und Fates Warning („Long Day Good Night“) wären in jedem anderen Jahr mit ihren Alben ganz oben an der Spitze – heuer streitet man sich mit dutzenden anderen Releases. Alle drei Alben sind von absolut herausragender Qualität und für jeden Fan anspruchsvoller Klänge ein absoluter Pflichtkauf.

Es gab allerdings auch diverse Alben, die mit ihrer Spielweise in kaum eine Kategorie fallen, sondern sich bei allem bedienen, was nicht niet- und nagelfest ist, ihre eigene Bandstory in eine Art best of konvertieren, zum Pop auswandern oder gar aufzeigen, wie Metal klingt, wenn man mit einem Countryproduzenten arbeitet – oder aber wie Country klingt, wenn man ihn als Black Metaller seriös betreibt. Zu den besten Alben des Jahres zählen dementsprechend auch Dark Tranquillity mit „Moment“, die zur Melancholie von „Projector“ zurückgefunden haben. Als nächstes in die Top 10 geschafft haben es Me And That Man mit „New Man, New Songs, Same Shit“, auf dem Nergal a.k.a. Behemoth gemeinsam mit einem Dutzend berühmter Musiker (u.a. Corey Taylor, Sivert Hoyem und Jerome Reuter) zeigt, was für ein grandioser Musiker er ist. Marilyn Manson hat mit „We Are Chaos“ ein unglaublich intimes Album erschaffen.

Soll ich mich an einer Liste versuchen? Wahrscheinlich hilft es… alles was auf dieser Liste steht könnt ihr unbesehen kaufen.

  1. Paradise Lost – Obsidian
  2. Psychotic Waltz – The God-shaped Void
  3. Rome – The Lone Furrow
  4. Me And That Man – New Man, New Songs, Same Shit
  5. Killer Be Killed – Reluctant Hero
  6. Yaotl Mictlan – Sagrada Terra Del Jaguar
  7. Hulkoff – Pansarfolk
  8. Enslaved – Utgard
  9. Katatonia – Dead Air
  10. Dark Tranquillity – Moment
  11. Darkwood – Twilight Garden
  12. Dark Fortress – Spectres From The Old World
  13. Fates Warning – Long Day Good Night
  14. Uada – Djinn
  15. Benediction – Scriptures
  16. Sopor Aeternus & The Ensemble Of Shadows – Island Of The Dead
  17. Ensiferum – Thalassic
  18. Solstafir – Endless Twilight Of Codependent Love
  19. Ostara – Eclipse Of The West
  20. Marilyn Manson – We Are Chaos

Nette Liste, oder? Damit es hier noch hübscher aussieht haue ich noch meinen am meisten gepielten Song des Jahres raus: Habt Freude an „Ravenghast“ von Paradise Lost.

Was sonst? Den üblichen Griff ins Klo gab es im Jahr 2020 nur bedingt. Metallica haben mit „S&M 2“ jeden Fehler wiederholt, der schon den ersten Teil unerträglich machte, AC/DC sind einfach nur ein Treppenwitz der Geschichte und My Dying Bride haben ihr Melancholie-Mojo komplett verloren.

Tiamat und die Sisters haben immer noch kein neues Album gemacht, obwohl nun wirklich genug Zeit gewesen wäre. Guns Akimbo wäre auf großer Leinwand sicher gut gewesen, fetzt aber auch im Heimkino unendlich.

Der Festa Verlag hat eine Komplettwerk-Box von H.P. Lovecraft veröffentlicht und Arne Anker (Ex- *Pauly Saal) hat ein neues Restaurant in Berlin. Sonst noch? Fuath und Wardruna bringen neue Alben in 2021. Mal sehen, was sonst noch so passieren wird….

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