Den Blick öffnen, Begrenzungen überwinden – Danielas Highlights 2019

2019 war ein an guter Musik reichhaltiges Jahr. Das betrifft nicht nur Neuentdeckungen und Albumveröffentlichungen, sondern auch breitere musikalische Entwicklungen und das Ausweiten von Grenzen – bezogen auf Genres wie auch auf Länder. Meine Jahreshighlights beginne ich daher mit einem Ereignis im nichtdeutschsprachigen Raum.

5. Miš Maš Party, Bojkovice

Festivals stehen hoch im Kurs, aber vom alljährlichen Überangebot ist man leicht erschlagen. Warum also nicht mal den Horizont erweitern, in unbekanntere Gefilde vordringen und seinen Urlaub mit einem Festivalbesuch im Ausland verbinden? Bei den tschechischen Nachbarn zum Beispiel sei die Miš Maš Party (sprich: Misch Masch Party) empfohlen. In DIY-Manier, ohne Sponsor und Umzäunung wird sie seit 25 Jahren auf dem Hügel über der kleinen Ortschaft Bojkovice im äußersten Osten Tschechiens, kurz vor der Grenze zur Slowakei veranstaltet. Auf zwei Bühnen präsentiert sich ein Programm aus einheimischen sowie internationalen Bands, das Jahr für Jahr mit feinem Gespür und hohem Anspruch zusammengesetzt wird. Mitte Juni dieses Jahres waren etwa die großartige Cash Savage & The Last Drinks, die Solo-Performance von Zea (der sonst als Sänger von den holländischen The Ex fungiert) oder das Ehepaar Alexander Hacke – Danielle de Picciotto zu erleben. Den Eintrittsobolus von 30 € trotz freien Zugangs zu entrichten, ist nicht nur eine Frage der Ehre, sondern vor allem der Sympathie. Und den atemberaubenden Ausblick in die wunderschöne Landschaft hinter der Hauptbühne gibt es als Bonus dazu.

4. Das Phänomen Orville Peck

Auch im traditionsbewussten bis -belasteten Country-Genre lässt sich noch frischer Wind verbreiten. Mit Orville Peck betrat eine Figur die Bühne, die neben düster-eindringlichen Songs mit ihrem queeren und geheimnisvollen Image auf sich aufmerksam macht. Der Mann mit der Fransenmaske lebt seine Kunst und seine Melancholie konsequent. Trotzdem ist alles, worauf es letztlich ankommt, allein die wahre Liebe. Und im Falle vom Debüt „Pony“ – und hoffentlich weiterer kommender Alben – Pecks dunkle, verführerische Stimme und seine bemerkenswerten Songwriterqualitäten.

3. „In A Wider Tone“, Heated Land

Eine Perle unaufgeregten Songwritings erschien anno 2013, als Heated Land ihr selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlichten. Mehrere Jahre lag das in Dresden gegründete Bandprojekt dann auf Eis, und als Fan wollte man sie schon aufgeben, die Hoffnung, dass da nochmal was kommt. Aber es kam. Anfang des Jahres erschien „In A Wider Tone“ und steht seinem Vorgänger an Feinheit, Harmonie und Zauber in nichts nach. Konzerte spielte die Band, deren Mitglieder mittlerweile über Deutschland verteilt leben, etappenweise bis in den Spätherbst hinein, und für das neue Jahr wünschen wir uns sehnlichst, dass Heated Land ihre neu angekurbelten Aktivitäten am Laufen halten.

2. Weibliche Stimmen

Sieht man sich die Jahresend-Top Ten großer, trendfolgender und -setzender Musikmagazine an, nehmen mit Billie Eilish, Lana Del Rey, Weyes Blood oder Solange ganz selbstverständlich Frauen die vordersten Plätze mit ein. Auch im weniger verkaufsstarken Indie- und Punkbereich waren in diesem Jahr erfreulich viele weibliche Stimmen zu vernehmen. Besonders im Gedächtnis geblieben sind Mannequin Pussy („Patience“, sowohl mit Album-, als auch Live-Performance), desweiteren die Alben von The Coathangers („The Devil You Know“), Cultdreams („Things That Hurt“), Brutus („Nest“), Sharon Van Etten („Remind Me Tomorrow“), Frankie Cosmos („Lose It Quietly“), An Horse („Modern Air“), Press Club („Wasted Energy“) und Mobina Galore („Don’t Worry“). In Deutschland gab es einige viel versprechende Debüts: Auf der bedächtigeren Seite etwa „Power Nap“ von Ilgen Nur, auf der aufrührerischen Seite das selbstbetitelte Album von Deutsche Laichen.

1. „When I Have Fears“, The Murder Capital

Mein Jahreshighlight ist ein Debüt, das in kaum einem Jahresrückblick anderer Medien bedacht wird. Sicher, The Murder Capital mögen mit „When I Have Fears“ musikalisch nicht unbedingt auf Innovation setzen. Aber sie treffen mit dystopischen Texten einen aktuellen Nerv. Und ziehen ihre Konsequenzen. Schon die Bandgeschichte beginnt mit einer Verweigerungshaltung: Der Fünfer aus Dublin nutzt eben nicht die angesagten Marketinginstrumente von Facebook und Co., um sich virtuell ins Konsumerbewusstsein einzuschleichen und vorschnell aufzublasen. The Murder Capital erspielen sich ihre Lorbeeren live. Und damit einen starken Geheimtippstatus.

Außer Konkurrenz: „From Here“, New Model Army

Starkes Album, starke Tour. „From Here“ bricht mit der bisherigen ausgewogenen Laut-Leise-Struktur und überwältigt den Hörer mit einer Welle an Kraft und Vehemenz. Wenig Wunder, dass in Deutschland sämtliche Gigs, inklusive des Kölner E-Werks zum alljährlichen Weihnachtskonzert (erstmals in Bandgeschichte) restlos ausverkauft waren. Ein solcher Erfolg kann nur bedeuten, dass New Model Army Vieles richtig machen: nämlich unermüdlich ihr eigenes Ding, unabhängig von Trends und Verkaufscharts (in die „From Here“ trotzdem oder gerade deshalb seinen Weg gefunden hat). Veröffentlichungen, Marketing und Merchandise hält die Band seit Jahren fest in eigener Hand. Und das ist eine gute Grundlage für die starke Position, aus der heraus sie seit vier Jahrzehnten klug, engagiert und mit ein bisschen Pathos das Geschehen um sich herum kommentiert.
Mit New Model Army ins neue Jahr, in ihr 40. Bandjubiläum, immer in Bewegung, niemals ankommen.

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