Alles schwarz: Jürgens Jahr 2015

Da glaubt man, dass man einen Plan hätte – 2015 war das Jahr des Doom. Aber dann ... ja, dann geht man alles, was man so hier und dort zusammengetragen hat noch einmal durch und muss feststellen, dass neben dem in diesem Jahr in seiner Qualität unerreichten Doom-Metal-Bereich auch im Black Metal so einiges passiert ist, was den geneigten Hörer die Augenbrauen hochziehen läßt.

Es muss ja nicht gleich gestörter Kram wie Porta Nigra sein … oder Lychgate, gegen die Dodheimsgard wie Langeweiler wirken, auch wenn damit schon mal zwei Empfehlungen für das besonders extreme Herz ausgesprochen seien.

Nein, auch im „normaleren“ Black Metal hat im Jahr 2015 das eine oder andere Highlight das schwarze Licht der Welt erblickt. Der Neofolk dümpelt immer noch vor sich hin – auch wenn es da Lichtblicke gab, denn mit DEATH IN ROME ist eine Band auf die Bühne getreten, die leider (noch) nicht wirklich Kaufbares auf den Markt geworfen, dafür eine enorme Akzeptanz mit ihren Youtube-Videos erreicht hat, in denen sie Perlen der Popkultur in Neofolk verwandeln, klanglich auf den Spuren von (ja, wer hätte DAS gedacht?) Death In June und ROME wandeln. Ganz heißer Tip für 2016.

Im Gothic ebenfalls nichts Neues … oder doch? Fangen wir also an mit den sogenannten „Honourable Mentions“, die es knapp nicht in die Top 10 geschafft haben, aber trotzdem unbedingt der Erwähnung wert sind. Dazu gehören die alten Kämpen MOONSPELL, ENSLAVED und MORGOTH, die nun schon Jahre dabei oder zurückgekehrt sind und auf höchstem Niveau immer noch das machen, was sie am besten können.steadyasshegoes.jpg “ Auch die Erwähnung der Alben von HAUS ARAFNA, KILLING JOKE und AMBER ASYLUM darf bei der Betitelung mit „Alles Schwarz“ nicht fehlen. Da gibt es noch so einiges an Bemerkenswertem, das im Jahr 2015 das Licht der Welt erblickt hat: GNAW THEIR TONGUESNOVEMBER NÖVELET … man könnte ewig weitermachen. 2015 war ein wirklich gutes Jahr.

Als nächstes seien CATTLE DECAPITATION genannt, die garantiert das krasseste Werk des Jahres anbieten, Grind-Death der alles plattwalzenden Sorte, dennoch anspruchsvoll und verschachtelt – die noch krankere Version von Aborted; ansonsten war im hochwertigen Death Metal relative Flaute, höchstens MACABRE OMEN mit ihrer eingefiepten Old Bathory-Version dürften noch aufhorchen lassen.

Im Doom gibt es nicht nur Top-10-Platzierungen, auch knapp dahinter wird es langsam, beispielsweise mit den exzellenten Veröffentlichungen von PENTAGRAM, AHAB und dem Debüt von MAMMOTH STORM. ANTIMATTER haben mit ‚The Judas Table‘ im Progrock reüssiert, CHELSEA WOLFE im … ja, was genau? Egal, Hauptsache dunkel und dröhnend. Auch der Under-Underground hat so einiges anzubieten, der fast unklassifizierbare Ambient-Sound von TUSEN AR UNDER JORD, und mit BYRDI eine weniger verkopfte Version von Wardruna. Hier kommen meine Alben des Jahres:

Platz 10 geht an MUSTASCH. Da redet er von Doom und Black Metal und was kommt? Hard Rock, wie er männlicher, testosterongeladener und…..hardrockiger nicht sein könnte. Mustasch nehmen die guten Dinge von alten Bon Jovi, Aerosmith und Konsorten und machen daraus modernen, feinsten, stellenweise von ungeahntem Southern Rock getriebenen Hard Rock, der einem sofort im Ohr hängenbleibt. Sehr schön! skepticism.jpg

Platz 9 kommt dagegen langsam und schwer daher, und weitaus trostloser: SKEPTICISM mit ‚The Ordeal‘. Ja, es ist quälend düster, hoffnungslos und eine Neudefinierung von Funeral Doom, dem Genre, das die Band selbst mitbegründet hat. Das Ganze klingt wie eine Vertonung von Cormac McCarthys ‚The Road‘.

Platz 8 geht an einen absoluten Newcomer, deren Album nur über Bandcamp zu bekommen ist. THE STEADY AS SHE GOES haben mit ‚Monoliths‘ ein Album herausgebracht, das seit Jahren das erste ist, auf das die ursprüngliche Bezeichnung ‚Gothic‘ wirklich passt. Düster, monumental, episch – eine Mischung aus dem Cowboy-Gothic von den frühen Fields of The Nephilim, gepaart mit der klirrenden Elektronik der ersten Sisters-Singles und einem fetten Schuss modernen Postrocks – ergibt eine Soundwand kryptischen Ausmaßes.mgla.jpg

Platz 7 für Polen zeigt MGLA in Hochform. Wie immer nur von I bis VI betitelt, sind die einzelnen Kapitel auserkoren, eine Gesamtwirkung zu entfalten, die dem Black Metal neuen Sinn gibt. ‚Exercises in Futility‘ ist die Perfektionierung rasenden Depressive Black Metals, Trostlosigkeit, Kälte, verbunden mit unglaublichen Melodien und Riffs – das ist ein Werk, das das schwarzmetallische Herz für lange Zeit höher schlagen lassen wird.

Jess und die alten Götter – JESS AND THE ANCIENT ONES – bieten auf Platz 6 mit ‚The Aquarius Tapes‘ ein wahres Festival an gequirltem Psychedelic Rock, der einem auch ganz ohne Raucherpause den Kopf verdreht. Jess‘ Stimme ist die im Moment dominierende Gewalt im weiblichen Metal-Gesang (zusammen mit der Dame auf Platz 2 – gab es das jemals, dass ich gleich drei Bands mit Frauengesang in den Top 10 habe?) und trägt den absolut originellen UND originalen 70er Sound der Band in Sphären von Kaleidoskopen und rosa Wattewölkchen.jess.jpg

Platz 5 erreichen DRACONIAN, die mit ‚Sovran‘ ein moströses Stück Melancholie geschaffen haben. Nicht so düster und hart wie Skepticism, sondern mehr altersweise, traurig, ein Spiegelbild von My Dying Bride. Der gleichberechtigte weibliche und männliche Gesang, die schweren Riffs und die stellenweise recht kitschigen Melodien schaffen eine zwar etwas klischeehafte, aber nichtsdestotrotz warm-wohlige Atmosphäre von Düsternis.

Platz 4 ist dann tempomäßig wieder das Gegenteil: Hier findet sich erneut die Raserei, diesmal aus Norwegen. GRIFT haben mit ‚Syner‘ das amtlich beste, ehrlichste und hirnzerfräsendste Black Metal-Album seit den seligen Mittneunzigern gemacht.grift.jpg “ Rasend, gleichzeitig zutiefst melancholisch, stellenweise gar kitschig, aber gleichzeitig brutal und fies, mit Songs die ‚Mother North‘ Konkurrenz machen. ‚Det Bortvända Ansiktet‘ ist jedenfalls eines der absoluten Song-Highlights des Jahres. Ein Meisterwerk und das beste Black-Metal-Album seit langer, langer Zeit.

Auf Platz 3 steht mit PARADISE LOST und ‚The Plague Within‘ ein Rückkehrer – selten war die Rückbesinnung auf uralte Tugenden in Kombination mit aktuellem Stil so perfekt inszeniert wie von den Briten.paradiselost.jpg „Fiese Grunts wie in besten ‚Lost Paradise‘-Zeiten werden mit den schneidenden Riffs und den Melodien der ‚Icon‘-Phase zu einem retrospektiveartigen Gesamtkunstwerk zusammengesetzt.

Platz 2 und damit die Silbermedaille geht an AVATARIUM für ihr ‚Girl With The Raven Mask‘. Natürlich erkennt man Leif Edlings Stil unter Hunderten sofort heraus – aber was ist gegen eine psyedelisch-rockige, leicht angeproggte Version von Candlemass mit Frauengesang einzuwenden? Genau: Nichts! Da wird mit Melodien um sich geworfen, da werden Riffs aufgetürmt und niemand bricht unter der Last zusammen. Jennie-Anns Gesang steht, wenn auch anders geartet, den Shouts von Jess in nichts nach. Absolut großartig!avatarium.jpg

Platz 1 – und nur ganz ganz knapp, denn alle 10 Alben liegen nur einen Mikrometer auseinander – geht an MY DYING BRIDE und ‚Feel The Misery‘. Die Briten haben mit diesem neuerlichen Geniestreich die Atmosphäre von ‚Turn Loose The Swans‘ rekreiert. ‚Feel The Misery‘ und ‚And My Father Left Forever‘ gehen sofort in die Top 10 der besten MDB-Songs. Ein Meisterwerk, nichts anderes.

Es gab den einen oder anderen herausragenden Song, der den Hörer dazu brachte, sich wiederholt mit der Repeat-Taste auseinanderzusetzen; Tracks wie „Feel The Misery“ oder „The Girl With The Raven Mask“, das blazeofglorige „The Rider“ von Mustasch. Aber auch jenseits der genannten Bands hatten einige Tracks einiges zu bieten. So etwa der unerträgliche Ohrwurm „Yukon“ von Lindemann, der trotz oder gerade aufgrund seiner Primitivität so schön funktioniert. „Stillborn Empires“ von Antimatter und „Det Bortvända Ansiktet“ von Grift sollten als 2015er Anspieltipps erst mal genügen.

Fiese Griffe ins Klo waren natürlich auch zu verzeichnen. Slayer mit ihrem angestaubten, unfassbar öden Gedresche dürfen sich gern ins Altersheim einweisen und Tom Araya beim Weihnachtsmann-Contest abgeben; da könnten sie wenigstens irgendetwas gewinnen. Iron Mai … zzzZZZzzzzZZzz? Am übelsten allerdings ist das, was Marilyn Manson da anbietet: ein gequirlter Haufen unfassbarer Langeweile, der an Unverschämtheit grenzt. Und sonst? Unheilig sind tot. ENDLICH. Es war wirklich ein gutes Jahr.

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