Rocket Freudental

Erdenmenschen weggetreten

  • Artist: Rocket Freudental
  • Album: Erdenmenschen weggetreten
  • Label:
  • Release: 2020-10-16
  • Medium:
  • Bewertung:2+

„Ich bin ein Urgestein und ich sinke auf den Grund, ich mach noch ein paar Japser und dann sterb ich wie ein Hund.“

Von wegen. Rocket Freudental erheben sich mit „Erdenmenschen weggetreten“ (Treibender Teppich Records) wie Phoenix aus der Asche. Seit neun Jahren mal wieder ein Album, und dann noch zufällig passend zur Krise. „Überlasst das den Experten – achso, ich bin ja der Experte! Jemand muss schließlich entscheiden im Namen der Allokation.“ („Yogalehrer“) Nein, keine Platte, die aus Mangel an Alternativen in der Quarantäne entstanden ist. Jahre lang gereift vielmehr und doch passgenau mitten ins schwere Jahr 2020 entlassen.

„Das schlaffe Metronom, du bist das tanzende Mittelmaß. Du kannst saufen, was du willst, bleibst die 0,5 im Literglas.“

Rocket Freudental, sprich André Möhl und Robert Steng, begegnen dem mit einem minimalistischen Soundgewimmel. Sie praktizieren Punk im ursprünglichsten Sinne des Wortes, bis daraus Avatngarde wird. Dazwischen blitzen Funken von 50er-Jahre-Rock’n’Roll und Garagen-Rock auf, wird auch vor einer Bluegrass-Mundharmonika oder Indigo-Flöte nicht zurückgeschreckt. Den Oberbau bilden Elektronikspielereien, und nicht nur die hat sich das Duo bei den Goldenen Zitronen abgeguckt.

„Aus dem Samen dieser Früchte wächst ein neues Leben, und daraus wird der Leim gekocht, an dem wir später kleben.“

Entfaltet so mancher Song des Albums einen vorsichtigen melodiösen Charme, triefen die Texte hingegen vor Sarkasmus und stoßen mit Wonne vor den Kopf. Unbarmherzig und übersäuert geht es gegen den Bildungsbürger-Dödel, wie er in „Blaue Daumen“ so hübsch benannt wird. Oder eben die Yogalehrer. Die beiden Stuttgarter strecken die Faust aus und drehen sich mit geschlossenen Augen und hohem Tempo im Kreis. Teilen aus, ohne Unterschiede zu machen.

„Eine Hackfresse mehr im Meer der Gesichtsbaracken.“

André Möhl ist auf seine Art poetisch. Und absolut auf verbalen Krawall gebürstet. Er lässt raus, was raus muss, und wofür sich der Großteil von uns als zu anständig fühlt. Auch wenn ihm oft mit klammheimlicher Freude zuzustimmen ist, ist das alles doch starker Tobak. Und erschöpft den Hörer. Wie das eben nunmal ist, wenn ganz tief im Inneren gewühlt und alles von Grund auf umgekrempelt wird. Ist das noch Musik? „Erdenmenschen weggetreten“ ist eine intellektuelle Herausforderung. Macht euch auf was gefasst.

 

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