HEATED LAND – Weite, wohin Auge und Ohr reichen

Erbe verpflichtet. Seinem früheren Quasi-Schwiegervater hatte Heated Land-Sänger Andreas Mayrock einst die Bereicherung seines Haushaltes um etwa 400 Schallplatten zu verdanken. Die Sammlung umfasste Klassiker, denen nicht zu widerstehen war: Bob Dylan, J. J. Cale, Townes Van Zandt, Nick Drake, Neil Young. Glücklicherweise hatte Mayrock gerade Zeit: ‚Die Platten standen also da und dann hab ich mich durchgehört.‘

Das junge Musikerherz ließ sich willig inspirieren und somit war die Grundlage für den typischen Heated Land-Sound geschaffen. Mayrock, gerade aus dem Pubertätsalter raus, übte sich an Akustikgitarre und Gesang. Für ein erstes Bandprojekt kam auch ein Computer zum Einsatz, man probierte sich mit Hilfe verschiedener Ableton-Funktionen aus: ‚Damals habe ich mit einem Kumpel, mit dem ich auch zusammengewohnt habe, nach der Schule eher elektronische Sachen gemacht‘, erinnert sich Mayrock. ‚Das ging dann eher so Richtung The Notwist.‘

Das ließ sich aber live nicht zufriedenstellend umsetzen. ‚Und am Ende sind es ja auch immer Zufälle, die dann zu etwas führen‘, sagt Mayrock und meint damit die personelle und musikalische Findung von Heated Land anlässlich ihres ersten Konzerts. Die Möglichkeit, in seiner damaligen Wahlheimat Dresden live zu spielen, brachte neue Impulse. Es brauchte Begleitmusiker und so wurden Freunde und Freunde von Freunden hinzugezogen. Ausgestattet mit Mundharmonika und Schlagzeug ersetzten sie die Elektronik. ‚Das hat irgendwie ganz gut funktioniert. Und das hat auch Spaß gemacht. So kam dann quasi der Sound von Heated Land zustande.‘

Für dessen Charakteristik dürfte neben diesen äußeren Einflüssen noch ein zweiter Aspekt eine wesentliche Rolle spielen, der bereits im Songwriting-Prozess angelegt ist. Autor und Sänger Mayrock ist nämlich mit einer bemerkenswerten Grundentspanntheit ausgestattet, die sich in der Musik von Heated Land so schön widerspiegelt. Gegen Hektik scheint er resistent zu sein. Dazu passt, dass er unlängst eine ganze Zeit in den unendlichen Weiten Kanadas verbracht hat. Das hatte unter anderem eine fünfjährige Bandpause, aber im Endeffekt das zweite Album ‚In A Wider Tone‘ zur Folge.

Es muss wie im Countrymusiker-Bilderbuch gewesen sein: Mayrock suchte sich Arbeit auf einem Boot, fuhr kilometerlange unbelebte Küstenstreifen ab, hatte viel Muße, neue Songs zu schreiben, und tatsächlich gab es da auch den in die Jahre gekommenen Bauern, der auf seinem Feld Bio-Gemüse anbaut und zu dem sich Mayrock mit seiner Gitarre abends auf die Terrasse gesellte, wo beide gemeinsam ihre Lieder sangen.

Die Landschaft Kanadas, speziell British Columbias hat das neuen Albums stark beeinflusst, sagt der Sänger: ‚Das ist ja schon unglaublich, wie viel Platz dort ist, wie viel Natur und wie viel Weite. Mich hat das extrem beeindruckt und auch berührt. Deswegen lautet der Albumtitel auch ‚In A Wider Tone‘.‘ Beim Hören kann man sich in etwa das entschleunigte Leben und die Ruhe vorstellen, in deren Genuss Mayrock in dieser Zeit kam: ‚Wir haben da eine Comunity kennengelernt; Leute, die auf einer Insel leben, die man wirklich nur noch mit dem Privatboot erreichen kann. Die haben sich irgendwann in den Siebzigern ein Stück Land gekauft und in der Bucht ihre Häuschen gebaut. Refuge Cove heißt das. Dort haben meine Freundin und ich viel Zeit verbracht. Ich war im Winter auch mal alleine dort, nur mit acht anderen Leuten. Ansonsten war da halt nichts.‘

Diese Weite und Ruhe hat Mayrock in so ausreichender Menge verinnerlicht, dass neues Songmaterial inzwischen auch im Großstadtdjungel von Hamburg entsteht, wohin es ihn nun verschlagen hat und wo er mit Unterstützung des neusten Bandmitglieds Raja an der weiteren Geschichte on Heated Land arbeitet. Dem Funktionieren der Band tut es glücklicherweise keinen Abbruch, dass die restlichen Musikerkollegen inzwischen verstreut in Dresden, Berlin und Zürich leben. Die nächste Tour steht im Juli an, für den Herbst sind weitere Konzerte geplant. Geht hin und lasst Euch verzaubern!

betty blue

(Post-)Punk, Deutschpunk, Garage, Lo-Fi, Alternative, Emo, Indie, Americana... Hauptsache mit Gitarre! Fühlt sich am wohlsten bei New Model Army-Konzerten. Zum Entspannen gerne Old School-Jazz und Son Cubano. ¡Viva! 

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