BOISSON DIVINE – Von Legenden, Identität und sterbenden Traditionen

Ende Mai stellten wir euch Boisson Divine vor. Das Metal-Sextett aus dem Südwesten Frankreichs hatte mit "La Halha" (sprich: La Haya) eine exzellente, eigenwillige und energiegeladene Folk-Metal-Perle herausgebracht. Gegründet als Musikprojekt zweier Schulfreunde in dem kleinen Örtchen Riscle in der Gascogne, hat es die Band mit nur drei Alben in wenigen Jahren zu einem der heißesten Underground-Tipps der französischen Metal-Szene geschafft.

In ihrer regionalen Sprache singen die quirligen Musiker über ihren Alltag. Der besteht aus Rugbyspielen, alten Legenden aus ihrer Heimat und vor allen Dingen dem Erhalt ihres kulturellen Erbes. Über all das sprach Frontmann und Sänger Baptiste mit uns in einem ausführlichen, sehr interessanten, lehrreichen und augenzwinkernd-sympathischen Interview. Geht mit uns auf eine Reise in die Gascogne mit Boisson Divine!

Whiskey-Soda: Am Namen unseres Magazins kann man ja gut erkennen, welche Art „göttliches Getränk“ WIR mögen. Wie sieht es bei Euch aus? Französischer Wein, eine spezieller Schnaps aus eurer Region, der Gascogne, oder etwas ganz anderes? Oder ist „Boisson Divine“ am Ende als metaphorisches Statement gemeint?

Baptiste : Wir sagen eigentlich immer: Jedem sein eigenes, göttliches Getränk. Aber um im Ernst ein „Göttliches Getränk“ zu bekommen, muss man da schon einige Dinge beachten. Es muss auf jeden Fall ein Getränk mit einer gewissen Geschichte oder Tradition sein. Gutes Handwerk braucht viel Know-How, Respekt und Zeit. Welche Art von Getränk das dann ist, ist zweitranging. Es kann ein alter Armagnac sein, ein guter Wein, ein Spitzenbier oder ein ausgezeichneter Whiskey. Was es unter keinen Umständen sein kann ist Soda. Diese Erfrischungsgetränke sind doch reiner, industriell hergestellter Mist. Leute, die ihren Whiskey mit Soda mischen, sollten sofort von der Polizei verhaftet werden. Das sollte verboten oder zumindest als pure Blasphemie gebrandmarkt werden. Tut mir echt leid wegen eurem Namen (lacht).

Auf eurem Album Cover und auch in eurem neuesten Musikvideo ist ein kleines, helles Steinkreuz dargestellt. Was hat es damit auf sich, ist das eine Legende aus der Gascogne?

Ja, es handelt sich um das „Kreuz von Beliou“, das man auf dem Berggipfel in unserem Video tatsächlich noch besuchen kann. Beliou ist der Sonnengott aus dem altertümlichen Götterpantheon der Pyrenäen. Von ihm handelt auch unser Lied „Abelion“, was ein anderer Name für „Beliou“ ist. Da es aus vorchristlicher Zeit stammt, war es ursprünglich auch kein Kreuz, sondern eine Scheibe, wegen dem Bezug zur Sonne. Bei dem Kreuz soll Milharis begraben liegen, eine weitere mythische Figur. Die Legende besagt, dass er ein Schäfer und Wächter des goldenen Zeitalters war, der 999 Jahre alt wurde. Auch ihm haben wir ein Lied auf unserem Album gewidmet.

Kreuz von Beliou auf dem Col du Couret in den Pyrenäen.

Die Legende geht so: Vor langer Zeit lebte in den Höhen der Berge ein alter Schäfer. Er hatte noch nie den Schnee fallen sehen, doch eines Morgens wachte er auf und war von der weißen Pracht umgeben. Er rief sein Volk zu sich und sagte: „Meine Kinder, das ist ein schlechtes Omen. Mein Vater sagte zu mir, daß ich an dem Tag, an dem die Erde weiß sein wird, vor dem Sonnenuntergang sterben würde. So muss ich nun im Alter 1000 Jahren weniger einem Tag sterben. Wenn ich gestorben bin, nehmt die Schönste aller meiner schwarzen Kühe. Sie wird euch umgehend ins Tal führen, wo es keinen Schnee mehr haben wird. Folgt ihr bis zu ihrem Ziel, dort werdet ihr warme Gewässer finden. Eines Tages wird dort das glückliche Schicksal eures Landes vollendet werden. Dann starb der alte Schäfer. Die Kinder folgten der Kuh, fanden die warmen Gewässer und die Kuh erstarrte zu einem schwarzen Felsen.

Diese beiden Figuren, Milharis und Abelion, repräsentieren das mythologische Zweigestirn von „La Halha“. Es wird durch ein großes Feuer oder ein Kohlebecken symbolisiert, das für den Morgenstern steht. „La Hala“ wird zur Sonnenwende angerufen. Durch die Entscheidung, auch auf dem Cover-Artwork mythologische Elemente zu verwenden, stellen wir uns in die Tradition unserer gascognischen Kultur – wie das Glied einer Kette.

Milharis und Beliou auf einem Boisson Divine Shirt

Eure Sprache Gascognisch erinnert an Latein, aber auch ein wenig an andere romanische Sprachen und unterscheidet sich doch recht deutlich vom Französischen. Möchtest du ein wenig über eure Sprache sprechen? Wie verbreitet ist sie noch in die Region und habt ihr euch auch einmal die Frage gestellt, eure Texte auf Englisch zu verfassen?

Gascognisch ist tatsächlich eine romanische Sprache aus der Familie der Okzitanischen Sprachen. Es ist eine Weiterentwicklung des Lateins der einfachen Leute mit Einflüssen des Baskischen. Vom Klang her erinnert es stark an das Katalanisch, für Ausländer mag es vereinfach gesagt wie eine Mischung aus Spanisch und Französisch klingen. Das ist naheliegend, denn die Gascogne befindet sich geographisch ja in dieser Region und alle romanischen Sprachen unterliegen einem linguistischen Kontinuum, sie sind miteinander verwandt und entwickelten sich auseinander.

Die Sprache wird noch immer gesprochen, aber die Zahl der Sprecher wird von Tag zu Tag kleiner. Ihre soziale Funktion als Transporteur unserer Kultur ist beinahe zum Erliegen gekommen. In den nächsten Jahren werden die letzten Generationen von Muttersprachlern aussterben. Aus diesem Grund wird es zum Teil in zweisprachigen Schulen in der Region unterrichtet, unter anderem lernen die Kinder an diesen Schulen Lieder von Boisson Divine zu diesem Zweck! In einigen Jahren werden vermutlich nur noch jene die Sprache sprechen, dies sich wirklich dafür interessieren. Es wird keine Volkssprache mehr sein, sondern die Sprache einer Minderheit.

Das ist sehr traurig, aber das Französisch hat hier wirklich einen Siegeszug gemacht. Das ist in vielen anderen Regionen Frankreichs ähnlich, egal ob in der Bretagne, im Baskenland, auf Korsika oder im Elsass. Der französische Staat hat hier eine klägliche Rolle gespielt, und hat aktiv dazu beigetragen, die Regionalsprachen zum Wohle einer sogenannten „nationalen Einheit“ zu unterdrücken. Diese beruht letztlich aber auf historischen Lügen und dem Zwang zu kultureller Anpassung. Es ist wirklich widerlich – aber wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir versuchen unser kulturelles Erbe zu bewahren, weil wir nicht wollen, daß es verschwindet. Es ist hart mit anzusehen, wie die Sprache nach und nach verschwindet, aber solange es noch Menschen gibt, die sie mit uns am Leben halten, wird sie auch nicht endgültig aussterben.

Nach dem letzten Absatz muss ich denke ich auch nicht mehr erklären, warum wir keine englischen Texte haben.

„La Hala“ ist sehr vielseitig und dadurch ein sehr reizvolles Album geworden. Wie würdet ihr es selbst beschreiben oder einem skeptischen Metalhead schmackhaft machen?

„La Hala“ steht für Einfachheit in Komplexität, Stimmigkeit in Vielseitigkeit, das Rauhe in der Schönheit. Es ist eine musikalische Anomalität, das Tagebuch eines Schizophrenen. Es ist wie ein Sumo-Ringer in Ballettschuhen, wie Rugbyspielen in Mokassins, wie Gutenberg, der 1431 auf einem Computer schreibt, wie Brahms, der seine Violine mit einem Plektrum spielt.

„La Hala“ ist Alles und Nichts.

Aber im Ernst, es ist tatsächlich ein sehr variantenreiches Album wegen unserer zahlreichen Einflüsse: Metal, Punkrock, traditionelle Musik und der polyphone (mehrstimmige) Gesang. Das Tempo, die Tonart, die Instrumente und die Stimmung unterscheiden sich von Lied zu Lied und aus diesem Grund kommt auch keine Langeweile auf, obwohl das Album eine Stunde dauert. Und weil wir immer Neues probieren und uns weiterentwickeln wollen, gibt es noch jede Menge neue Dinge, die wir zusätzlich zu unseren Wurzeln mit draufgepackt haben. Ein Blue-Grass-Banjo, neo-klassische Zwischenspiele, Death-Metal-Riffs, Blues-Solos und einiges mehr. Ich weiß, daß es wirklich viel ist und auf den ersten Blick so wirkt, als wäre das nicht stimmig. Aus meiner Sicht kann man dem nur auf eine Art entgegen wirken: „Echte“ Lieder schreiben, gut strukturiert und mit packenden Melodien. Ich glaube, wenn man das beachtet, kann man nahezu Alles miteinander mischen.

Ich sehe mich nicht als besonders guten Musiker und Performer. Wenn ich mir den durchschnittlichen Metal-Musiker im Internet ansehe, denke ich mir oft: „Mann, bist du schlecht!“ Ich bin zum Beispiel völlig überfordert, wenn ich ein Solo mit Sweep-Picking hinlegen soll. Auf der anderen Seite interessiere ich mich seit ich 13 bin sehr für Komposition. Ich habe mir nächtelange Alben angehört und mich auf jedes einzelne Instrument konzentriert. Manche Alben habe ich mir Dutzende von Malen angehört, um es komplett, auf allen Ebenen zu erfassen und zu verstehen. Dadurch habe ich extrem viel gelernt. Wie man einen Song strukturiert, wie man Melodien harmonisiert, interessante Arrangements findet und einen richtig ohrwurmigen Refrain schreibt.

„La Hala“ ist in diesem Sinne der Höhepunkt all dieser Erfahrungen. Ich sehe es auch als eine Wink der Hoffnung an alle Musiker da draußen: Man muss kein Technik-Gott sein, um Lieder zu schreiben, die die Menschen berühren. Schöne, einfache und gut arrangierte Melodien können das durchaus auch. Das ist aber keine Entschuldigung, zu faul zum Üben zu sein, wie ich es manchmal bin. (Lacht).

Tut was ihr tun müsst und stellt euch nicht Fragen wie: Wem wird es gefallen? Welches Publikum wollen wir erreichen? Wenn ihr echt seid, wird sich das Publikum auch finden. Und wenn ihr es gefunden habt, macht nicht den Fehler euch dann diese Fragen zu stellen: Werden sie es mögen? Wenn ihr das tut, beschränkt ihr eure eigene Kreativität und hört auf, Künstler zu sein. Dann ist man nur noch Dienstleister, Befehlsempfänger und reiner Musiklieferant. Traut eurem Publikum etwas zu, fordert es heraus und habt keine Angst vor negativen Reaktionen!

In eurer Band-Biographie ist zu lesen, daß die beiden Gründungsmitglieder von Boisson Divine Sandkastenfreunde sind. Wie hat der Rest der Band zusammengefunden und war es schwer, die passenden Leute zu finden? Und was macht ihr sonst so, außer Metal zu spielen und Fackelträger der gascognischen Kultur zu sein?

Boisson Divine am Kreuz von Beliou.

Das stimmt. Unser erstes Album von 2013 haben wir nur mit zwei Mitgliedern herausgebracht. Wir hatten keinerlei Pläne, wie es weitergehen würde und hatten auch nicht darüber nachgedacht, live zu spielen. Wir wussten absolut nichts über das Musikgeschäft und wie alles funktioniert, hatten allgemein nur sehr wenige Kontakte in die Szene. Unser Debüt war aber ein großer Erfolg und bekam sehr gute Reviews aus der Musikpresse. Von da an begannen uns Promoter nach Konzerten anzufragen. Wir haben am Anfang viele Angebote abgelehnt, weil wir schlicht nur zu zweit waren. Erst nach einer Weile beschlossen wir, eine vollständige Band zusammenzustellen. Das ging dann ziemlich simpel und natürlich von statten. Unser Gitarrist spielt im gleichen Rugby-Team wie wir, unser Bassist war der Bruder unseres Schlagzeugers. Ein passenden Dudelsackspieler und jemanden für die Flöte zu finden, war dann schon ein wenig schwerer. Das sind recht seltene Instrumente und dementsprechend sind diejenigen, die sie spielen, in der Regel keine Amateure, sondern professionelle Musiker. Aber wir haben schließlich die restlichen Musiker an einer Musikhochschule gefunden, die eine Stunde von unserer Heimatstadt entfernt liegt.

Wir haben uns wirklich gesucht und gefunden und können es uns inzwischen absolut nicht vorstellen, nicht miteinander zu musizieren. Boisson Divine ist eine echte Geschichte von Freunden. Wir spielen nicht so häufig Live, aber die Auftritte sind sehr wertvolle Momente für jeden Einzelnen von uns. Auf diese Art Zeit miteinander zu verbringen, würden wir für nichts auf der Welt missen wollen!

Im „echten Leben“ bin ich Winzer und hab mein eigenes Weingut mit meinem Vater zusammen. Unser Schlagzeuger arbeitet mit Hunden, unser Bassist schneidet fürs Fernsehen Videos, unser Gitarrist ist Landwirt und die traditionellen Instrumente werden von ECHTEN Musikern gespielt!

Eure Flöten- und Drehleier-Spielerin Ayla tut uns ein wenig leid! Mit fünf Typen als einzige Frau zusammen in einer Band ist bestimmt sehr speziell! Ayla, wie ist es so, in einer sechsköpfigen Gruppe die einzige Frau zu sein? Was gefällt dir daran, und was nicht?

Ayla: Eigentlich ist es viel angenehmer als man denken könnte. Ehrlich gesagt, liebe ich es, die einzige Frau in der Band zu sein. Es wäre die Hölle, wenn wir zu zweit wären (lacht)! Ich fühle mich sicher und privilegiert mit den Jungs. Auf der Bühne bringe ich ein wenig Wärme und Weiblichkeit in die ganze Härte, und da geh ich voll drin auf! Wir lachen so viel und nach den Rugby-Spielen feiern wir die tollsten Partys zusammen. Etwas zu finden, was mir nicht so gefällt, ist ganz schön schwer! Manchmal komme ich nicht ganz hinterher bei dem ganzen Müll, den sie dauernd labern. Aber einerseits lerne ich schnell und andererseits bringen sie mich damit auch so oft zum Lachen. Ich würde meinen Platz in der Band für nichts auf der Welt hergeben, besonders nicht einer anderen Frau!

Die letzten Worte gehören euch!

Wir wollen uns herzlich für das Interview bedanken und grüßen alle Leser. Wir würden wahnsinnig gerne mal bei euch in Deutschland auftreten. Entschuldigt unseren gascognischen Humor und denkt daran, Kinder: Limo ist schlecht für die Gesundheit, trinkt lieber Wein! Das Tannin im Wein schenkt euch ein langes Leben! Schmeißt die ganzen blöden Alu-Dosen in den Müll und besorgt euch ein paar schöne Flaschen Wein. Wir prosten euch aus der Gascogne zu!

This interview is also available in the raw, unedited English version here.

Boisson Divine sind :

Baptiste Labenne (Gesang, Gitarre)

Adrian Gilles (Schlagzeug, Gesang)

Ayla Bona (Flabuta, Drehleier, Gesang)

Pierre Delaporte (Boha, Akkordeon, Gesang)

Luca Quitadamo (Gitarre)

Florent Gilles-Waters (Bass)

 

Discography:

Enradigats (2013)

Volentat (2016)

La Halha (2020)

 

Bandhomepage

Boisson Divine auf Facebook

Boisson Divine auf Bandcamp

Boisson Divine bei Brennus Music (Label)

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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