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Holon : Agnosie

‚Tschuldigung, die Dame: Sie haben da etwas Kiefer! Das Cover-Artwork fürs dritte The Hirsch Effekt-Album ist gerade bissig genug geraten, das musikalische Raubtier hinter sich würdig zu veranschaulichen. Wobei: Es hätte auch noch der ein oder andere Zahn mehr sein dürfen. Oder gleich ein Killerhai. Denn auch wenn man sich in den vergangenen Jahren durchaus auf das Prinzip Hirsch und seine Tücken hat einstellen können – gewappnet ist die Welt noch lange nicht. Zumal das Hannoveraner Trio von Holon zu Holon saftiger abliefert.

Das jüngste im Bunde treibt all das, wofür The Hirsch Effekt zu stehen beabsichtigen, auf die Spitze. Worin sich bei anderen Bands der Eindruck regelmäßig erschöpfen wird, tritt bei The Hirsch Effekt die ganze Misere erst los: Wofür stehen The Hirsch Effekt eigentlich? Oder eher: Wofür stehen The Hirsch Effekt nicht? Ein überdüngter Nährboden für pseudointellektuelle Interpretationswinkelzüge, die dieses stilentfesselte Hackbrett von einem Album glücklicherweise mit jedem neuen Hördurchgang zerstreuen, nein: zerfetzen wird, so wie es beim Einspielen auch die Instrumente zerfetzt haben muss.

Scherzhaften Abstimmungen und Blödeleien aus dem Bandumfeld entgegen haben sich ‚Holon : Dersaft‘ und ‚Holon : Sdochnochmalnenkaffee‘ am Ende doch nicht im Titelrennen durchsetzen können. Stattdessen führt man ‚Agnosie‘ im Wappen, was soviel bedeutet wie Unwissenheit. Tatsächlich hat der Hörer ohne einen gewissen Fundus greifbarer Nachschlagewerke schlechte Karten. Die Tracklist verlangt einem Kenntnisse in persischer Mythologie, Human- und Veterinärmedizin wie auch Philosophie ab. Und die Musik den ganzen Rest. The Hirsch Effekt lassen bündelweise Knüppel aus dem Sack. Die ziehen sie einem besonders gern dann über die Rübe, wenn der Schreck am meisten knallt: mitten im Durchatmen. Wer sich schon zuvor schwer tat, dem standzuhalten, den wird ‚Holon : Agnosie‘ endgültig absägen.

Ein Stück heißt ‚Bezoar‘ – nach den Klumpen von Unverdaulichem, die manche Tiere auswürgen. ‚Bezoar‘ strotzt vor Sarkasmus; es spielt mit den Genres wie die Katz mit der Maus. Erst Mathcore, dann Swing-Schubidu, dann Streicher, dann – oha! – ‚Tombeau‘: weinerliches Kauern am Klavier, als wäre nichts gewesen. Holon : Amnesie, gewissermaßen. Überhaupt feiern The Hirsch Effekt ihre größten Triumphe in den Sekundenbruchteilen des Wandels. Wenn die in halsbrecherischen Tempi durch die Tracks schreddernde Gitarre plötzlich in die Eisen tritt und in hallende, pathetische Passagen voller Wehmut zerläuft. Wenn Nils Wittrocks gutturaler Irrsinn in klebrig-getragene Deutschpop-Gesänge oder nöligen Akustiklitaneien (‚Emphysema‘) verfällt. Wenn in dem Augenblick, da man sich am Höhepunkt wähnt, noch Bläser oder Streicher einstimmen. Oder wenn Wittrock Dinge zischt wie

‚Halt einfach deine verfickte Fresse!‘

, nur um sich kurz darauf in die nächste Betriebsstufe seiner multiplen Persönlichkeit zu schalten.

‚Agnosie‘ steht aber auch für Seelenblindheit. Für den Ursprung all des Zähnefletschens, all der feuchten Aussprache, all der Pissigkeit dieser Platte, all den seelischen Stacheldraht, der Nils Wittrock kehliger krakeelen und fragiler wimmern lässt denn je. Mein Kollege Maximilian verglich vor knapp drei Jahren The Hirsch Effekt-Hören mit einer Achterbahnfahrt im Dunkeln. Das gilt heute mehr denn je. Würde sich jemand nach einer Runde ‚Holon : Agnosie‘ erbrechen, man würde zunächst verständnisvoll nicken wollen, so wie man es eben tut, wenn man gerade keinen Schimmer hat. Und wir haben alle sowas von keinen Schimmer. Aber dafür haben wir dieses einmalige Album.

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