Gentle Knife

Clock Unwound

Man verbindet mit skandinavischem Retroprog ja eine ganze Menge Klischees. Holzbläser, Mellotrons, Naturliebe inklusive uriger Hippiebärte (auch bei den Damen) und gaaaanz traurige Lieder. Nun, mit der ‚Prelude: Incipit‘, die ihr zweites Album eröffnet, spielen Gentle Knife ganz klar skandinavischen Retroprog.

Doch schon der folgende, viertelstündige Quasi-Titelsong lässt das Urteil überdenken. Treibendes, IQ-mäßiges Schlagzeugspiel, E-Gitarren, quirlige Achtziger-Synthies und poppig anmutende Gesangslinien klingen eher nach Großbritannien anno 1983 als nach Skandinavien 2017. Zumindest in der ersten Hälfte, bevor wieder die „typischen“ Elemente übernehmen. Die Verzwirbelung der beiden Genre-Extreme macht die Musik von Gentle Knife durchaus interessant, eben, weil trotz Klischees zu sehen ist, daß die Band sich durchaus um das Finden einer eigenen Mischung bemüht. Im Gegensatz zu Änglagård oder Anekdoten ist das nämlich alles um Längen songorientierter und, ja, massentauglicher. Aber, und jetzt kommt das Problem, genau dadurch fallen auch die außerordentlich schwachen Vocals von Sänger Hâkan Kavli umso mehr ins Gewicht. Der tönt nämlich eher nach Grundschullehrer im Singkreis als nach charismatischem Prog-Gott, was den ehedem nicht allzu extravaganten Gesangslinien oftmals den Tralala-Todesstoß verpasst. Weitaus interessanter (wenn auch zugegebenermaßen gelegentlich etwas unsauber in der Intonation) klingt die Stimme von Zweitsängerin Veronika Jensen, die darf aber nur selten ran – und wenn, leiert Hâkan im Hintergrund mit herum. Ihre Beiträge sind aber – abgesehen von den instrumentalen Parts – dennoch klar die Highlights des Albums.

Es ist mir nach wie vor unverständlich, wie wenig im Prog-Undergrand auf halbwegs vernünftige Gesangsstimmen geachtet wird. Die schönsten instrumentalen Abfahrten nutzen schließlich nichts, wenn der Sänger dem nichts entgegenzusetzen hat. Wer sich aber an der dem Rezensenten gelegentlich die Zehennägel aufrollenden Stimme nicht stört, darf sich die Benotung gerne eine Stufe besser denken und das Teil bei Just For Kicks eintüten.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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