The Slow Show – ‚Wir wollen mit unserer Musik berühren‘

Wenn man ihren Bandnamen liest, denkt man sofort an einen The-National-Song. Hört man ihre Musik, wird der Name zum Programm beschworen. Und wenn man erfährt, dass die Band aus Manchester kommt, ist die Verwunderung über den so untypisch nordenglischen Sound groß. Schon jetzt haften einige Stempel an The Slow Show. Doch sie sind weit mehr als nur eine etwas untypisch englisch klingende Band, die ruhige und melancholische Balladen schreibt. The Slow Show vermögen es mit ihrer Musik ein Feuerwerk an Emotionen zu transportieren und ihr Publikum in ihren Bann zu ziehen. Ihr Debüt-Album 'White Water' gehört jetzt schon zu den interessantesten des Jahres. Kurz vor ihrem großen Auftritt im Dresdener Beatpol sprachen wir mit Sänger Rob Goodwin über den Zauber, den seine Band ausmacht und den Beginn seiner Slow Show.

Hey Rob, schön dich zu sehen. Wie wars gestern? Hattet ihr bisher eine erfolgreiche Tour?

Ja, danke! Im Moment fällt es uns noch schwer, zu verstehen, was eigentlich gerade passiert. Bisher war die Tour unglaublich, auch in den etwas kleineren Clubs in Hamburg, Köln oder Belgien. Ebenso gestern Abend in Berlin. Es ist schön, all diese Orte zu sehen. Die Atmosphäre in Berlin lässt einen sofort spüren, dass man in einer besonderen Stadt ist. Deswegen war ich beim Konzert extrem nervös. Es bedeutet schon etwas, in Berlin zu spielen, es ist eben ein bisschen wie London, die Hauptstadt und damit wirklich wichtig.

Vor drei Jahren habt ihr das erste Mal in Dresden vor 30 Leuten in einem Raum mit Wohnzimmeratmosphäre gespielt. Jetzt seid ihr im Beatpol, einem sehr viel größeren Club. Wie viel bedeutet euch das?Percy_Dean.jpg

Diese ganze Tour war ein völlig neues Erlebnis für uns. Der Release unseres Debüts hat eine Menge geändert. Man spielt in größeren Sälen, man sieht mehr Leute und das erste Mal singen einige sogar jedes Wort unserer Songs mit. Ich bin so dankbar und ich weiß auch, dass wir nun ein wenig mehr Verantwortung haben die Band am Laufen zu halten. Wenn wir jetzt irgendwo spielen, möchten wir den Leuten einen schönen Abend bereiten und die Songs angemessen abliefern. Wir wollen es schaffen, sie richtig zu begeistern. Immerhin kennen die meisten nun unsere Songs. Es ist ein tolles Gefühl an bekannte Orte wiederzukehren, an denen man bereits gespielt hat. Man hat den Vorschritt sozusagen direkt vor seinen Augen. Wir sind wirklich unglaublich stolz und auch demütig, heute Abend im Beatpol spielen zu dürfen.

Der erste Song auf eurem Debüt heißt Dresden. Das wirkt ja so, als hätte die Stadt Einfluss auf eure Musik genommen…

Dieser Song wurde nach unserem Auftritt in Dresden geschrieben. Das erste Konzert unserer allerersten Europatour gaben wir in Dresden. Und dieser Ort ist bis heute sehr besonders für uns. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich nach Dresden reingefahren bin und die Skyline gesehen habe. Es sah so dramatisch aus und in mir sind sehr viele Emotionen hochgekocht. Ich war so angetan von Dresdens Schönheit und Theatralik. Das hatte auch einen sehr großen Einfluss auf den Song, der mit dem sakralen Anfang ebenfalls sehr dramatisch ist. Wenn ich so darüber nachdenke, ist dieser Song über Dresden und darüber, dass die Leute unsere Musik hier ernsthaft gutfanden. Es fühlt sich auch immer noch so an, als wäre das der Beginn unserer Band gewesen. Wir haben davor nur wenig zusammen gespielt. Hier haben wir realisiert, dass wir diese Band und ein Album wirklich machen wollen. Und wir wollten so gut dabei sein, wie wir nur irgendwie konnten.

Ihr habt mit der Zeit einen sehr speziellen Sound entwickelt. Dein Bariton und die Orchestration sind Aushängeschilder für eure Musik. Auf der ersten EP von 2011 singst du noch ganz anders und die Streicharrangments fanden ebenfalls noch keinen Einzug in die Songs. Wann kam der große Wandel?

Es war nie eine richtige Entscheidung, es war eher ein substanzieller Vorgang. Wir haben uns zu diesem Sound hin entwickelt, aber ich denke trotzdem, dass das aus einem klaren Grund geschah. Als wir begannen, war die Band eher ein Projekt. Wir haben uns vielleicht alle paar Monate einmal gesehen. Fred und ich schrieben die Songs im Studio zusammen, planten aber nicht wirklich damit, diese einmal live zu spielen. Es ging uns eher darum etwas Neues zu schreiben und aufzunehmen, das sich von unseren vorigen Projekten unterschied. Mit diesen Songs haben wir dann total unsere Richtung gefunden. Ich hab vorher zum Beispiel auch nie in einer Band gesungen. Ich hab mich beim Singen überhaupt nicht wohl gefühlt und mochte es auch nicht. Es war nicht geplant, dass ich einmal der Sänger sein würde, wir wollten immer jemand passenderen finden. Aber das ist nie geschehen, gerade wegen ‚Brother‘ und allen Songs die später folgten. Ich hab angefangen tiefer zu singen und mich dabei wohler zu fühlen. So haben wir als Band Fuß gefasst und begannen auch über die Zukunft des Projekts zu sprechen. Und ich muss sagen, dass ich das Singen mittlerweile absolute liebe! Es hat eine Weile gedauert, aber hier sind wir nun mit einem Album, das unseren Zusammenfindungsprozess reflektiert.

‚God Only Knows‘ und ‚Brother‘ sind die zwei einzigen Songs eurer EPs, die es bis auf das Album schafften. Waren Sie wichtige Schritte zum Ziel der Bandfindung?

Ja, das ist absolut richtig was du sagst. Die anderen Songs fühlen sich eigentlich kaum noch wie Slow-Show-Songs an, aber diese zwei definitiv. Auch jetzt haben sie für uns noch eine wahnsinnige Bedeutung. ‚Brother‘ war das erste Stück von uns, das unser damaliger Schweizer Booking-Agent hörte. Danach organisierte er die erste Tour für uns. Abgesehen davon, dass ‚Brother‘ eine sehr besondere Bedeutung für uns hat, ist er auch unser allererster Song als Band. ‚God Only Knows‘ ebenso, deswegen durften sie auf keinen Fall auf dem Album fehlen.

Wir haben ja schon kurz darüber gesprochen, dass die Orchestration ein wenig zu eurem Markenzeichen geworden ist. Wo kommt eure Liebe für das Orchester her?

Wir aus Manchester sind eigentlich an Gitarrenbands gewöhnt, woran wirklich nichts verkehrt ist. Fred produzierte in Manchester damals eine Gitarrenband nach der anderen und auch ich spielte in einigen Gitarrenbands. Wir trafen uns beide im Studio und redeten über die Lieder, die wir beide liebten, wie Filmmusik, Titelmusiken, Orchester und große nordenglische Brassbands. Wir mochten diesen Stil und mittlerweile ist er ein großer Teil unseres Sounds geworden. Wir würden zum Beispiel nie ohne Bläser reisen. Wenn es möglich ist, so wie heute Abend, dann ist es auch immer eine absolute Ehre Streicher und Chor mit einzubinden. Es ist ein Privileg und wir müssen uns selbst ab und zu in den Arm kneifen, wenn wir daran denken, dass all diese Musiker mit uns auf der Bühne stehen und unsere Songs, die wir in Manchester geschrieben haben, spielen. Wir haben nicht einmal im Traum daran gedacht, dass wir das so realisieren können. Es ist leider nicht immer praktisch möglich, aber wenn es das ist, dann genießen wir jede Sekunde eines solchen Abends.

Viele Leute beschreiben euch als die für Manchester untypischste Band aufgrund eurer Abgrenzung zur dort vorherrschenden Musikszene. Nervt euch das, weil ihr euch Manchester eigentlich sehr verbunden fühlt oder stimmt ihr sogar zu?

Rob: (lacht ein wenig) Ja, das ist eine gute Frage. Eigentlich stört es uns nicht. Wir sind sehr stolz darauf, aus Manchester zu kommen und auf die Musik und die Geschichte dort. Die Leute in Manchester sind eine große Inspiration für uns, genauso wie die Stadt an sich. Die Musik hingegen ist es nicht. Du würdest wahrscheinlich niemals ein Stück The Smiths oder Stone Roses in unseren Songs entdecken. Ich glaube es ist eine berechtigte Beschreibung zu sagen, dass wir nicht den typischen Manchester-Sound haben. Aber wir sind wirkliche Manchester-Leute, die sehr stolz auf ihre Herkunft sind. Wir lieben es innig. Niemals würden wir von dort weggehen.

Aber nicht wenn es um eure Lyrics geht, oder? Da entdecke ich eine Menge Überschneidungen mit der Stadt.

Rob: Ja. Ich bin eigentlich aus der kleinen Stadt Grimsby, lebe aber schon seit 20 Jahren in Manchester. Die Herkunft versteckt sich in einigen unserer Texte. In ‚Brother‘ zum Beispiel gibt es diese Stelle, da singe ich ‚Let’s go back to football fields and backyard alleyways‘. Leute sprechen mich darauf immer an, weil es irgendwie eine sehr regionale Sache ist. Ich weiß nicht, ob man backyard alleyways so richtig ins Deutsche übersetzen kann, aber diese winzigen Wege, zwischen den Häusern mit den vielen Ecken und ausgeschnittenen Türen sind damit gemeint. Als wir klein waren, haben wir dort immer Fußball gespielt. Sie erinnern mich sehr an den Norden Englands, das fließt auch alles in unsere Texte, die ich ebenfalls als sehr nordenglisch bezeichnen würde.

Eure Lieder werden gerne mal als sehr düster und melancholisch bezeichnet. In vielen steckt aber auch eine Menge Hoffnung. Wie wichtig ist dir Hoffnung?

Rob: Es freut mich sehr, dass du das sagt, weil wir immer total hoffen, dass Leute das auch wirklich merken. Natürlich singen wir über ernste Themen und haben traurige Texte, aber ich hoffe sehr, dass das Gefühl für Hoffnung und Emotionalität darunter nicht verloren geht. ‚Dresden‘ ist hierzu wieder ein super Beispiel. Das war der erste Song, den wir als Band zusammen komponierten. Ich schrieb die Lyrics, die wirklich relativ düster sind. Die Musik und die Instrumentation hingegen sind sehr erbaulich. Joels Gitarre sticht da heraus, oder die Drums von Chris. Wenn ich die höre, muss ich sofort lächeln. Auch wenn die Texte dunkel und traurig sind, die Musik zeigt unseren Optimismus und manchmal verbindet ein Lied sogar beides. Ich hoffe sehr, dass das in den Liveshows genauso herauskommt und die Hoffnung für alle zu spüren ist, das ist uns sehr wichtig.

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