Big Big Train

Grand Tour


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  • Artist: Big Big Train
  • Album: Grand Tour
  • Label:
  • Release: 2019-05-17
  • Medium:
  • Bewertung:1

Es ist höchstwahrscheinlich kein Zufall, dass Big Big Train genau dann ein Album veröffentlichen, das die Vorzüge des Reisens und des Über-den-Tellerrand-Schauens preist, wenn sich Großbritannien – wie erschreckend viele Länder dieser Welt! –  immer mehr in Ignoranz und Isolation zurückzieht. Addiert man dazu, dass die Band im Vorjahr ihre ersten Liveauftritte außerhalb des UK absolviert hat, ist das textliche und musikalische Konzept von „Grand Tour“ eigentlich vollkommen folgerichtig und bietet nicht nur eine neue Songsammlung, sondern eine aktuelle Standortbestimmung der Band.

Die erste Single ‚Alive‘ hatte es ja schon vermuten lassen, das Album bestätigt den Eindruck: bei Big Big Train scheint derzeit die Stimmung in Richtung Euphorie zu tendieren. Wo sich auf den letzten Alben gelegentlich ein wenig akademische Steifheit breit gemacht hatte, klingt „Grand Tour“ energiegeladen, positiv, spielfreudig und emotional. Zwar sind die Arrangements immer noch mit unfassbar vielen Details und Schlenkern sowie ausladender Instrumentierung beladen, das Gesamtkonzept recht akademisch und natürlich das gesamte Album frei von jeglicher Art von Humor. Die durchweg fantastischen und eingängigen Melodien machen den Zugang hier aber weit einfacher als bei „Grimspound“ und „Folklore“. Neben Wunderstimme David Longdon muss hier vor allem das prägender denn je eingesetzte Violinenspiel von Geheimwaffe Rachel Hall erwähnt werden. Ihre gefühlvollen, erfreulich weit von den üblichen Fiedel-inner-Rockband-Klischees entfernten Melodiebögen sind für Big Big Train das, was Steve Hacketts Gitarre für die Siebziger-Genesis waren: die strahlenden Farbtupfer und instrumentalen Bezugspunkte, die dem Material Leben und Greifbarkeit vermitteln und vor der erwähnten akademischen Schwere bewahren. Auch die Tatsache, dass ihre Background-Vocals sich kongenial mit der Stimme von Longdon ergänzen, macht Hall zum nicht allzu heimlichen Star der „Grand Tour“. Auch das Mehr an rhythmischer Abwechslung tut dem Album sehr gut – mit Sicherheit eine Folge von Nick D’Virgilios starkem Involvement im Songwritingprozess. Der Ausnahmedrummer, der bereits bei Spock’s Beard, Fates Warning und Tears For Fears seine Klasse beweisen konnte, zeichnet nämlich diesmal auch als Co-Autor bei zwei Songs verantwortlich, das instrumentale ‚Pantheon‘ stammt gar alleine aus seiner Feder. Ganz generell präsentiert sich die Rhythmusgruppe deutlich weniger zurückhaltend als auf den letzten drei Alben. So gibt es die üblichen sinfonischen Elemente und immer wieder jazzige Harmonien, aber eben auch mal im Uptempo angesiedelte Momente. Die Gitarren halten sich diesmal zugunsten der Violine etwas zurück, was Dave Gregory und Rikard „Glücksbärchi“ Sjöblom abliefern, ist aber natürlich dennoch vom Feinsten, ebenso wie die wie immer makellosen Keyboards von Danny Manners. Big Big Train sind freilich immer noch eher am ruhigen Ende des Prog-Spektrums angesiedelt, und am grundsätzlichen Sound der Band wird nicht wirklich gerüttelt. Wer also auf überraschende stilistische Weiterentwicklung hofft, wird die höchstens in homöopathischer Dosis finden. „Grand Tour“ verortet die Band trotzdem ganz eindeutig im Rock und schließt somit eher an die Meisterwerke „The Underfall Yard“ und „English Electric“ an als an seine direkten Vorgänger.

Das Album beginnt mit einer zweiminütigen Einführung, ‚Novum Organum‘, das den Hörer in das Konzept der „Grand Tour“, einer (einfach ausgedrückt) Bildungsreise einführt, bevor ‚Alive‘, die launige Vorabsingle, mit U2-Anleihen und Pop-Hooks das Leben und den Hunger auf Neues zelebriert. Auch ‚Theodora In Green And Gold‘ hat mit seinem ultra-eingängigen Refrain durchaus das Potenzial, auch Nicht-Proggern zu gefallen, wieder mit tollen Backings von Rachel und Nick. Abgesehen davon gibt’s aber natürlich hauptsächlich elaborat arrangierten, edelsten Prog-Stoff, garantiert ohne Klischee-Metal-Elemente und Serienkiller-Psychogramme. ‚The Florentine‘ hat nichts mit Nuss-Keksen zu tun, sondern zelebriert das Leben von Leonardo Da Vinci – mit folkigen Gitarren und purem Siebziger-Prog-Sound, während ‚Ariel‘ nicht nur mit Motiven von ‚Bard‘ William Shakespeare spielt, sondern auch tatsächlich wie ein Mini-Musical wirkt. Hier übernimmt der textliche Inhalt die Führung der Musik, und man fühlt sich aufgrund der theatralischen Ausführung und David Longdons ungewohnter stimmlicher Färbung – mehr Scott Walker als Peter Gabriel – tatsächlich direkt ins Globe Theatre versetzt. Völlig konträr hingegen das sehnsüchtige ‚Voyager‘, das uns mit der berühmten Sonde ins Weltall führt und im zweiten Teil ein paar schweinegeile, fusion-inspirierte Instrumentalabfahrten bietet. Der abschließende ‚Homesong‘ wirkt, als sei er eigentlich das Finale von ‚Voyager‘, schließt aber mit Querverweisen zu den anderen Songs des Albums das Album kongenial ab und hat sich somit seine Alleinstellung durchaus verdient.

Lediglich ‚Roman Stone‘ hat ein paar Längen und hätten vielleicht von ein wenig Straffung profitiert. Das heißt nicht, dass der Songs wirklich schlecht sei – die erste Hälfte von ‚Roman Stone‘ gehört sogar zu den Highlights des Albums! Die ausladende Instrumentalpassage mit der Blaskapelle in ‚Roman Stone‘ wirkt aber im Vergleich zum Rest der Scheibe ein wenig zerfahren – nach dem abrupten Break bei 7:48 schafft es der Song nicht mehr, die vorherige Fahrt aufzunehmen und wird so zum einzigen – kleinen – Durchhänger der Scheibe.

Big Big Train haben mit „Grand Tour“ eine absolute Rückkehr zur Form ihrer besten Arbeiten abgeliefert. Wie sich das Album auf Dauer gegen die bandeigenen Klassiker behaupten kann, bleibt abzuwarten, aber für jetzt hat die Band die Erwartungen absolut erfüllt und phasenweise sogar übertroffen. Im traditionellen Prog gibt es aktuell ehedem niemanden, der es mit „Indiana“ Spawton und seiner Truppe aufnehmen kann, und auch im eigenen Backkatalog ist „Grand Tour“ ein echtes Schmuckstück geworden.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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