Marco Minnemann

Borrego

Marco Minnemann spielt nicht nur bei zigtausend Kollegen Schlagzeug, auch solo ist er unglaublich aktiv. Sein aktuelles Werk „Borrego“ ist nun ein fast zweistündiges Doppelalbum geworden, welches zwischen Alternative Rock, Prog, Jazz und Metal umherspringt wie ein wildgewordenes Karnickel zwischen den paarungswilligen Stallgenossinnen. Vieles davon ist dabei eher songorientiert, doch natürlich erlaubt sich Marco auch einige abgedrehte Instrumentalabfahrten wie das standesgemäß mit Hundegebell, Wolfsgeheul und Wettersamples ausgestattete ‚Thunderstorm‘, das jeden Fan von Frank Zappa, speziell der „Uncle Meat“-Phase, begeistern dürfte.

Das braucht natürlich alles Zeit zum Einhören, vor allem, weil eingängige Melodien wirklich sehr rar gesät sind – und Minnemann als Drummer natürlich auch gerne unkonventionelle Taktarten ineinander verschachtelt. Die verspielte Experimentierfreude und die trotz hoher Komplexität enorme Groovelastigkeit erinnert konzeptionell nicht selten an seine Zeit mit den Freaky Fukin Weirdoz, wenn auch im Schnitt weniger heavy und natürlich komplett ohne deren HipHop-Schlag. Auch die Produktion der Scheibe ist exzellent ausgefallen, und als Gäste hat er sich seinen Arbeitgeber Joe Satriani und Rush-Gitarrist Alex Lifeson eingeladen. Auch King Crimson-Bassgott Tony Levin schaut bei einem Song vorbei – der ist allerdings nur einer der Bonustracks. Den Rest der Scheibe hat Minnemann wieder selbst eingespielt – und auch an Gitarre, Bass und vor allem dem Piano macht der eine gute Figur. Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, daß ich die Vocals nicht erwähnt habe… nun, das hat Methode, denn das Singen hätte er besser jemand Anderem überlassen. Nicht, das Marco eine Vollkatastrophe wäre, das geht schon alles völlig in Ordnung – aber die exzentrischen Kompositionen hätten eben bisweilen auch eine Stimme gebraucht, die etwas mehr heraussticht. So wie die weiblichen Vocals auf unter Anderem „And Over Again“ oder „A Random Place“ – dann wäre die Bewertung noch einmal ein Stückchen besser ausgefallen.

Für Fans eigenwilliger, im Wortsinne progressiver Mucke hat Marco Minnemann aber mit „Borrego“ erneut ein schönes und erfreulich frei von allen Kommerzgedanken und Klischees daherkommendes Album aufgenommen. Nichts für den Mainstream, sondern für Entdecker – und die sollten „Borrego“ alsbald im Webshop der Kollegen von Just For Kicks abgreifen.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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