Eric Clayton

A Thousand Scars

  • Artist: Eric Clayton
  • Album: A Thousand Scars
  • Label:
  • Release: 2020-04-24
  • Medium:
  • Bewertung:1+

Sehr, sehr selten passieren Dinge, mit denen niemand mehr gerechnet hat. Womöglich nicht einmal Eric Clayton selbst, der neunzehn Jahre nach Saviour Machines „Legend III.I“ (dem letzten Teil der unvollendeten Legend-Trilogie) ein neues Solo-Album herausgebracht hat. Was hat der Poet mit dem warmen Bariton in dieser langen Zeit gemacht? Genau das und mehr ist die Geschichte von „A Thousand Scars“. Dieses Werk ist nicht „einfach nur eine Geschichte“, sondern eher eine Art mitreißende, autobiographische Rock-Oper in 15 Akten. Sehr intim, wunderbar poetisch erzählt, emotional, tiefgründig, mutig und wahrlich beeindruckend.

Ist „A Thousand Scars“ ein Saviour Machine Album? Nein! Klingt es wie Saviour Machine? Nun, es klingt so sehr nach Saviour Machine, wie Clayton ein Teil von Saviour Machine war. Zumal auch sein Bruder Jeff, Gitarrist bei Saviour Machine, bei vier Songs auf dem neuen Werk beteiligt war. Wo Saviour Machine von Bombast geprägt waren, setzt das Solo-Album allerdings auf sprichwörtlich leisere Töne – ohne dabei weniger packend, dicht und emotional zu sein.

Getragen ist das ganze Werk (natürlich) von Claytons vielseitiger, ausdrucksstarker Stimme, die bei aller Wichtigkeit und Qualität der Instrumentierung stets im Vordergrund steht. Mit dieser trägt er die biografischen Akte in seinen persönlichen, metaphorischen Lyrics vor, für die er auch bei Saviour Machine stand und steht. Die sind düster und metaphernreich, aber auch hoffnungsvoll. Die Songs als Ganzes sind stilistisch vielfarbig und doch homogen. Sie klingen „irgendwie“ nach Saviour Machine, sind aber weniger Metal als „Saviour Machine I & II“ und (musikalisch) weniger dramatisch als „Legend“. Die Beschreibung „balladesk“ trifft die einzelnen, natürlich im Rock verwurzelten Songs auf „A Thousand Scars“ wohl am Besten. Streicher, Chöre, Synthesizer- und Piano-Elemente tragen dazu einen großen Teil bei.

Der Album-Opener ist „The Space Between Us“. Die wunderbar eingängige Melodie legt den hoffnungsvoll-versöhnlichen Grundstein für eine Geschichte, die viele düstere Aspekte hat. Fazit: Letztlich ist es die Liebe zu sich selbst und anderen, die einen mit sich selbst und anderen versöhnen. Den Album-Abschluss macht „The Greatest of These“, das in Anlehnung an die Bibel ebenfalls auf die Liebe verweist: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese Drei, aber die Liebe ist die Größte unter Ihnen.“ (1. Kor 13,13). Der gospelige Song erinnert zudem vom Aufbau und der Spannungskurve an die beiden großartigen Titel „Love Never Dies“ und „Jesus Christ“ von Saviour Machine.

Eingerahmt von diesen beiden „Säulen der Liebe“ gehen die dreizehn Lieder dazwischen ans Eingemachte. Sie blicken schonungslos und mutig auf die düsteren, häßlichen Episoden in Claytons Lebensgeschichte und seiner Sozialisation bis zurück in seine Kindheit („Where It Starts“, „A Man’s Heart“). Perfektionismus, Machtmißbrauch, intergenerationale Gewalt („In the Lines“), Selbstzweifel und -zerstörung („Lacerations“), Ängste („Chasing Monsters“), Depression, Indoktrinierung durch Kirche, Medien und Konsumgesellschaft („Initiated“, „American Whore“) und einiges mehr. Diese Geschichte ist zutiefst menschlich und berührend. Das Wunderbare an all dem ist, daß Clayton seine Dämonen besiegt hat, wie er im wunderbaren „New Man“ besingt:

When all the world was broken
And all the love had slipped away
When madness claimed the faithful son
The new man took his place.

Then all my dreams were shattered
Then all my hope was lost in vain
Then all my ashes gathered
And the new man, he remained.

Dieses Album muss man in einem gemütlichen Sessel über Kopfhörer, mit den Texten auf dem Schoß anhören. Wer sich mit dem entsprechenden Einfühlungsvermögen und Aufgeschlossenheit darauf einlässt, geht mit Eric Clayton auf eine Reise durch dessen Seele. Und das ist mehr als Musik. Das ist eine spirituelle Erfahrung.

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DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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